Funkstille

Obwohl es heute um Funkstille geht, wird es natürlich keine absolute Stille geben. Doch: Wie ist das, wenn Gott nicht antwortet? Was dann? Aufgeben oder dranbleiben? Wir freuen uns, wenn Sie dranbleiben und wir miteinander feiern:

Wochenspruch   – 1. Petr 5, 5b

Psalmgebet – Ps 145,1–2.14.17–21

Predigttext  – Hiob 23

Ein Dank an die Deutsche Bibelgesellschaft für die Nutzung der Textrechte.

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Funkstille. Nichts. Geghostet. Heißt das heute. Es gab einen Kontakt und einer bricht ihn ab – ohne Ankündigung – ohne Abschied – ohne ausgesprochenen Grund. Nicht mehr erreichbar. Ghosten ist ein Phänomen in den Sozialen Netzwerken. Vornehmlich auf Datingplattformen. Zwei haben hin- und hergeschrieben, vielleicht kam es sogar zu einem Treffen und dann: nichts mehr. Keine Antwort auf Nachrichten, Anrufen etc. Der Eindruck: wahrscheinlich habe ich mir das alles nur eingebildet.  Funkstille.

Keine Frage wie verletzend ein solches Verhalten ist.

Funkstille.

Gibt es auch in der Familie. Das kann Höchststrafe sein. Dein Verhalten wird nicht gutgeheißen und darauf folgt Schweigen. Keine Aussprache. Kein klärendes Wort. Stille. Wer durchbricht sie?

Funkstille.

Auch unter Freunden. Freundschaften verlieren sich ja durchaus. Man lebt sich auseinander. Kann passieren. Ist normal. Funkstille beiderseits. Etwas anderes ist es, wenn Freunde da sind, man viel gemeinsam unternimmt, Leben teilt und dann feststellen muss: In der Krise trägt diese Freundschaft nicht. Vielleicht sieht und trifft man sich noch. Aber da ist nichts mehr, das verbindet. Funkstille.

Einsam und still wird es auch denn, wenn mich Leid und Krankheit isolieren. Wenn andere, da nicht mehr mitgehen können, selbst überfordert sind, den Rückzug antreten. Wenn ich mich zurückziehe, weil ich mich unverstanden fühle; weil ich andere Bedürfnisse habe; weil mich keiner versteht. Funkstille.

Und wenn dann die Fragen kommen und wenn dann da niemand ist, der mich hört und versteht? Wenn meine Fragen ins Leere gehen und meine Klagen auch, dann kann ich diesen Hiob verstehen.

Hiob von dem die Bibel im Buch Hiob erzählt ist auch nach 2 ½ tausend Jahren alltagstauglich. Die beschriebenen Gefühle und die entscheidende Frage: Warum gibt es schreckliches Leid, wenn Gott ein Gott der Liebe ist? Das ist kein alter Zopf. Das hat heute wie damals Relevanz.

Hiob hatte alles und dann nichts mehr. Und die Rahmenerzählung der Hiobsgeschichte macht von Anfang an klar: Dieser Hiob liebt Gott. Er tut nichts Falsches. Sein Reichtum ist nicht ergaunert. Er ist ehrlich, aufrichtig, ein liebender Familienvater. Er ist Vorbild. Und Gott sieht das genauso. Das erfahren wir auch gleich im 1. Kapitel des Buch Hiobs. Gott liebt diesen Hiob. Fast könnte man sagen: Gott ist stolz auf Hiobs vorbildliches Leben. Und warum lässt Gott es dann zu, dass diesem Hiob alles genommen wird? Dass er Hab und Gut und Menschen, die er liebt verliert und auch noch krank wird? Warum?

Und warum hält dieser Hiob dennoch an Gott fest. Hiob sagt mal: „Du hast mir alles gegeben. Du hast mir alles genommen. Dich will ich preisen.“

Hiobs Liebe zu Gott bleibt unerschütterlich. Oder doch nicht?

Hier kommt unser heutiger Impulstext ins Spiel. Er gehört, wie einige andere Texte im Buch Hiob zu den Texten, die die Rahmenhandlung unterbrechen. Mehr Dichtung sind. Mehr Einschub und Traktat um nochmal zu fokussieren, was die entscheidende Frage des Buchs Hiobs ist: Leiden – Gottesstrafe? Die Folge meines Tuns? Und ob ja oder nein, was sagt das über diesen Gott aus?

