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Durch den Magen gehen

Verdauungsprobleme sind nicht nur Themen im Werbefernsehen oder beim Arzt. Auch der/die Theolog*in beschäftigt sich damit. Heute unsere Impulsgeberin Nicole Marten.

Wochenspruch  – Hebr 3, 15

Psalmgebet – Ps 119,89–92.103–105.116

Predigttext  – Hes 2,1–5(6–7)8–10; 3,1–3

Ein Dank an die Deutsche Bibelgesellschaft für die Nutzung der Textrechte.

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„Liebe geht durch den Magen.“ „Die hat Schmetterlinge im Bauch.“ „Mein Bauchgefühl sagt: ‚Die Entscheidung ist gut.‘“ In vielen positiven Situationen sprechen wir von unserem Bauch, wenn wir zum Ausdruck bringen wollen, wie wir uns fühlen. Das gilt auch für die negativen Seiten: Etwas liegt uns schwer im Magen, manche Erlebnisse sind „schwer verdaulich“, wir knabbern an etwas, das wir nicht lösen können, oder das uns sehr getroffen hat. Und manchmal haben wir auch ein schlechtes Bauchgefühl. In der Bibel werden einige Körperteile genannt, die mehr bedeuten, als nur das Körperteil. Hand steht beispielsweise auch für Macht. Das Herz für das Zentrum der Gefühle. Der Bauch oder der Magen sind nicht darunter.

Der Prophet Hesekiel spricht auch nicht vom Bauch. Aber er hat eine Vision – er sieht Gott vor seinem inneren Auge. Gott gibt Hesekiel einen Auftrag, der es in sich hat. Er soll dem Volk Israel sagen, dass es falsch lebt, in die Irre geht. Und es zur Umkehr rufen. Und das, obwohl Gott zu Hesekiel sagt, dass das aussichtslos sein wird: Das Volk Israel wird nicht auf den Propheten hören. Außerdem kündigt Gott an, dass es Hesekiel nicht gut gehen wird, wenn er den Auftrag ausführt. Die Rede ist von Skorpionen, von Disteln und Dornen. So stark werden die Israeliten Hesekiel verletzen. Ich hätte da an Hesekiels Stelle ein richtig schlechtes Bauchgefühl. Und das, obwohl Gott direkt zu mir spricht. Das, was ich mir ja im Grunde immer sehr wünsche.

Denn manchmal frage ich mich, welches Ziel mein Leben denn so hat. Manchmal blicke ich in kniffligen Situationen einfach nicht durch und weiß nicht, wie ich am besten reagieren soll. Was ist Gottes Plan? Gibt es den überhaupt? Manchmal wünsche ich mir dann einfach eine Whatsapp von Gott, in der ich lesen kann, was als nächstes zu tun ist und auch, was das Ziel ist. Doch bis jetzt ist noch keine Whatsapp von Gott gekommen. Auch keine Mail, kein Anruf, kein Brief. „Aber du hast doch die Bibel!“, höre ich eine innere Stimme sagen. „Ja, schon“, antworte ich. „Aber vieles von dem, was ich da so lese, verstehe ich einfach nicht. Manches ist unlogisch. Es passt zum Beispiel ja nicht wirklich zu einem Gott der Liebe, wenn von Kriegen die Rede ist, die mit seiner Hilfe gewonnen werden. Und wie wir im 21. Jahrhundert leben sollen, davon kann die Bibel gar nicht sprechen – sie ist so alt, sie kennt ja noch nicht mal elektrischen Strom. Da kann sie doch auch nichts vom Internet wissen. Auf aktuelle Fragen kann sie nicht konkret antworten.“ Schon klar: Die Bibel gibt Hinweise, wie wir leben sollen. Freundlich sein, für Gerechtigkeit und Frieden eintreten, sich um die Armen kümmern und vieles mehr. Doch manchmal hätte ich es ganz gerne ein bisschen konkreter.

