Keinen Zoff

Friede, Freude, Eierkuchen! Jeder ist glücklich und zufreiden. Jeder und jede hat, was er oder sie braucht. Himmlische Zustände! Nein, das soll es hier und heute schon geben. Von einer wunderbaren Gemeinschaft, erzählt uns heute Ruth Dipper und ein dankbarer Beter möchte uns die Augen öffnen.

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Wow! Gemeinschaft ohne Streit, jeder bekommt was er braucht, Gott fügt täglich hinzu — Ich finde, das klingt toll!

 

Und manchmal erlebe ich das auch. Manchmal gelingt Gemeinschaft. Da werden meine Bedürfnisse gesehen, ich fühle mich sicher, angenommen, aufgefangen. Oder ein andermal spüre ich den Hinweis Gottes auf die Bedürfnisse meines Gegenübers. Da kann ich dann hoffentlich mitwirken, dass sich jemand anderes sicher, angenommen, aufgefangen fühlt.

Aber oft habe ich das Gefühl, ich kämpfe so für mich, obwohl ich das gar nicht unbedingt immer will. Und im Gegenzug übersehe ich auch viel zu oft, was mein Mitmensch gerade braucht. Da gelingt mir Gemeinschaft irgendwie nicht besonders gut.

In meiner Kirche und Ortsgemeinde empfinde ich es manchmal auch so: Denn manchmal finden neue Menschen zu uns in die Kirche und bleiben, sie fühlen sich wohl in der Gemeinschaft bei uns im Gottesdienst. Oder im Ort sprechen sie über uns so: „Das sind doch die mit der Suppenküche!” Ja, genau. Da haben wir, als Kirche gesehen, was der Ort braucht und tun, was Not tut.

Aber meistens wirken wir an unserem Ort nicht so viel und wir sind den Menschen hier eher egal.

Damals, den ersten Christen kurz nach Pfingsten, denen ging es wohl noch nicht so. Sie “fanden Wohlwollen beim ganzen Volk” steht da bei Luther, also “das ganze Volk mochte sie.” Das kann man sich heute fast nicht mehr vorstellen.

Aber der Satz ist eigentlich noch unglaublicher. Denn in seiner ursprünglichen Fassung im Griechischen,  ließe sich der Satz auch genau andersherum lesen. Also heißt es dann nicht nur: Sie “fanden Wohlwollen beim ganzen Volk”.

Sondern auch:  „Sie hatten Wohlwollen für das ganze Volk”.  Beides ist möglich.

Im Griechischen geht das. Und ich vermute, Lukas hat das in genau diesem Zusammenhang absichtlich so formuliert, dass er beides gleichzeitig meinte. Denn eigentlich gehört das beides zusammen. Denn gesundes Beziehungsgeschehen beruht auf Gegenseitigkeit.

Diese Gegenseitigkeit zog sich durch diese allererste christliche Gemeinschaft. Da wird nicht aufgerechnet. Jeder bekam, wie er Bedarf hatte. Es ging nicht nur um das Gefühl dazuzugehören, es wurden auch materielle Dinge einfach geteilt.

Da verkauften sie nach und nach Besitz Einzelner und konnten so ihre Gemeinschaft und jeden Einzelnen finanzieren.

Ich muss zugeben, beim ersten Lesen dachte ich, dass das nicht so klug ist. Es wäre doch viel besser gewesen, hätten sie statt einfach zu verkaufen ihren Besitz bewirtschaftet und das Geld investiert.

Fehlt mir da das Vertrauen in Gottes Wirken? Möchte ich selbst zu sehr die Kontrolle behalten? Einerseits denke ich, mein Einwand stimmt durchaus. Nachhaltig wäre es nicht, wenn wir alle nach und nach alles verkauften. Nein, es ist nicht sinnvoll, das gezeichnete Bild da am Anfang der Apostelgeschichte als Blaupause auf unser Leben anzulegen.

Aber ein bisschen stimmt das vermutlich schon, dass ich mich zu sehr auf mich und meine Pläne verlasse und zu wenig auf Gottes Wirken. Da möchte ich einerseits mehr Gemeinschaft mit anderen, auch in meiner Gemeinde und Kirche, aber andererseits nur zu meinen Bedingungen.  Gemeinschaft mit Menschen wie ich, die wie ich ticken: Die meine Hobbys teilen, meinen Humor verstehen und am besten Kinder haben, die so alt sind wie meine, so dass wir zusammenwerfen können, was wir haben und alle glücklich sind. Wenn alle denken wie ich, dann gibt es keine Konfliktpunkte!

Aber ist es nicht genau andersherum gedacht? Wenn in einer Gemeinschaft der Heilige Geist wirkt, Gott selbst am Werk ist, dann kann ich mich auch auf Menschen einlassen, die anders sind als ich. Und dann spüre ich etwas von dem, was Gott mit uns vor hat.

Und, noch besser, in der größeren Gruppe können wir uns besser ergänzen. Denn wenn wir viele sind und alle sich nur ein ganz klein wenig öffnen, können viele unterschiedliche Menschen sich in unserem Netz einfügen und dieses Netz wird an den Rändern auch immer wieder ein Stückchen breiter. Und vielleicht sind manche in der Gruppe sogar bereit, sich sehr zu öffnen, sich auf ganz andere Menschen einzulassen, und unser gemeinsames Netz wird gleich viel breiter und ich kann von anderen lernen.

Ich würde mir wünschen, dass Gott wieder mehr Menschen in unser Netz einfügt, denn wir haben da etwas, was der Welt gut tut.

Wir haben Gottes Geist, der begeistern will und uns mutig machen will uns zu öffnen, zum Wohl für unsere Gemeinschaft und zum Wohl der Menschen, um uns herum.

 

Genau dieses Füreinander da sein, zu schauen, dass jeder genug hat und auch zu wissen, dass es ein Genug gibt, ist das nicht unfassbar wertvoll und etwas, was viele Missstände heute lösen könnte? Das kann unsere Gesellschaft verändern. Und diese Veränderung beginnt im ganz Kleinen, wo wir echte Gemeinschaft miteinander suchen, im Namen Gottes. Wo wir den Mut haben, uns zu öffnen, weil wir Gott vertrauen. Wo wir den Mut haben, neue Wege zu gehen, weil wir wissen, dass wir auf Gott setzen können. Uns gegenseitig vertrauen und Gott vertrauen zum Wohl aller.

Amen