Eins mit Gott
Wenn Weihnachten das Fest der Liebe ist, was bedeutet dann Liebe und wie funktioniert die zwischen Gott und mir? Schließlich ist das ein großer Gott und ich so klein, schließlich ist Gott so unerklärlich.
Wenn Weihnachten das Fest der Liebe ist, was bedeutet dann Liebe und wie funktioniert die zwischen Gott und mir? Schließlich ist das ein großer Gott und ich so klein, schließlich ist Gott so unerklärlich.
Ich hoffe, Sie sind bereit für ein paar nicht ganz alltägliche Weihnachtsgedanken. Für ein bisschen Provokation. Für ein paar Turnübungen des Hirns. Gestern an Heiligabend, da durfte es beschaulich zugehen.
Das Kindlein in der Krippe. Alle schauen es bedächtig an. Da darf man schon mal ausblenden, dass so eine Geburt anstrengend ist. Eine blutige Angelegenheit in einem schmutzigen Stall. Josef wahrscheinlich ohne jede Erfahrung in Geburtshilfe und das alles ziemlich weit weg von zu Hause, weil ein Mächtiger seine Steuerproblem lösen muss. Ja, lassen wir das alles mal weg an Heiligabend. Das verbindet sich auf den ersten Blick auch nicht so gut mit dem Fest der Liebe, wie Weihnachten gerne genannt wird.
Wenn ich an Liebe denke, dann denke ich ja erstmal an Romantik pur. Alles ist perfekt. Man trifft sich und will nicht mehr auseinandergehen. Die Blicke suchen sich und man kann die Hände nicht mehr voneinander lassen. Und weil das so ist und man sich immer näherkommen möchte, kann es gut sein und ist oft erwünscht, dass am Ende oder am Anfang – ganz wie man es sehen möchte – eine Schwangerschaft steht und ein paar Monate später ein Kind geboren wird.
Die Frucht großer Liebe. Wieder Romantik pur. Und wieder wissen viele: So romantisch ist es dann doch nicht mit der Geburt und den schlaflosen Nächten, die folgen und die niemals aufzuhören scheinen. Und doch hat das alles mit Liebe zu tun. Mit großer Liebe. Mit Begehren und Verzehren. Mit Eins-werden mit einer anderen Person. Was für einen kurzen Moment der Liebe möglich erscheint, das Eins-werden, wird sozusagen dauerhaft sichtbar in einem Kind.
Wenn Sie jetzt glauben, ich analysiere Ihnen nun, wie das damals bei Maria und Josef war und wie meine Theorie dazu lautet, dann täuschen Sie sich. Denn ich bin dafür, dass es Rätsel und Geheimnisse geben darf. Auch das gehört für mich zur Liebe. Das Nichtganzverstehen und Nichtganzbegreifen. Denn so sehr ich den anderen liebe, wird er mir immer in seiner Ganzheit verborgen bleiben. Weihnachten also, das Fest der Liebe. Gestern mit hoffentlich vielen lieben Worten, lieben Geschenken und einem friedvollen Fest.
