Gott leben

Lebe ich anders als meine Nachbarn? Macht es einen Unterschied, dass ich Christ/ Christin bin? Und wenn ja, dann hoffentlich doch einen positiven. Was macht ein Leben mit Gott aus?

Wochenspruch – Mt 25, 40b

Psalmgebet – Ps 112

Predigttext – Mose 19,1-3.13-18.33-34

Ein Dank an die Deutsche Bibelgesellschaft für die Nutzung der Textrechte.

 

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Haben Sie noch den Wochenspruch im Ohr?

„Christus spricht: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“

Schau, wie du lebst. Könnte das auch bedeuten. Wie leben, dass ich dem gerecht werde?

Im Kirchenjahr steht der heutige Sonntag unter dem Stichwort Nächstenliebe. Oder weiter gefasst und ausführlicher beschrieben meint es: Wie lebst du? Was sind deine Werte und Regeln? Wie ist deine Haltung dir und anderen gegenüber? Was leitet dein Tun?

Letztendlich: Was macht ein Leben mit Gott aus? Was ist dadurch anders?

Um dem auf die Spur zu kommen, gibt es heute einen interessanten Predigttext. Wir hören Worte aus dem 3. Buch Mose. Es sind sozusagen Ausführungsregeln, Erläuterungen zu den sehr bekannten 10 Geboten, die etwas weiter vorne in der Bibel stehen.

Der Predigttext startet so:

 

1 Der Herr sprach mit Mose und forderte ihn auf,

2 mit den Israeliten zu reden und ihnen auszurichten:

Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig.

Ich bin der Herr, euer Gott.

 

Das steht also am Anfang. Gott ist heilig. Deshalb soll auch ich heilig sein.

Im Hebräischen steht an dieser Stelle  קָדוֹשׁ qādōš (hadosch). Heilig. Dieses Wort wird nur in Bezug auf Gott verwendet. Wenn es um Gottes Heiligkeit geht.  Es ist also ein besonders Wort. Es wird aber auch für Menschen benutzt, wenn sie in einer Beziehung zu Gott stehen. Durch Gott werden auch sie heilig – hadosch.

Gott ist heilig. Was im Predigttext nicht steht, was aber durch all die Texte davor schon gesagt wird, ist: Du hast es hier mit einem Gott der Freiheit zu tun. Mit einem befreienden Gott. Es war Gott, der die Israeliten aus der ägyptischen Gefangenschaft geführt hat. Dieser Gott will freie Menschen. Befreite Menschen. Und dieser Gott ist es, der heilig ist.

Wie kann diese Beziehung zu diesem Gott der Freiheit aussehen? So, dass der heilige Gott mir in meinem Leben zum Heil verhilft? Ich durch ihn heilig werde?

Diese Beziehung basiert auf einer besonderen Qualität. Standards. Braucht einen Rahmen. Regeln, Gebote, Gesetze. Ganz wie man das sagen möchte. Es sind Leitlinien, die die Freiheit regeln sollen. Die 10 Gebote der Bibel unterliegen und messen sich an der Freiheit.

Sind der Freiheit verpflichtet. Sind unter diesem Blickwinkel auszulegen. Denn dafür steht Gott. Der heilige Gott. Grundlage aller Regeln ist, dass sie Gottes Anliegen der Freiheit bewahren.

Mein Leben, mein Alltag, meine Werte, meine Haltung und Einstellungen sollen vom freiheitsliebenden Gott geprägt sein. Das sagen mir diese ersten Sätze des Predigttextes.

Das zeigt sich dann in meinen Beziehungen, in dem, wie ich mit anderen in Gemeinschaft und Solidarität lebe. Es geht nicht darum sich für etwas Besseres zu halten; zu glauben, dass man anderen Menschen überlegen sei. Keinesfalls. Es geht vielmehr darum anzuerkennen, dass es sowas wie Demut braucht, um Gottes Maßstäben annähernd gerecht zu werden. Dass es das Bekenntnis zu Fehlern braucht. Den Mut umzukehren. Sich zu entschuldigen und immer wieder neu zu versuchen Gottes Liebe zu leben und das eigene Leben im Spiegel Gottes zu reflektieren.

Gottes Gebote bekommen im heutigen Predigttext Leben eingehaucht.

