Foto: privat, Anja Kieser

Fehler gemacht? – Vergeben!

Wenn das so einfach wäre! Wie schön aber, wenn einem Fehler nicht nachgetragen werden. Impulsgeber ist heute Frederik Ehmke.

Wochenspruch   – Lk 19,10

Psalmgebet – Ps 103, 1-13

Predigttext  – 1. Tim 1, 12-17

Ein Dank an die Deutsche Bibelgesellschaft für die Nutzung der Textrechte.

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Gnade vor Recht? Ein „Auge“ zudrücken, wenn jemand einen Fehler begangen hat. Mitunter, wenn diese schweren, persönliche Konsequenzen zur Folge gehabt hätte? Eltern, die keinen Hausarrest verhängt haben? Kein Taschengeldabzug vorgenommen haben? Lehrer, die nicht Nachsitzen ließen und keinen Eintrag ins Klassenbuch geschrieben haben. Ein Chef, der es bei einem guten Gespräch beließ und keine Abmahnung ausgesprochen hat?  Gnade vor Recht. Ein Auge zugedrückt. Das sind gute Erfahrungen. Ich hoffe, Sie durften das auch schon mal erleben.

Gnade für meine Fehler. Keiner ist perfekt. Gesellschaftlich ist es nach meinem Dafürhalten leider nicht mehr so, dass jemand noch einmal eine zweite Chance erhält. Es gilt mehr das Prinzip „hire and fire“, ob das nun Manager in der Wirtschaft sind oder Fußballtrainer. Und da braucht nicht mal einer einen gravierenden Fehler zu machen, es reicht schon aus, wenn man den gesteckten Erwartungen nicht gerecht wird.

In unserem heutigen Bibeltext kommt nun ein Mann zu Wort, der in seinem Leben die Erfahrung gemacht hat, nochmals eine zweite Chance bekommen zu haben. Und zwar eine Chance von Gott. Die Rede ist vom Apostel Paulus.

Paulus schreibt hier an seinem Mitarbeiter Timotheus, den er in Ephesus zurückgelassen hat und der sich dort um die Gemeinde kümmern soll. Und dieser noch junge Timotheus sieht sich schweren Angriffen und dem Aufkommen fremder Lehren ausgesetzt. Da werden wieder Stimmen laut die behaupten, dass wir etwas für unser Heil tun müssen, es doch nicht sein kann, dass uns dies so einfach in den Schoß fällt. Vielleicht fühlt sich Timotheus auch der Aufgabe nicht gewachsen und hat Angst, aus Unerfahrenheit Fehler zu machen. Und so versucht Paulus, dem Timotheus Mut zu machen. Aber nicht in der Art, dass er ihm nun einen theologischen Vortrag hält, um ihn für die Auseinandersetzungen und Diskussionen mit seinen Gegnern zu schulen. Das wäre sicherlich ein Weg, um Timotheus in dieser Situation zu helfen. Aber Paulus weiß wohl wie kein anderer, dass die schönste Theorie eben nur Theorie ist und bleibt, wenn sie nicht durch Beispiele belebt wird und ihren Zugang zum Leben und den Herzen der Menschen findet.

Also erzählt Paulus aus seinem eigenen bewegten Leben. Dabei stellt er jedoch nicht seine großartigen Leistungen heraus, sondern verweist auf die dunklen Seiten seines Daseins. Er redet davon, dass er „früher ein Lästerer und Verfolger und Gewalttäter war“, einer, der den Christen arg zugesetzt und sie in arge Bedrängnis gebracht hatte. Er zwang sie „durch Strafen, zu lästern“ (Apg 26,11) und in seinem Eifer verfolgte er sie bis ins Ausland und scheute sich nicht, sie in den Tod zu treiben. Paulus war ein Eiferer, er wollte zeigen, dass er es mit seinem Glauben und seiner Gottesbeziehung ernst meint. Er wollte nicht nur Mitläufer sein und es bei Lippenbekenntnissen belassen, sondern er setzte sich für seine Überzeugungen ein. Er wollte nicht locker lassen bis er die christliche Gemeinde aufgerieben hatte. Erst dann, wollte er Ruhe geben.

