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Wow-Effekt

Echte Überraschungen. Positive Überraschungen. Solche, die einen nicht nur ins Staunen bringen, sondern komplett neu ausrichten. Solche Wow-Momente sind eher selten. Heute haben wir einen für euch. Impulsgeberin ist Anja Kieser.

Wochenspruch  – 1. Joh 5, 4c

Psalmgebet  – Ps 138

Predigttext   – Mt 15, 21-28

Ein Dank an die Deutsche Bibelgesellschaft für die Nutzung der Textrechte.

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„Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.“ Ja, natürlich hänge ich noch in meinen Gedanken an diesem unmöglichen Bibeltext mit der Frau und der Bitte um Hilfe, der Ablehnung, die sie erfährt und dem demütigenden Bild der Hunde, die unter dem Tisch die Brosamen auffressen. Und doch: Der Wochenspruch geht mir zuerst durch den Kopf: Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.

Ja, vielleicht deshalb, weil er eigentlich die Zusammenfassung dieses fürchterlichen Bibeltextes ist. Darum geht es. Da bin ich mir gerade ganz sicher.

 

Findet ihr diesen Bibeltext gar nicht so furchtbar wie ich? Kann ja sein. Vielleicht geht es euch ganz anders als mir. Das hängt immer davon ab, welche Erfahrungen ich in meinem Leben gemacht habe, wie diese sich auf meinen Glauben ausgewirkt haben. Jeder hört Worte und Sätze verschieden. Das hängt auch von der Umgebung, der Stimmung ab, in der ich mich befinde und davon wer, was sagt.

 

Ich strauchle also mit diesem Bibeltext aus dem Matthäusevangelium und zwar seit ich mich an diesen erinnern kann. Bewusst kann ich mich das erste Mal an ihn erinnern, als ich ihn im Kindergottesdienst gehört habe. Bis dahin war Jesus mein Freund, mein großer Bruder. Wie konnte der plötzlich so reden? Mir tat die Frau so leid! Nicht genug, dass sie eine wahnsinnige Angst um ihr Kind hatte; sie wurden in ihrem Schrei nach Hilfe einfach ignoriert. Von Jesus! Und dann die herablassende Art der Freunde von Jesus: „Mach was, dass sie aufhört zu schreien!“ – Wie kann jemand nerven, lästig oder zu viel sein, der so voll Angst und Sorge ist? Da fährt es mir kalt den Rücken runter! Damals als Kind, als ich das zum ersten Mal bewusst gehört habe. Jesus, du doch nicht! Du bist doch nicht so!

Heute, fast 50 Jahre später, da tut mir das immer noch weh, aber ich merke viel mehr, wie sehr mich die Reaktion von Jesus und seinen Freunden noch auf eine andere Art erschüttert. Die Frage: Wie kann jemand nerven, lästig oder zu viel sein, der so voll Angst und Sorge ist? – Sie packt mich jetzt selbst am Kragen und führt mich vor. Ich ducke mich auch weg. Ich ignoriere auch. Ich werde auch nicht so gern gestört und schon gar nicht von Menschen, mit denen ich ja eigentlich gar nichts zu tun habe.

So war es doch damals auch. Jesus war mit seinen Freunden in einer Gegend unterwegs, die nicht religiös geprägt war, heidnisch. Und sie treffen auf eine kanaanäische Frau, im Markusevangelium, in dem diese Begegnung auch erzählt wird, wird sie als syrisch-phönizische Frau bezeichnet, also eine Frau, die Nicht-Jüdin ist. Jesus und seine Freunde verbindet also so rein gar nichts mit dieser Person. Warum sollte sie das Leid der Frau treffen?

 

Natürlich: Weil sie Hilfe braucht, weil sie Angst hat, weil sie bittet und bettelt, weil der Weg direkt an ihr vorbeiführt, weil sich das gehört, weil Jesus doch nicht einfach vorbeigehen kann, weil…. Ich höre all diese Weils und fühle mich selbst ertappt. Was geht mich das Elend meines Nachbarn an? Der Menschen in der Flüchtlingsunterkunft? Derer, die heute die Nacht auf der Straße verbracht haben? Der geschlagenen, der kranken, der hungernden Kinder?