Das 23. Kapitel zeigt die ganze Problematik auf und ist sozusagen mitten in der Funkstille platziert. Gott ghostet Hiob. Da ist nur noch Leere. Alles Reden und Klagen scheint ins Leere geredet und da ist Funkstille, was Familie und Freunde betrifft. Letztere nehmen im Buch Hiob viel Raum ein und daher muss über sie auch an dieser Stelle gesprochen werden.

Drei bzw. vier Freunde kommen in dem Buch Hiob zu Wort. Sie sind auch mal still und sagen nichts. Und dieses Schweigen ist im Gegensatz zu ihrem Reden keine Funkstille. Im Schweigen gibt es noch eine Verbindung zu ihrem Freund Hiob, in ihrem Reden dann nicht mehr. Ihr Reden geht nämlich komplett an dem vorbei, was Hiob gerade erlebt. Kurz gesagt: Sie sind überzeugt davon, dass Hiob doch irgendwie Dreck am Stecken hat. Gott würde ihn niemals so strafen bzw. so im Stich lassen, wenn Hiob sich nicht doch irgendwie schuldig gemacht hätte. Sie reden rational. Sie sind tun sich als Anwälte Gottes hervor. Rechtfertigen sein Handeln. Sie reden abstrakt über Gottes Gerechtigkeit. Vor allem versetzen sie sich nicht in die Lage Hiobs hinein bzw. nehmen nicht wirklich Anteil daran. „Gib doch einfach zu, dass du schuldig bist“, raten sie dem Freund. „Bereue!“

Aber Hiob sieht nicht, was er bereuen, wo er Gott verletzt haben sollte, worin sein Fehlverhalten liegt. Es gab ja auch gar keins. Wissen wir Textleser. Hiob ist einsam und isoliert, trotz Freunden. Sie machen die Einsamkeit und Isolation noch sichtbarer.

Das alles geht aus dem heutigen Text vor. Hiob ist wirklich völlig verlassen. Ratlos. Aber er hat einen Wunsch und von dem spricht er hier.

Hiob wünscht sich, Gott zu begegnen. Offen und ehrlich möchte er seinen Fall mit ihm besprechen. Seine Sicht vortragen. Angehört und wahrgenommen werden. Damit auch er hören kann, was Gott dazu zu sagen hat. Ein verständlicher Wunsch.

Doch seine Enttäuschung ist groß. Gott ist nicht zu finden. Wohin er schaut und sich wendet. Kein Gott. Leere. Stille. Nichts.

Funkstille.

Spannend ist, was Hiob daraus macht. Er könnte nun einfach schweigen. Denn, wer hört ihn schon? Er könnte Gott aus seinem Leben streichen. Denn, was braucht er ihn, wenn er gar nicht da ist? Er könnte auch dem Rat seiner Freunde folgen und Gott um Vergebung bitten, Brandopfer bringen, bereuen, bereuen und nochmal bereuen, bis Gott milde gestimmt ist. Denn es muss einen Grund haben, dass er so viel leiden muss.

Doch das alles tut Hiob nicht. Er ringt weiter mit diesem Gott, dass er ihn hört. Hiob hält daran fest: Es gibt Gott und er hat sich nicht in ihm getäuscht, auch wenn ihm diese Situation jetzt Angst macht. Er will den Kontakt zu ihm. Er will ihm sagen, was ihn schmerzt und will ihn fragen, warum?

Hiob bleibt bei seinem Widerspruch. „Gott, ich habe weder dir noch den Menschen irgendwas getan. Warum dieses Leid?“ „Alles liegt im Dunkeln“, sagt Hiob, „doch diese Finsternis wird mich nicht zum Schweigen bringen.“

Was für eine Einstellung? Was für eine Kraft liegt darin? Vielleicht setzt diese Form des Widerspruchs und der Klage Gott gegenüber, neue Kräfte frei? Vielleicht ist das eine Form, Einsamkeit und Ohnmacht zu überwinden? Weil ich dadurch sichtbar und hörbar werde. Mich nicht abfinde. Und mal ehrlich: Wer will jemandem, der leidet, absprechen sich zu beklagen? Bei Gott zu beklagen? Hat jemand der leidet nicht allen Grund dazu und jedes Recht?

Wenn ich dieses 23. Kapitel höre, dann höre ich zwar die große Not, in der Hiob ist, aber ich spüre auch ein Gefühl von Geborgenheit. Die Worte, die Hiob an Gott richtet, sie zeigen ja, dass Hiob an der Beziehung zu Gott festhält. Er sich bei Gott so geborgen fühlt, dass er ihm das auch alles sagen kann und will.

