Pilatus steht Jesus gegenüber. Im Hintergrund sind Männer zu sehen, die kritisch schauen. Die Frage steht im Raum: Ist Jesus zu verurteilen?
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Sag die Wahrheit

Mit der Wahrheit ist es nicht so einfach und doch wird Jesus als der König der Wahrheit bezeichnet. Als wenn Jesus nicht schon kompliziert genug wäre. Also: Was ist Wahrheit? Und was Jesus damit zu tun? Ein Impuls von Pastor a.P. Frederik Ehmke.

Wochenspruch – Mt 10, 28

Psalmgebet – Ps 43

Predigttext – Joh 18,28-19,5

Ein Dank an die Deutsche Bibelgesellschaft für die Nutzung der Textrechte.

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Was ist Wahrheit? Und muss man es mit ihr so genau nehmen? Meist werden wir schon von klein auf, dazu angehalten, die Wahrheit zu sagen und nicht zu schummeln. Weder bei Klassenarbeiten noch bei unseren späteren Bewerbungen und Lebensläufen. Lügen oder gar Lebenslügen fliegen irgendwann immer auf. Der Schaden, den Lügen anrichten können kann groß sein. Da wird Vertrauen der angelogenen und betrogenen Person zerstört. Manchmal irreparabel.

Und es gilt: Lügen haben bekanntlich kurze Beine.

 

Es gibt jedoch auch den ebenso bekannten Ausspruch: Man muss es mit der Wahrheit nicht so genau nehmen. Auf einem prinzipiell kostenlosen Parkplatz die Parkscheibe um eine halbe Stunde vorgestellt, um mehr Zeit fürs Einkaufen zu haben. Ist das eine Lüge? Ergaunere ich mir da Parkzeit? Schadet das jemanden?

Oder weniger eigennützig: Ist es verwerflich, wenn ich lüge, um jemand anderen zu schützen?

Wann ist Wahrheit Wahrheit?

Vielleicht hilft es bei der ethischen Abwägung zur Beantwortung der Frage in die Bibel zu schauen. Pontius Pilatus fragt in dem heutigen Text Jesus nach der Wahrheit.

Ich liebe diesen Dialog. Zwei Männer, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Der eine irgendwie völlig mit der Situation überfordert, der andere ganz souverän und für Außenstehende doch auch etwas wirr. Die beiden führen einen Dialog, der auf den ersten Blick eher wie zwei Selbstgespräche wirkt, die völlig aneinander vorbeigehen. Und doch kann ich hier einiges aus dem Dialog lernen. Und auch Pilatus hat am Ende dann einiges verstanden. Es lohnt sich also, da etwas genauer hinzuschauen.

Bist du der Juden König? Das ist die erste Frage, die Pilatus hat. Da ist er noch souverän. Das muss er klären, denn das ist immer gefährlich. Wenn die Juden irgendjemand zum König machen wollen, ist das für die Besatzungsmacht immer schwierig. Einfache Frage, aber keine einfache Antwort: „Warum fragst du das? Ist das deine eigene Vermutung, dass ich ein König bin oder haben andere das gesagt?“ Damit entmachtet Jesus Pilatus zum ersten Mal. „Wenn du es wirklich selbst gemerkt und gewusst hättest, warum musst du dann noch fragen? Wenn ich ein König wäre, wie du Könige kennst und verstehst, dann hättest du doch schon längst etwas gegen mich unternommen!“

Das impliziert diese Gegenfrage von Jesus schon. Pilatus gerät ins Straucheln und seine Antwort ist mehr Verteidigung im Sinne von: „Was weiß ich, wer du bist, ist mir eigentlich auch egal!“

Mein Eindruck, wenn ich die Geschichte höre, ist, dass Jesus dem Pilatus überhaupt nicht gefährlich ist. Und Pilatus begreift das und hat deshalb auch überhaupt keine Lust, sich mit diesem Jesus zu befassen. Aber er wird geradezu dazu gezwungen. Und nachdem Pilatus merkt, mit diesem Königsthema nicht so recht weiterzukommen, da will er jetzt eben kurzen Prozess machen. „Also sag mir einfach, was du getan hast!“ Und als hätte Jesus die Frage nicht verstanden, sagt er jetzt: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt.“ Was Pilatus zunehmend verwirrt. „Also bist du doch ein König?“ Muss Pilatus jetzt natürlich fragen. Und endlich bestätigt Jesus mal eine Frage: „Ja, genau, ich bin ein König. Und ich habe sogar Anhänger: nicht die Juden sind das oder sonst eine bestimmte Volksgruppe. Meine Anhänger müssen aus der Wahrheit sein. Denn ich bin der König der Wahrheit. Die Wahrheit ist mein Reich. Und mein Reich ist nicht von dieser Welt.“ Alles sehr verwirrend. Und die Antwort von Pilatus ist treffsicher und gerade deshalb so schmerzhaft und entlarvend: „Was ist schon Wahrheit?“

 