 

Im juristischen Kontext würde man jetzt vielleicht von Ausführungsbestimmungen besprechen, wenn wir uns die nachfolgenden Passagen des Predigttextes anhören.

——————————–

3 Jeder soll seinen Eltern mit Ehrfurcht begegnen,

seiner Mutter und seinem Vater.

Außerdem sollt ihr den Sabbat einhalten.

Ich bin der Herr, euer Gott.

 

Respekt und Leben im Gleichgewicht. Das sind die Schlagwörter, die hier die Beziehungen von Mensch und Natur regeln sollen. Leben im Gleichgewicht. Mir, anderen, der Natur Ruhe gönnen. Luft holen. Aus- und einatmen können. Achtung haben. Und das meint auch Nutzungsinteressen hinten anstellen, in dem es einen Ruhetag gibt. Das hat einen ökologischen und ökonomischen Aspekt. Freiheit steckt in diesen Worten, weil hier frei von Ausbeutung gelebt werden soll. Auch ein sozialethischer Aspekt. Mir und anderen Ruhe gönnen. Und das alles nicht nur in der Verpflichtung dem anderen Menschen gegenüber, sondern in der Verantwortung vor Gott.  Das setzt sich in den nächsten Ausführungsbestimmungen fort:

———————————

13 Du sollst deinen Nächsten nicht unterdrücken

und ihn nicht ausbeuten.

Den Lohn des Tagelöhners sollst du gleich ausbezahlen.

Du sollst ihn nicht bis zum nächsten Morgen behalten.

14 Du sollst Tauben nicht mit Worten schaden.

Du sollst Blinden kein Hindernis in den Weg legen.

Und du sollst Ehrfurcht haben vor deinem Gott.

Ich bin der Herr.

 

Es sind auch die Fragen und Herausforderungen unserer Zeit: Gleicher Lohn. Nicht in die eigene Tasche wirtschaften. Geben, was dem anderen zusteht. Ihn darauf nicht warten lassen. Und es geht hier um Diskriminierungen. Taubstumme und sehbehinderte Menschen dürfen nicht auch noch dort geschädigt werden, wo sie verletzlich sind. Nicht mit Worten vorgehen, wo Worte nicht verstanden werden können. Nicht Hindernisse aufbauen, wo Hindernisse nicht gesehen werden können. Selbstverständlich gilt das nicht nur für körperlich beeinträchtigte Menschen. Es gilt generell. Kein schädigendes Verhalten und schon gar nicht da, wo ein anderer besonders verletzlich ist.

Gottes Ausführungsbestimmungen haben Konsequenzen. Sie haben Ausfluss auf das Rechtswesen, auf das Prozessrecht. Gott will eine Rechtsordnung, die auf Freiheit begründet ist und die Freiheit schützt. Freiheit schützen, das heißt meine, aber auch die der anderen. Daher bedingt Freiheit auch Freiheitsbegrenzung. Doch alles im Maß des größtmöglichen Freiheitsschutzes. Wir hören dazu diese Verse:

—————————————–

15 Bei Gericht soll es nicht ungerecht zugehen:

Du sollst den Bedürftigen nicht bevorzugen,

aber auch den Mächtigen nicht begünstigen.

Stattdessen soll es gerecht zugehen,

wenn du für deinen Nächsten Recht sprichst.

16 Du sollst es nicht darauf anlegen,

andere vor deinem Volk zu verleumden.

Geh auch nicht hin,

um das Leben deines Nächsten zu fordern!

Ich bin der Herr.

 

Ich bin der Herr. Darauf verweist uns Gott, bei allen Ausführungen. Das ist der Maßstab für alle Bestimmungen. Die Rückkoppelung. Der Bezugspunkt. Für mich ist daher zum Beispiel der Gottesbezug in der Präambel unseres Grundgesetzes etwas sehr Wertvolles. Da heißt es[1]:

„Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen, von dem Willen beseelt,

als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen, hat

sich das Deutsche Volk kraft seiner verfassungsgebenden Gewalt dieses Grundgesetz gegeben.