Natürlich lassen mich diese Schicksale nicht kalt und schon gar nicht, wenn ich sehr direkt mit ihnen konfrontiert werde, wenn sie in meinem Leben plötzlich auftauchen, vor mir stehen, so wie diese Frau vor Jesus. Natürlich treffen sie mich und lassen mich nicht kalt. Aber ich bin doch auch gefangen in meiner Welt. Genug beschäftigt mit meinem Alltag. Ich brauch keine Störungen. Habe genug zu tun.

Ach ja, das sagt Jesus auch. „Ich habe doch genug Arbeit mit den Menschen im Haus Israel, was soll ich noch tun?“ So ähnlich klingt es im Bibeltext. Störe mich nicht. Halte mich nicht auf!

 

Ja, ich kenne das alles zu gut. Ich fühle die Bedrängnis. Kann diesen Jesus und seine Freunde heute besser verstehen, als damals, als Kind. Meine Naivität ist weg, jedem helfen zu können, das zu tun, was jetzt dran ist ohne zu überlegen, ohne Folgen zu bedenken, nur handeln. Und doch fühle ich weiterhin den Widerstand: Das kann nicht sein. Das ist nicht richtig. Das ist von Jesus nicht richtig. Von ihm erwarte ich etwas anderes. Von mir eigentlich auch. Und das darf ich auch.

 

Und dann kommt er, dieser WOW-Moment: Jesus wird komplett überrascht. Aus der Bahn geworfen. Raus geholt aus seinem Mindset. Seiner kleinen Welt Israel und mit einer Frau konfrontiert, die hartnäckig ist, die keine Angst hat, sich zu demütigen, sich nicht abschrecken lässt und die einen Glauben an den Tag legt, dass Jesus nicht anders kann als staunen und vor allem: Seine Meinung ändern! Plötzlich sieht Jesus die ganze Situation anders. Aus einer neuen Perspektive. Blickt auf die Szene mit neuen Augen und einer veränderten Haltung. Das alles NUR, weil diese Frau mit ihrer Art zu glauben, komplett überrascht hat. So eine Kehrtwende, eine 180 Grad-Wende, so etwas passiert nur dort, wo es plötzlich – WOW – macht. Wo mir plötzlich etwas ganz neu bewusst wird, wo ich wie vom Blitz getroffen werde und plötzlich ein anderes Licht auf die gleiche Situation fällt: WOW.

WOW, was für einen Glauben! Hört ihr den Wochenspruch noch: „Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.“

Jetzt macht es bei mir auch: WOW. Ach, so? Glaube hat nichts mit Regeln zu tun, mit Ländergrenzen und Kulturen, mit Sprachunterschieden, mit Gehaltskonten und Krankheitsgeschichten, mit arm und reich, mit Jung und Alt, mit Geschlechtern, mit Herkunft und Bildung… Glaube ist universal, unabhängig, grenzenlos, vielfältig und eine Stärke, die mein Leben so motiviert, dass ich handle. Dass ich ins Handeln komme und das auf zweifache Art.

Auf die Art der Frau: Dass ich mich nicht scheue, um Hilfe zu bitten, zu schreien, laut zu werden und hartnäckig mein Ziel zu verfolgen. Das Ziel die Welt zu bessern, diesen Tag, diese Stunde in der ich lebe mit denen Menschen, mit denen ich lebe und zu tun habe. Die Frau ist motiviert das Leben ihrer Tochter zu verbessern, ihr zu helfen. Für dieses Ziel tut sie alles. Ist sich nicht zu schade. Demütigt sich, in dem sie einräumt eigentlich gar kein Anrecht auf Hilfe zu haben, sie erfleht Hilfe aus Gnade, aus Mitleid. Und darin zeigt sich letztendlich ihre wahre Größe, denn sie führt dadurch Jesus und seine Freunde vor. Für Hilfeleistung braucht es keinen Rechtsgrund. Für Hilfe braucht es Menschen mit Herz. Hast du eins? Der Glaube der Frau, dass Jesus ihr helfen kann, ist wirklich mächtig. Er ist ein Antrieb, der Jesus wirklich beeindruckt.

