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Gottesknecht – Häh?!

Kennen Sie einen Gottesknecht? Wir stellen heute einen Gottesknecht vor und finden heraus, dass er ganz schön alltagstauglich ist. Impulsgeber ist Pastor Markus Bauder.

Wochenspruch – Joh 3, 4b.15

Psalmgebet – Ps 69,2–4.8–10.14.21b–22.30

Predigttext – Jes 50, 4-9

Ein Dank an die Deutsche Bibelgesellschaft für die Nutzung der Textrechte.

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Jetzt wird’s knifflig: „Gehört heißt nicht verstanden, verstanden heißt nicht einverstanden, einverstanden heißt nicht ausgeführt und ausgeführt heißt nicht beibehalten.“ Dieser, nicht auf Anhieb zu verstehende, Spruch ist mir eingefallen, als ich den Bibeltext für den heutigen Impuls gelesen habe. Der Spruch ist mir vor ein paar Jahren über den Weg gelaufen, durch einen, der mich an all das erinnert, was der Jesajatext heute erzählt:  Ich bin bei der Vesperkirche in Esslingen als Tagesseelsorger dabei und stelle fest, dass einer der Notausgänge verschlossen war. Ich bin zum Verantwortlichen der Vesperkirche gegangen, der hat dann aufgeschlossen. „Weißt Du, hat er zu mir gesagt, das steht ja alles auf der Checkliste für unseren ehrenamtlichen Schließdienst. Punkt 1, den hinteren Notausgang aufsperren, und Punkt 2, diesen hier. Aber weißt Du, gehört heißt nicht verstanden, verstanden heißt nicht einverstanden, einverstanden heißt nicht ausgeführt und ausgeführt heißt nicht beibehalten.“ „Wie bitte, frage ich ihn?“ „Ja, sagt er, der Spruch hat mir schon oft geholfen.“

Ich fand diese Reaktion von Bernd, so der überaus freundliche und motivierte Verantwortliche der Vesperkirche bewundernswert. Er war durch nichts aus der Ruhe zu bringen. Er hörte sich alle Probleme an und versuchte sie zu lösen. Auch wenn sein Gegenüber unwirsch oder verärgert war, Bernd blieb freundlich. Unermüdlich. Die sprichwörtliche Gelassenheit in Person.

„Wie war der Spruch?“, frage ich nochmal. „Gehört heißt nicht verstanden, verstanden heißt nicht einverstanden, einverstanden heißt nicht ausgeführt und ausgeführt heißt nicht beibehalten.“ Wie wahr, wie wahr, denke ich.

Ich habe nachgeschaut, der Spruch ist von Konrad Lorenz, einem österreichischen Verhaltensforscher und Nobelpreisträger. Vollständig lautet er:

„Gedacht heißt nicht immer gesagt, / gesagt heißt nicht immer richtig gehört, / gehört heißt nicht immer richtig verstanden, / verstanden heißt nicht immer einverstanden, / einverstanden heißt nicht immer ausgeführt, / ausgeführt heißt noch lange nicht beibehalten.“

Nun möchte ich heute nicht sagen, dass Bernd aus der Vesperkirche dieser Gottesknecht ist von dem Jesaja spricht, aber seine Art, in der Vesperkirche aufzutreten, das erinnert an den Menschen, von dem der Jesajatext spricht. Einen Menschen, der fast um jeden Preis bereit ist, freundlich und zugewandt zu bleiben und mit einer unerschöpflichen Geduld die Widrigkeiten zu bewältigen, die die Leitung der Vesperkirche bedeuten. Und der dabei fast immer lächelt.

Zum Text aus Jesaja habe ich ein paar Hintergrundinformationen nachgelesen: Es gibt vier Gottesknechtslieder. Sie stehen alle im zweiten Teil ab Kapitel 40. Man geht davon aus, dass hier langsam die Hoffnung keimt, dass das Volk Israel, das sich in der Verbannung in Bagdad, dem damaligen Babylon, befindet, doch nicht verloren sein wird. Gott wird sich erbarmen. Gott wird ein Licht anzünden. Und Gott schickt einen Boten, der so ist wie dieser Gottesknecht.

Man weiß nicht genau, ob mit dem Gottesknecht eine Gestalt gemeint ist, die damals in Babylon aufgetreten ist und so ähnlich war oder ob damit eine zukünftige Gestalt gemeint ist, die erst noch kommen wird. Einer, auf den die Menschen gehofft und gewartet haben.

Man weiß, ehrlich gesagt, auch nicht, ob damit Jesus Christus gemeint ist. Aus unserer heutigen Sicht schon. In der Apostelgeschichte wird erzählt, wie der Eunuch aus Afrika ein Gottesknechtslied liest und Philippus fragt, wer damit gemeint sei. Philippus deutet es auf Jesus Christus. Aber in den Evangelien wird an keiner Stelle Bezug auf die Gottesknechtslieder genommen. Und Jesus selbst tut es auch nicht. Viele meinen, dass das naheliegend gewesen wäre. Aber in den Evangelien, besonders dem Matthäusevangelium, in dem sehr viel Altes Testament zitiert wird, tauchen die Gottesknechtslieder nicht auf.

Für mich bedeutet das, dass dieser Gottesknecht eine Gestalt ist, in der wir heutigen Menschen durchaus Jesus wiedererkennen können. Aber nicht nur.

Es können zu allen Zeiten auch normale Menschen auftauchen, in denen wir einen Knecht Gottes, eine Magd Gottes sehen. Heute würden wir Jünger oder Jüngerin dazu sagen. Nachfolger:in. Einen, der seine Ohren am Mund Gottes hat. Eine, die sich den Menschen zuwendet, um im Namen Gottes Mut zu machen, oder Kraft weiterzugeben. Einen, der die Menschen aufrichtet. Einen, der sich der Gewalt nicht mit Gewalt widersetzt, sondern der unermüdlich den Weg Gottes geht.

Mit den Müden zur rechten Zeit zu reden. Es gibt viel Müdigkeit in unserer Zeit. Und nicht alle finden Kirche und Gläubige toll. Manchmal müssen wir uns von den anderen erstmal den ganzen Ärger über die Kirche anhören.

Freundlich und nett zu sein, auch wenn unser Gegenüber das nicht ist. Offen bleiben auch, wenn wir den Verdacht haben, dass wir ausgenutzt werden. Barmherzig und gnädig sein auch, wenn wir denken, dass unser Gegenüber selbst schuld ist an seiner oder ihrer Misere.

Jesus wäre so, würde er heute durch unsere Straßen laufen oder auf andere Weise in unserem Leben auftauchen.

Ich wünsche Ihnen, dass Er, Jesus, Ihnen heute auf solche Weise begegnet. Oder einer seiner Gefolgsleute. Und so mit Ihnen redet. Und so für sie da ist.

Oder dass Sie heute, in seiner Spur, als eine oder einer seiner Nachfolger so für jemand anderen da sein können.

Ach, und noch etwas zu diesem Zitat von Konrad Lorenz. Bernd wusste einfach, dass eine Checkliste noch lange nicht bedeutet, dass wir alles richtig machen und dass Fehler nicht bedeuten, dass wir doof oder böse sind.

Möge das immer wieder unsere erste Annahme sein, wenn wir heute mit Menschen zu tun haben, die irgendetwas falsch oder anders gemacht haben, als wir erwartet haben.

Gnädig sein, barmherzig, freundlich, das steht uns allen gut zu Gesicht.

Das wäre gut. Gerade in unserer Zeit. Gerade in der Passionszeit.

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