Da ist diese Frage. Was ist Wahrheit? Auch ich denke, wie Pilatus: Bleib mir fort. Wahrheit ist kompliziert. Damals. Aber auch heute. Fake News überall. Unwahrheiten fluten die Nachrichten, damit was hängen bleibt von  Gedanken, die ganz bestimmte Zielen verfolgen. Vor allem das: Menschen zu verunsichern, um aus ihrer Unsicherheiten Macht zu erlangen. Man muss, zumal als Machtpolitiker wie Pontius Pilatus, nur überzeugen können! Solche „Wahrheitsbeuger“ gibt es auch heute. Menschen, die von sich selbst und ihrem Gerede überzeugen. ! Aber doch nicht von der Wahrheit. Das weiß Pilatus als taktischer und strategischer Politiker ganz genau. Und man kann ihm deshalb eigentlich auch gar nichts vorwerfen. Denn das ist ja ein menschliches Grundproblem: Wir können Wahrheit nicht absolut fassen, wie wir anhand der Beispiele am Anfang gesehen haben. Wir können kein Ereignis und keine Beobachtung auf dieser Welt so gründlich bis in alle Details fassen einschließlich Blick in die Vergangenheit und Zukunft, dass wir die Wahrheit absolut erkennen könnten. Wir können uns ihr vielleicht annähern. Aber wir können sie eben auch genauso gut nach Belieben beugen, denn am Ende weiß eh keiner so genau, ob es die Wahrheit war oder nicht. Faktenchecks, ja sind manchmal möglich, sind nötig und helfen auch Unwahrheiten aufzudecken, aber dennoch ist die Suche nach DER Wahrheit immer ein schwieriges Unterfangen. Ein König der Wahrheit, der hat es also schwer auf dieser Welt. Und Leben funktioniert auch mit Halbwahrheiten oft ganz gut. Jedenfalls, wenn es um die vermeintlich „kleinen Dinge“ geht, wo man es ja sprichwörtlich mit der Wahrheit nicht so ganz genau nimmt.

 

Manchmal besser sogar. Denn dann kann man sich immer alles so hindrehen, wie man es im Moment braucht.

Aber zumindest Pilatus scheint davon irgendwie doch beeindruckt. Und er will Jesus eigentlich nicht verurteilen. Vielleicht hat er ja schon ein Stück der Wahrheit erkannt, als Jesus ihm da so gegenüberstand?

Und dann kommt eine der eindrücklichsten Szenen der Bibel, wie ich finde, die es zu echtem Weltruhm geschafft hat und mich auch in den Kinderbibeln immer wieder beeindruckt: Jesus steht vor dem Volk, Dornenkrone, Purpurmantel, wahrscheinlich schon ein blaues Auge und Striemen im Gesicht und Pilatus sagt dem ganzen Volk: idou, o anthropos. In Lutherdeutsch steht da: Seht, welch ein Mensch. Manche kennen es auf Latein. Ecce homo. Wörtlich übersetzt heißt es: Seht, der Mensch.

Der Mensch! Und damit ist alles gesagt. Damit ist der Abgrund der Menschheit aufgetan. Seht, der Mensch! Kann auf der einen Seite heißen: Seht, was der Mensch alles anrichten kann. Wie er die Wahrheit nicht erkennen kann oder will, sondern sie beugt. Wie er andere Menschen quält und zu Tode bringen will, weil sie ihm nicht in den Kram passen. Weil sie nicht zur eigenen persönlichen Wahrheit passen. Seht, der Mensch.

Seht, der Mensch, da hat auf der anderen Seite Pilatus aber auch eine tiefe Wahrheit ausgesprochen. Seht der Mensch kann andrerseits nämlich heißen: Seht, so hat Gott den Menschen gedacht und gemacht. Als Mensch, der Gott treu bleibt. Als Mensch, der seine Berufung kennt und seiner Bestimmung folgt. Als Mensch, der trotz allen äußeren Umständen sich nicht davon abbringen lässt, Gottes Wege zu gehen und seinem Willen zu folgen. Der in völligem Einvernehmen und in echter Gemeinschaft mit Gott lebt. Als Mensch, der aus der Wahrheit lebt, weil er ganz aus Gott lebt. Seht, der Mensch. So könnte er sein. So hat Gott ihn geschaffen. So erkennen wir in Jesus, wie wir selbst einst gedacht und gemacht wurden. Ud wir sehen auch, was dieses Menschsein auf der Welt manchmal für einen Preis haben kann. Seht, der Mensch.

Was sehen wir, wenn wir dieses Bild vor Augen haben? Sehen wir nur, wie schlimm und schlecht die Menschen und die ganze Welt ist? Oder sehen wir auch, dass da der Mensch steht, wie Gott ihn sich gedacht und gewünscht hat? Und sehen wir, dass dieser eine Mensch gerade kurz davor ist, uns allen dieses echte und wahre Menschsein wieder zu ermöglichen? Dieses Menschsein in der Gemeinschaft mit Gott?

Was ist Wahrheit? Pilatus fragt auch uns. Wir haben sie vor Augen. Wir dürfen sie erkennen, wir dürfen sie für uns annehmen, wir dürfen an sie glauben, ja sogar aus ihr leben. Jesus ist die Wahrheit. Er ist aus Liebe zu seinen Mitmenschen bereit, sein Leben zu opfern, obgleich er keine politischen Pläne gegen die römischen Besatzer hegt und unschuldig ist. Die Wahrheit ist die Liebe, die sogar den Tod nicht scheut. In und aus der Wahrheit zu leben, heißt: Alles aus Liebe tun. Liebe, die nicht eigennützig ist, wie am Beispiel mit dem zu lang ergaunerten Parkplatz, sondern den Anderen im Blick hat, ihn gegebenenfalls auch vor Strafe schützt. Daran ist die Wahrheit zu messen. In der Liebe und meinen Blick für den Nächsten.

Amen.