Hesekiel erlebt das ganz anders. Er sieht Gott, der in einem feurigen Himmelswagen daherkommt. Und hört, wie Gott mit ihm direkt spricht. Gott hat einen Auftrag für Hesekiel. Der ist, wie gesagt, ziemlich schwer. Ich würde sagen: Aussichtslos! So konkret muss Gott dann vielleicht doch nicht mit mir sprechen, denke ich schmunzelnd. Während Hesekiel seinen schwierigen Auftrag noch verdaut, passiert etwas Interessantes. Gott überreicht Hesekiel eine Schriftrolle. Klage, Ach und Weh stehen darauf. Hesekiel soll das Papier essen. Und siehe da, es schmeckt so süß wie Honig. Viele Theologen gehen davon aus, dass Hesekiel sein eigenes Buch essen muss. Also all das, was er an Schrecklichem sehen wird, all das, was er an Schrecklichem zu verkünden hat. Und dann geschieht etwas, das ich wie ein kleines Wunder sehe: All das Schlimme, all das Fürchterliche: Es schmeckt Hesekiel wie Honig. Der Honig ist in biblischer Zeit nicht nur ein Süßungsmittel, sondern der Inbegriff der Süße. Für mich steht Honig so auch als Symbol für den Himmel. Zusammen mit Milch wird Honig auch genannt, wenn es um die Beschreibung des verheißenen Landes geht – ein Land, in dem Milch und Honig fließen. Honig steht dafür, wie üppig das Land ist. Es blüht und grünt, es gibt genügend Bienen, die Welt ist friedlich, Gott segnet die Menschen. Wenn Hesekiel nun also die Schrift aufisst, in der von so viel Schrecklichem die Rede ist, dann ist das für mich auch ein Sinnbild dafür, dass Gott mit Hesekiel mitgeht. Dass er ihn segnet, auch wenn es hart auf hart kommen wird. Nicht alles im Leben ist süß. Auch nicht in unserem Leben. Manchmal müssen wir auch Unverdauliches verdauen und damit umgehen, so wie Hesekiel. Wir dürfen wie Hesekiel fest daran glauben: Gott geht mit. Gott segnet uns. Dieser Segen ist es, der ein gutes Bauchgefühl auslöst. So gestärkt kann Hesekiel an seine Aufgabe gehen – und wir dürfen das ebenso.

Interessant finde ich auch, wie Gott seine Rede an Hesekiel beginnt: „Mensch, stelle dich auf deine Füße!“ Stell dich hin, verstecke dich nicht. Sei aufrecht, nicht verkrümmt. Du darfst dich in meiner Gegenwart aufrichten. Und wenn du es selbst nicht kannst: Die Hesekiel-Geschichte zeigt, dass Gott weiß, wie schwer uns das fällt, hinzustehen, trotz der schwierigen Dinge, die wir erlebt haben, die uns niederdrücken. Deshalb schickt Gott auch seinen Geist. Der hilft Hesekiel dabei, aufzustehen, hinzustehen. Der Geist Gottes richtet Hesekiel auf. Auch wir dürfen aufstehen, hinstehen, brauchen uns nicht zu verstecken und müssen nicht gekrümmt dasitzen. Und auch uns wird Gottes Geist aufrichten. Und das, was uns schwerfällt, die schier unlösbaren Aufgaben, den Streit, den wir nicht schlichten können, die neue Herausforderung, die uns überfordern will: Gott geht mit seinem Segen mit. Vielleicht wird uns nicht alles, was wir erleben, so süß schmecken wie Honig. Manches wird schwer sein und bleiben. Doch das Verspechen von Gott gilt: Er geht mit uns mit, er segnet uns und ist bei uns. Und er schickt uns seinen Geist, um uns zu stärken und uns aufzurichten. Um uns zu schützen, wenn uns die Reaktionen anderer treffen, als seien es feurige Pfeile. Gott geht mit. Er segnet uns. Er stärkt uns und richtet uns auf. Im Vertrauen auf ihn dürfen wir ein gutes Bauchgefühl entwickeln, weil er für uns sorgt. Amen.

 

Gebet

Ich bete:

Gott, manchmal erdrücken mich meine Aufgaben. Manchmal sehe ich nicht mehr klar und fürchte, mich zu überfordern. Manchmal ist mir das Leben zu schwer. Ich möchte darauf vertrauen, dass du immer bei mir bist. Dass du es gut mit mir meinst. Dass du mich aufrichtest. Erinnere mich immer wieder an deine Güte und stärke mich in meinem Leben.  Amen.