[…].“

 

Den Vätern und Müttern des Grundgesetzes war es wichtig, nach totalitären Staatsformen auszudrücken, dass staatliche Macht begrenzt ist. Es gibt etwas, das über dem Staat und den Menschen steht. Gott. Auch wenn heute der Gottesbegriff in diesem Zusammenhang weiter ausgelegt wird und auch unser Grundgesetz Religionsfreiheit schützt, was auch heißt, dass es geschützt sein muss, sich keiner Religion zugehörig zu fühlen, so  kommt dennoch zum Ausdruck: Wir verpflichten uns einer höheren Macht. Für mich persönlich, die ich in diesem Gottesbegriff, den Gott des Alten und Neuen Testaments der Bibel sehe, ist das ein Grund mehr, immer wieder zu schauen, ob die Gesetze unseres Landes Freiheit, wie Gott sie für seine Menschen vorsieht, schützt.

Wenn heute durch viele verschiedene politische Akteure versucht wird, unsere Demokratie abzuschaffen, sie schlecht zu machen, zu beschädigen, dann ist das für mich ein Angriff auch auf die Freiheit. Auf die Freiheit, die Gott jedem Menschen gleich gewährt. Denn Demokratie schützt vor Machtmissbrauch, vor absoluten Herrschern, die die Freiheit der einzelnen beschneiden wollen.

Wo wir beim nächsten Punkt ankommen:

——————————————

Das Gebot der Nächsten- und Feindesliebe

17 In deinem Herzen soll es keinen Platz für Hass geben:

Hasse deinen Bruder und deine Schwester nicht!

Stattdessen sollst du mit deinem Nächsten reden

und ihn auf sein Verhalten ansprechen.

So wirst du dich seinetwegen nicht mit Sünde belasten.

18 Du sollst dich nicht rächen

und deinen Brüdern und Schwestern nichts nachtragen.

Stattdessen sollst du deinen Mitmenschen lieben

wie dich selbst.

Ich bin der Herr.

 

In unserer Zeit heißt das für mich auch: Im Gespräch bleiben. Auch mit denen, mit denen ich nicht einer Meinung bin. Hören, was sie zu sagen haben und meine Position zu verdeutlichen. Die hoffentlich von diesem befreienden Gott geprägt ist. Ich muss hier Position beziehen, wenn Menschengruppen diffamiert werden. Ich muss Position beziehen, wenn Menschen beleidigt werden. Wenn Verallgemeinerungen Populismus schüren und damit Hass und Gewalt fördern.

Gottes Freiheit ist mit Liebe verbunden und nicht mit Lieblosigkeit.

Wir hören die letzten Verse des heutigen Predigttextes:

———————————————

33 Wenn ihr in eurem Land seid und ein Fremder bei euch lebt,

sollt ihr ihn nicht unterdrücken.

34 Wie einen Einheimischen sollt ihr den Fremden ansehen,

der bei euch lebt.

Du sollst ihn lieben wie dich selbst.

Denn im Land Ägypten seid auch ihr Fremde gewesen.

Ich bin der Herr, euer Gott.

 

Wir alle sind Gottes Geschöpfe. Wir alle sind geliebt. Diese Welt gehört Gott und nicht uns. Wir alle sind Gäste. Wir alle sind von Gott befreit. Ob ich das annehme und danach lebe, als ein von Gott befreiter Mensch, das ist meine Entscheidung. Es ist aber vielleicht die Entscheidung, die den Unterschied macht. Weil ich alles, wirklich alles im Leben immer und immer wieder dem Maßstab unterstelle: Über allem steht ein Gott, der frei macht. Ein Gott der heilig ist – hadosch  – und mit ihm alle, die mit ihm in Beziehung leben. Nicht perfekt, aber immer wieder neu auf der Suche nach der guten Beziehung zu ihm, die dadurch entsteht und besteht, dass ich seine Freiheit lebe, anstrebe, mich dafür einsetze zum Wohl der anderen und auch zu meinem Wohl. In Verantwortung vor Gott.

Was macht also den Unterschied?

Dass ich als Christ/Christin immer wieder die Frage stelle: Lebe ich diesen menschenbefreienden Gott durch mein Leben? Indem was ich tue und lasse, in dem wie ich rede und schweige. Und mich dahingehend immer wieder neu ausrichte?

Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig.

Ich bin der Herr, euer Gott.

Sagt Gott.

Amen

[1] https://www.bundestag.de/resource/blob/425096/ecc17a8eebd0b36bc9313d057f532136/wd-3-067-16-pdf-data.pdf