Werner Philipp ist Bischof der Evangelisch-methodistischen Kirche in Deutschland
Foto: Kirchenkanzlei EmK

Pfingsten: Da passiert was

Alte Geschichte mit großer Wirkung – bis heute. Das ist Pfingsten! Diesen besonderen Tag feiern wir heute mit Bischof Werner Philipp von der Evangelisch-methodistischen Kirche.

Wochenspruch  – Sach 4, 6b

Psalmgebet – Ps 118, 24-29

Predigttext   – Apg 2, 1-21

Ein Dank an die Deutsche Bibelgesellschaft für die Nutzung der Textrechte.

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Pfingsten ist ganz gewiss kein stilles Fest. Es beginnt mit einem Geräusch, das niemand überhören kann. Ein Brausen erfüllt das Haus. Menschen schrecken auf, schauen sich an, halten den Atem an. Etwas geschieht, das sie sich nicht erklären können. Und dann wird sichtbar: Gottes Geist ist da – nicht leise und verborgen, sondern kraftvoll und spürbar, voller Dynamik.

Die ersten, die das erleben, sind Menschen wie du und ich. Sie gehören zu Jesus, und doch sind sie verunsichert. Sie wissen nicht, wie es weitergehen soll. Ihre Hoffnung hat Risse bekommen. Sie haben erlebt, wie schnell Gewissheiten ins Wanken geraten können.

Genau in diese Situation hinein kommt Gottes Geist. Er bringt Bewegung in das, was festgefahren ist. Er bringt Leben in das, was sich müde und erschöpft zeigt. Er bringt Hoffnung dorthin, wo Menschen sie kaum noch erwarten.

Was dann geschieht, entfaltet eine erstaunliche Wirkung. Die kleine, verängstigte Gruppe bleibt nicht länger unter sich. Das Brausen zieht Kreise. Menschen werden aufmerksam, sie kommen zusammen, sie lassen sich anstecken von dem, was sie hören und sehen. Plötzlich stehen da Menschen aus vielen Regionen, mit unterschiedlichen Sprachen, Prägungen und Erfahrungen. Und doch verbindet sie ein Moment, der größer ist als alles, was sie trennt.

Die andere Seite kennen wir nur zu gut. Vieles in unserer Welt driftet auseinander. Meinungen verhärten sich, Fronten bauen sich auf, und das Gemeinsame gerät aus dem Blick. Auch im persönlichen Leben gibt es Brüche. Beziehungen zerbrechen, Gespräche verstummen, Nähe geht verloren.

Umso stärker wirkt dieses Pfingstbild: Gottes Geist führt zusammen, was auseinanderzugehen droht. Er wirkt den Fliehkräften entgegen. Er stiftet Gemeinschaft, die nicht auf Gleichheit beruht, sondern auf einer tieferen Verbindung.

Dabei bleibt es nicht bei äußerer Nähe. Grenzen, die Menschen voneinander trennen, verlieren ihre Macht. Die Zuhörerinnen und Zuhörer staunen: Jeder hört die Jünger in der eigenen Sprache reden. Das ist mehr als ein ungewöhnliches Phänomen – es ist ein Zeichen dafür, wie Gott wirkt. Er nimmt Unterschiede ernst, aber er lässt sie nicht zum Hindernis werden. Herkunft, Bildung und Lebensgeschichte müssen nicht trennen. Gottes Geist schafft Räume, in denen echte Begegnung möglich wird.

Gerade dort, wo wir uns selbst begrenzt fühlen, kann das befreiend sein. Vielleicht gibt es Menschen, die wir innerlich längst aufgegeben haben. Vielleicht erleben wir uns selbst als fremd oder nicht dazugehörig. Pfingsten erzählt eine andere Geschichte. Es erzählt davon, dass Gott Wege findet, die wir nicht sehen, dass er Türen öffnet, die wir schon geschlossen hatten – dass sich Fenster auftun und plötzlich ein frischer Wind weht.