Doch Gott handelt an Paulus, dem größten Christenverfolger zu seiner Zeit, aber anders als wir es erwarten und wahrscheinlich grundlegend anders, als ich selbst es tun würde. Gott handelt auf seine Art, Gott bleibt sich treu! Gott ist gnädig und bewahrt sowohl Paulus, als auch die christliche Gemeinde vor weiteren Folgen dieser grausamen Handlungen. Paulus erblindet zwar auf seinem Feldzug gegen die Christen, wird jedoch danach „sehend“ und versteht nun, dass er auf einem falschen Weg ist. Gott hat ihn davor bewahrt, weiter in diese Richtung zu laufen und seine späteren Glaubensbrüder und -schwestern weiter zu drangsalieren.

So handelt Gott. Als Stimme des Gewissens, die mich wieder liebevoll auf den richtigen Weg zurückholt und so vor schwereren Fehlern bewahrt. So wie es in einem berühmten Psalm heißt: „Er wird nicht für immer hadern noch ewig zornig bleiben. Er handelt nicht mit uns nach unseren Sünden und vergilt uns nicht nach unsrer Missetat. Denn so hoch der Himmel über die Erde ist, lässt er seine Gnade walten über denen, die ihn fürchten. So fern der Morgen ist vom Abend, lässt er unsre Übertretungen von uns sein. Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt, so erbarmt sich der Herr über die, die ihn fürchten.“ (Ps 103, 9-13). Gerade David, dem dieser Psalm zugeschrieben wird, hat  diese Erfahrung gemacht, was es bedeutet sich von Gott abzuwenden, aber er hat auch erfahren, dass sich Gott ihm wieder zugewandt hat. Ihn nicht seinerseits von sich gewiesen hat. Klar – Konsequenzen der eigenen Fehler müssen manchmal doch sein und sind unvermeidlich bei schweren Vergehen. Handeln hat nun mal Folgen. Und für die Folgen muss ich einstehen. Manchmal bezahlen. Daraus lernen. Aber: Gnade bedeutet, einen Blick auf den ganzen Menschen legen, statt auf das, was er falsch gemacht hat. Was uns Menschen unendlich schwer fällt und meist misslingt, setzt Jesus um: Er wendet sich uns Menschen immer wieder gnädig zu, weil er den Menschen sieht und nicht allein die Tat. Er verurteilt die Sünde, aufs Schärfste, erbarmt sich aber über den Sünder und nimmt ihn an. An diesen Jesus, glaubt Paulus, denn er war es – als Sohn Gottes – der ihn vom falschen Weg abholte und, nach seiner Erblindung, eine zweite Chance gab. Diese nutzte Paulus, um mit seinem charismatischen Eifer die Botschaft von eben diesem gnädigen Jesus, diesem barmherzigen Gott  weiter unter die Menschen zu bringen. Bis nach Europa.

Dank dieser zweiten Chance für Paulus gibt es, so gesehen, christliche Gemeinden außerhalb Israels. Diese Ermutigung nun mag nicht nur dem jungen Timotheus in seinem verantwortungsvollen Gemeindedienst geholfen haben, sondern es ist auch ein Zeugnis für uns.

Wenn uns Gnade widerfährt – egal von welcher Person und in welcher unmittelbaren Beziehung wir zu ihr stehen – und wir nicht die bittere Erfahrung machen müssen, eine harte Bestrafung für unser Vergehen zu bekommen, dann können wir uns daran erinnern, dass auch der christliche Gott eine solche Gnade zu uns hat. Er lässt uns nicht in unser Elend, in unser sicheres Verderben laufen, sondern holt uns auf den richtigen Weg zurück und gibt uns eine neue Chance. Es gibt keine hoffnungslosen Fälle bei ihm.

Ich wünsche ihnen genau diesen Zuspruch und die Gnade Gottes für ihr Leben.