Und dieser starke Glaube bewirkt ein Zweites auf der Seite von Jesus: Er lässt es zu, dass er unterbrochen wird. Dass er von sich absieht, seiner Art zu denken und zu leben und den anderen sieht, den Mitmenschen, gleich welcher Herkunft. So lässt sich Jesus unterbrechen und handelt. Der Glaube der Frau holt ihn raus aus seinem Gedankenkonstrukt und bricht seine Vorstellung von dem, was er gewöhnlich tun soll, auf. Das ist aber nicht so zu verstehen, dass meine Gebetserhörungen davon abhängen, wie stark mein Glaube ist. Dafür steht diese Geschichte, die am Ende eine Heilungsgeschichte ist, nicht. Der Effekt, der der starke Glaube der Frau bei Jesus hat, ist dieser: Der Glaube hat keine Grenzen. Glaube, wie ihn Gott versteht, der in seinem Sohn Jesus Christus Mensch wurde, ist ein Glaube ohne Grenzen. Das wurde Jesus bewusst. Das war sein WOW-Moment. Und mein WOW-Moment, dass Jesus das selbst lernen musste. Ich kann das zum Vorbild nehmen und selbst lernen, dass dieser Glaube größer und weiter und höher und vielfältiger ist, als ich denken kann.

Was mache ich nun mit diesem Bibeltext heute? Heut mit über 50 und mit dem immer noch gleichen Gefühl wie damals als Kind, als mein Jesusbild Risse bekam?

  1. Ich mache mir bewusst: dieser Text ist Absicht. Es ist in der Wissenschaft nicht ganz klar, ob sich die Geschichte genauso abgespielt hat, aber es ist klar, dass es einen Kern gibt, der sich so zugetragen hat. Dafür spricht, dass in zwei Evangelien davon erzählt wird und eine Überlieferung daher wichtig war, obwohl Jesus und seine Freunde nicht gut wegkommen auf den ersten Blick. Diese Geschichte ist also inhaltlich von großer Bedeutung. Und der lernende Jesus ist mir Vorbild, dass auch ich meine Perspektive immer wieder verändere und den Blick weit mache.

 

Und dem liegt – 2. zu Grunde zu zeigen:  Gottes Liebe, Gnade, Hilfe…. ist für alle da universal und universell. Was zu

 

  1. Führt. Zu WOW: Der Glaube an diesen Gott kann zu einer Stärke werden, die mein Leben und das Leben anderer positiv verändert. Weil der Glaube mir die Augen neu öffnet. Eine andere Perspektive bringt. Er mach mich menschlicher. Ja, störanfälliger. Einerseits dünnhäutiger macht, weil mir das Schicksal auch unbekannter Menschen nicht egal ist und er macht mich stärker, weil er
  2. eine Kraft ist, die Lebenssinn gibt. Die mich motiviert, mich ins Handeln bringt, mich hartnäckig sein lässt und kreativ – all das bringt positive Veränderung!

Daher 5.: Lass diesen Glauben in dir wachsen und stark werden. Stärke deine Hoffnung und dein Vertrauen in Gott – in dem du betest, mit anderen deine Erfahrungen teilst, mutig handelst, hartnäckig immer wieder dranbleibst, denn ohne Zweifel geht es nicht, sie sind der Motor des Dranbleibens! Erwarte alles. Hoffe alles. Gott hat versprochen grenzenlos da zu sein.

Und so kann sich 6. Erfüllen: Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.

Weil dieser Glaube, die Kraft hat, diese Welt immer wieder ein Stückchen besser zu machen. Wir dürfen heute damit anfangen.

 

Amen