Und noch etwas geschieht: Menschen verstehen einander. Sie hören nicht nur Worte, sie begreifen, was gesagt wird. Sie erkennen darin Gottes Handeln. „Wir alle hören diese Leute in unseren eigenen Sprachen erzählen, was Gott Großes getan hat“, sagen sie. Verständigung wird möglich – nicht, weil plötzlich alles einfach ist, sondern weil Gottes Geist Brücken baut.

Das berührt einen wunden Punkt unserer Zeit. Wir reden viel, doch oft erreichen unsere Worte den anderen nicht. Missverständnisse entstehen schnell, und nicht selten ziehen wir uns zurück. Pfingsten setzt genau hier an. Gottes Geist schenkt eine neue Qualität des Hörens und Sprechens. Er hilft, dass Worte nicht leer bleiben, sondern Herzen erreichen, und dass aus Reden echte Begegnung wird.

Natürlich reagieren nicht alle begeistert. Einige machen sich lustig und erklären das Geschehen für Unsinn. Auch das gehört dazu. Wo Gottes Geist wirkt, gibt es immer auch Skepsis und Widerstand. Doch Petrus lässt sich davon nicht beirren.

Er tritt vor die Menge und spricht klar und mutig. Er erinnert an die Verheißung Gottes:

„Ich werde meinen Geist über alle Menschen ausgießen. Eure Söhne und Töchter werden als Propheten reden. Eure jungen Männer werden Visionen schauen, und eure Alten von Gott gesandte Träume haben.“

Was für eine wunderbare Zusage! Die Jungen brauchen Visionen – ein Ziel, das über den nächsten Trend hinausgeht. Und die Alten brauchen Träume. Denn auch im Alter darf die Seele weit bleiben. Gott hat mit Ihnen noch etwas vor, ganz gleich, wie alt Sie sind. Der Geist der Hoffnung eröffnet eine Perspektive, die über den Moment hinausreicht.

Darin liegt eine enorme Kraft. Gottes Geist gilt allen Menschen – Jungen und Alten, Frauen und Männern. Niemand ist ausgeschlossen. Er ist keine exklusive Erfahrung für wenige, sondern ein Geschenk für alle, ein Geschenk, das Leben und sogar ganze Gesellschaften verändern kann.

Vielleicht spüren Sie diese Sehnsucht: nach mehr Miteinander, nach weniger Trennung, nach Worten, die wirklich tragen. Pfingsten sagt: Diese Sehnsucht ist kein Zufall. Sie ist eine Spur Gottes in Ihnen. Und sie hat eine Antwort.

Denn Gottes Geist ist da. Er gehört nicht nur der Vergangenheit an, sondern ist Gegenwart – Geistesgegenwart. Er bewegt heute Menschen, öffnet Herzen und schenkt den Mut, neu aufeinander zuzugehen. Er gibt die Kraft, Grenzen nicht einfach hinzunehmen, und ermöglicht Worte, die verbinden statt zu verletzen.

Am Ende steht diese starke Zusage: „Jeder, der den Namen des Herrn anruft, wird gerettet werden.“ Das ist eine weite und offene Einladung. Sie gilt allen. Es braucht keine besonderen Voraussetzungen – nur den Mut, sich an Gott zu wenden.

Diese Zusage setzt konkrete Hoffnung frei, mitten im Leben, mitten im Alltag – dort, wo Sie stehen, wo Sie mit Krisen umgehen und Verunsicherungen aushalten müssen.

Lassen Sie sich auf die überraschende Wirkung dieses Geistes ein. Er kann mehr, als im Moment vorstellbar ist. Er eröffnet Möglichkeiten, wo nur Grenzen sichtbar sind. Er stiftet Gemeinschaft, wo Trennung erlebt wird, und schenkt Verständigung, wo Worte fehlen.

Öffnen Sie sich für diesen Geist der Hoffnung. Er will Ihr Leben berühren, Sie in Bewegung bringen und durch Sie hindurch wirken.

Wie gut, dass Pfingsten kein fernes Ereignis ist. Es ist eine Einladung für heute – eine Einladung, neu zu vertrauen, neu zu hoffen und neu zu leben.

Gottes Geist weht. Und er trägt weiter, als wir es je für möglich halten.