Auf, rein und zu!

Und wenn es dann erstmal in der Schublade liegt, dann findet es den Weg nicht mehr so schnell raus. In der Schublade landen unliebe Rechnungen, Versicherungsschreiben, eine angefangene Trauerkarte und Kleinzeug, das in der Wohnung keinen Platz findet. Manchmal landen dort leider auch Menschen. Veränderung ausgeschlossen? Abgeschrieben? Bei Jesus läuft es mal wieder anders. In Gottes Wohnung, da gibt es nicht nur eine Schublade, weiß auch unser Beter. Ein Impuls von Nicole Marten.

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Typisch Mark. Ständig vergisst er irgendetwas. Wenn er aus dem Haus geht, kannst du darauf wetten, dass er entweder den Schlüssel vergessen hat. Oder das Handy. Oder den Geldbeutel. Wenn du mit ihm einen Termin ausgemacht hast, kannst du dich darauf verlassen, dass er entweder nicht mehr weiß, wo du dich mit ihm treffen willst oder um welche Uhrzeit. Kann auch passieren, dass er gar nicht kommt, weil wieder mal was anderes wichtiger gewesen ist und er einfach nicht mehr an die Verabredung gedacht hat. Typisch Mark! Schreie ich innerlich, als es mal wieder so ist, dass ich alleine im Restaurant sitze und er mich, mal wieder viel zu spät und auch erst auf Nachfrage per Kurznachricht wissen lässt, dass da spontan was anderes dazwischen gekommen ist. So typisch alles. Mark steht für „Ständig unzuverlässig“, Anne für „Besserwisserin“, Tom für „immer gut gelaunt“ und ich? Welche Schublade passt zu mir? Ich kann dieses Schubladendenken nicht leiden und doch ertappe ich mich immer wieder dabei. Gerade eben wieder:

Die Geschichte von Petrus und dem Hahn ist mir seit Kindertagen vertraut. Jedes Mal, wenn ich sie lese, kommt mir die immer gleiche Schublade in den Sinn: „Typisch Petrus. Große Klappe, nix dahinter!“ Ich erinnere mich an die Geschichte, als die Freunde von Jesus im Boot sitzen, sie sind auf dem See unterwegs. Jesus kommt zu Fuß über den See gelaufen, direkt auf dem Wasser, um zu seinen Freunden zu gelangen. Krasse Sache. Und natürlich ist es der immer vorwitzige Petrus, der zu Jesus sagt „Hey, cool, auf dem See gehen – das will ich auch!“ Jesus antwortet einfach „Steig aus!“ Das tut Petrus, geht ein paar Schritte auf dem Wasser und versinkt dann doch. Hätte Jesus ihn da nicht herausgeholt, es wäre das Ende der Geschichte gewesen. Und jetzt also wieder. Noch beim Abendessen hatte Jesus Petrus direkt angesprochen. Ihm gesagt, dass harte Zeiten kommen werden. Petrus hat sofort verstanden, dass es um Verrat geht – und streitet das ab. „Ich? Nein, ich doch nicht. Ich bin sogar bereit, mit dir ins Gefängnis zu gehen – oder zu sterben!“ Doch Jesus sagt ihm „Bevor der Hahn heute kräht, wirst du mich drei Mal verraten haben.“

Und jetzt, naja, typisch halt. Petrus ist Jesus gefolgt, nachdem sie ihn festgenommen haben. Aus einiger Entfernung. Er sitzt im Innenhof des Hauses, in dem die Gerichtsverhandlung stattfindet. Drei Mal wird Petrus angesprochen. „Du gehörst doch auch zu ihm.“ Drei Mal streitet Petrus ab. Erst sagt er: „Ne, diesen Jesus, den kenne ich nicht“. Dann antwortet er – sinngemäß: „Ich gehöre nicht zu denen, das muss eine Verwechslung sein.“ Und beim dritten Mal sagt er „Ich habe keinen blassen Schimmer, wovon du redest!“ Das Versprechen, das Petrus seinem Freund Jesus gegeben hat, ist in diesem Moment einfach weg. Ein klarer Fall: Große Klappe, nichts dahinter! Doch halt. Die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Plötzlich kräht ein Hahn. Und die Erinnerung ist schlagartig wieder da. Petrus ist betroffen. Er rennt raus und weint heftig. Er hat erkannt, dass er sein Versprechen nicht gehalten hat, dass er versagt hat. Er ist gescheitert – mal wieder. Und er bereut das sehr.

Nicht alle Evangelien berichten dieselben Ereignisse, die Jesus mit seinen Freunden erlebt hat. Aber diese Geschichte mit Petrus und dem Hahn, die kommt in allen vier Berichten vor. Sie wird unterschiedlich erzählt. Aber immer ist es Petrus, der behauptet, mit Jesus in den Tod gehen zu wollen. Ich kann mir vorstellen, dass Petrus das in diesem Moment ganz genau so gemeint hat. Dass er sich nicht groß überlegt hat, was das bedeutet. Dass das ein ganz schön hoher Anspruch ist, den er da an sich selbst stellt, war ihm sicher nicht klar. Jesus aber weiß das. Er kennt Petrus durch und durch und weiß: An so einem hohen Anspruch muss jeder scheitern. Das kann niemand erfüllen. Nicht: „Typisch Petrus!“, sondern: „So ist es einfach. Kein Mensch kann das.“

Wahrscheinlich hat sich Petrus nach dem Hahnenschrei nur an das Versprechen erinnert, das er nicht halten konnte. Später wird er vielleicht aber auch an eine Zusage zurückdenken, die Jesus ihm in dem Gespräch beim Abendessen gemacht hat: „Ich habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht aufhört. Wenn du dann wieder zu mir zurückgekehrt bist, sollst du deine Brüder und Schwestern stärken.“ Und so kommt es dann ja auch. Davon berichtet Lukas erst in seinem zweiten Buch, der Apostelgeschichte: Petrus wurde einer der wichtigen Männer in der frühen Christenheit. Beim Evangelisten Johannes lesen wir sogar davon, dass Jesus nach seinem Tod und seiner Auferstehung nochmal intensiv mit Petrus gesprochen und ihm den Auftrag gegeben hat, sich um die Freudinnen und Freunde von Jesus zu kümmern.

Mir gehen die Worte von Jesus nicht aus dem Kopf. „Wenn du wieder zu mir zurückgekehrt bist…“ Wieder zurückkommen zu Jesus. Ihm nachfolgen. Selbst dann, wenn wir unsere Versprechen gebrochen haben: Wir dürfen wieder zurück. Vergebung ist möglich. Die Beziehung geht weiter. Auch dann, wenn ich mich zuvor mal wieder typisch verhalten habe. Änderung ist immer möglich. Das ist auch ein Gegenmittel gegen das Schubladendenken: Sicher kann es hilfreich sein, wenn ich typische Verhaltensweisen ein- und auch zuordne. Aber ich will auch immer im Blick haben, dass Veränderung möglich ist. Dass nicht nur meine Mitmenschen, sondern auch ich, dass wir uns auch einmal ganz untypisch verhalten können. Dass wir ausbrechen können aus den engen Schubladen und wir mit Jesus einen Neuanfang wagen können.

Amen