Heute am 1. Weihnachtstag mit der Theorie über die fleischgewordene Liebe, die zu jedem von uns kommen möchte. Denn wir haben es gehört im Wochenspruch: „Das Wort wurde Fleisch und wohnte mitten unter uns und wir sahen seine Herrlichkeit.“
Doch damit nicht genug. In Paulus Brief an die Gemeinde in Kolossä hören wir, dass Gottes Wort über die Liebe zu den Menschen, nicht Worte geblieben sind, sondern sich ganz und gar in diesem Kind in der Krippe zeigen. In Jesus. In ihm liegt und zeigt sich alles, was Gott mir sagen möchte. Ich soll mich bitte nicht ablenken lassen, von dem, was Menschen denken und sagen. Welche Theorien sie mit der Welt und ihren Geheimnissen verfolgen, sondern mich gründen, verwurzeln, festhalten, eins werden mit diesem Kind. Das ist es wieder: das Eins-werden, verschmelzen, aufnehmen. Da ist sie wieder, die Vorstellung von einer Liebe, die nicht nur verbindet, sondern, die den anderen ganz aufnimmt. Der evangelische Theologe, Schriftsteller und Philosoph Senthuran Varatharajah sagte in einem Interview: „Wenn wir lieben, sind wir Kannibalen, ja.“ Das klingt für mich erstmal völlig schräg, aber was er meint, ist das, was ich zu Anfang beschrieben habe. Wenn Liebe im Spiel ist, dann kann nicht genug Nähe da sein. Dann geht es nicht nur darum, den anderen zu verstehen, sondern ganz eins mit ihm oder ihr zu sein. Dem Fühlen, dem Denken des anderen auf die Spur zu kommen. So zu einer Einheit zu werden, dass ich nicht nur verstehe, sondern dieses Verständnis zu meinem wird. Gott und seine Liebe so in mir aufnehmen, das ist Gottes Wunsch an Weihnachten. Ganz und gar hat sich Gott in dieses Kind im Stall hineingegeben, komplett und ich soll nun dieses Kind ganz und gar in mir aufnehmen. Dass – wie Paulus es nennt – die Fülle Gottes, die in dem Kind wohnt, auch zu mir kommt, in mich hinein.
Es ist wichtig, dass sie in mich kommt, denn das ist der Reichtum, wie Gott ihn versteht. Im Stall von Bethlehem, unter den ärmlichsten Verhältnissen wurde der größte Schatz der Welt geboren. Fleisch gewordene Liebe. Mensch gewordene Liebe, die sich auch mit mir, mit dir, mit Ihnen verbinden will. Aufgenommen werden will. Angelus Silesius hat es nicht so kannibalisch formuliert und meint doch das Gleiche: Wird Christus tausendmal in Bethlehem geboren und nicht in dir, du bleibst doch ewiglich verloren.
Es geht darum Gott von innen heraus zu verstehen, nicht von außen, deshalb auch Paulus‘ Verweis auf die Philosophie und die Lehren, die sich die Menschen gegeben haben. Das alles sind Hilfsmittel, die Welt und mein Sein verstehen zu wollen. Ich meine auch, das ist gut und wichtig, aber sie dürfen und sollen nicht über den Kern hinwegtäuschen, dass das Leben in seiner Ganzheit und seinem Reichtum aus Gott kommt. Wer sich das nicht nur gesagt sein lässt, sondern Gott ganz inwendig aufnimmt, der wird noch einmal mit ganz anderen Augen in die Welt zu blicken, mit Gottes Augen. Dazu lädt mich der 1. Weihnachtstag ein: mit Gott, dem Kind in der Krippe eins zu werden. Damit die Welt und sei sie um mich herum durch Armut, Krieg, Alltagssorgen, Schmerzen und Hunger noch so erbärmlich, damit diese Welt reich wird, weil Gottes Liebe in mir ist und ich durch Gott in mir die Welt mit Liebe füllen kann.
Doch dann bleibt noch die Frage: Wie kann es gehen, so mit dem Kind in der Krippe eins zu werden? Vielleicht, indem ich den anderen kennenlernen will, mich einlasse und öffne, Interesse zeige, ihm nahe sein will, den Abstand zueinander so gering als möglich halte, seine Sichtweise und sein Denken verinnerlichen will. Indem ich diese Nähe zulasse und meine Angst überwinde, das könnte schiefgehen und wehtun. Es ist ein Weg. Einer, der an der Krippe beginnt und ein Leben lang andauert. Es ist ein Weg, den Gott an der Krippe begonnen hat, nah bei uns und verletzlich. Wie bei einer echten, wahren Liebe eben. Geheimnisse und Missverständnisse inbegriffen, aber mit der Gewissheit, dass Gott sich ganz und gar mit jedem einzelnen verschmelzen möchte, dass sein Liebe existiert. Amen
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