Hiob rechtfertigt sich immer wieder seinen Freunden gegenüber, doch irgendwann lässt er es sein, weil er wohl merkt: endgültig Funkstille.

Gott gegenüber bleibt aber Hiob am Ball. Diese Funkstille will er überwinden. Um Antworten zu bekommen und sicherlich auch, um in der Gegenwart Gottes zu bleiben. Trotz allem sich bei ihm geborgen wissen. Trotz allem in ihm sein Gegenüber finden. Mit ihm klären, was zu klären ist.

Noch kurz muss ich über dieses Kapitel 23 hinausgehen, um den Bogen zum Thema des heutigen Sonntags zu spannen.

Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.“, heißt es im Wochenspruch für diese Woche. Demut?

Geht es bei Hiob um Demut? Haben die Freunde doch recht? Hätte Hiob doch demütiger sein sollen? Nicht im Klagen Gott widersprechen sollen?

Die Hiob-Geschichte geht am Ende für Hiob gut aus. Für Hiob. Auf die Freunde von Hiob ist Gott am Ende zornig: „Denn ihr habt nichts Wahres über mich gesagt, so wie es mein Knecht Hiob getan hat.“, sagt Gott. Die Freunde lagen mit ihrem Bild über Gott falsch. Und das ist eine der wichtigsten Aussagen, meines Erachtens. Hier wird eindeutig geklärt, dass Tun und Ergehen; Leid und Schuld; Glück und Unschuld in keinem Zusammenhang stehen. Gott straft nicht. Und Gott fordert auch nicht Demut von Hiob ein, in der Form, dass Hiob „zu Kreuze kriecht“, sich Gott unterwirft. Und doch passt dieser Wochenspruch über die Demut zu diesem Text heute, denn es passiert etwas mit Hiob, was damit zu tu hat. Hiob lernt staunen.

Das soll jetzt aber nicht heißen, dass Gott uns mit dem Leid etwas lehren möchte! Gerade damit räumt das Buch Hiob eigentlich auf.  Hiob lernt staunen, weil Gott ihm so antwortet. Hiob ahnt schon hier in Kapitel 23, dass er an Gott dranbleiben muss. Egal wie schrecklich die Situation gerade ist. Und später wird Gott ihm auch tatsächlich antworten. Ein bisschen anders als Hiob es sich vorgestellt hat. Gott redet mit ihm nicht über Fehler oder keine Fehler; oder über das was Geschehen ist. Gott stellt Hiob  – und auch uns – Fragen zum Staunen. Ganz viele Fragen. Fragen, die über diesen Gott staunen lassen. Hiob staunt so sehr, dass es nicht mehr darum geht, dass er jetzt seinen Fall vor Gott bringen will und darüber reden. Gott lässt Hiob – und uns – staunen. Ich empfehle sehr die Kapitel 38ff zu lesen. Und das ist kein billiges Ablenkungsmanöver. Gottes Fragen spiegeln die Wunder dieser Welt wider. Wie Natur und Schöpfung verbunden sind, wie eines zum anderen führt, dass es Luft zum Atmen gibt und Licht, das die Nacht erhellt. Das sind Gottes Wunder und so viele mehr. Darin ist Gott zu erkennen und seine Liebe. Und im Umkehrschluss: Gott sorgt für das Leben. Nicht dafür, dass es Leid gibt, auch wenn er es zugelassen hat, wie es hier im Buch Hiob geschildert wird. Es bleibt die Frage nach dem Warum? Das ist aber keine gute Frage, stelle ich fest, nach dem heutigen Text und dem Blick in die Geschichte von Hiob. Denn ich nehme heute das mit:

  1. Gott bestraft nicht. Gott widerspricht dem Zusammenhang von Schuld und Leid.
  2. Das Leid ist in der Welt. Und es folgt keiner Regel.
  3. Gott schickt kein Leid. Er wendet es aber auch nicht immer ab.
  4. Sinn im Leid zu suchen ist unredlich, wie es die Reden der Freunde Hiob sind. Aufrichtige Anteilnahme und Begleitung ist wichtiger.
  5. Wenn die Not groß ist: Schreie, frage nach und hadere mit Gott und weiß dich in deiner Klage bei ihm geborgen.
  6. Demut ist staunen lernen. Darin entdeckst du die Liebe Gottes. Eine Liebe, die durch das Leid hindurchtragen kann, selbst, wenn es ganz still um dich wird.

Amen.