Hau rein?!

Jesus provoziert. Gerne. Provokation kann eine Therapieform sein. Warum macht das Jesus? Vielleicht, weil es um eine große Sache geht. Wie die: Liebe! Gegen alle Vernunft und allen Widerstand.

Wochenspruch – Röm 12,21

Psalmgebet – Ps 19

Predigttext – Mt 5, 38-48

Ein Dank an die Deutsche Bibelgesellschaft für die Nutzung der Textrechte.

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„Wow, was sind Christen doch für Weicheier.“ Könnte man gut denken, wenn man diesen Predigttext so hört.

Jesus erzählt den Zuhörenden von Konfliktsituationen, die in jedem Alltag vorkommen können.

Wie immer in seinen Worten an umstehende Zuhörende, geht Jesus auf die Menschen sprachlich ein. Er weiß um ihren Alltag, ihren Sprachgebrauch und ihre Lebenswelt.

Zunächst beginnt er mit dem Beispiel „Auge um Auge; Zahn um Zahn“. Damit war eben nicht gemeint, dass Menschen sich körperlich miteinander auseinandersetzen sollen, sondern vielmehr ging es bei dem Ausspruch „Auge um Auge; Zahn um Zahn“ um einen alten Rechtsspruch aus dem Alten Testament. Dieser regelte lediglich, dass es einen gerechten Schadensausgleich geben muss, sollte eine Person einer anderen Person Schaden zufügen. Wie dieser Ausgleich auszusehen hat, das entschieden damalige Ältestengerichte.

Aber gerade dieser Einstieg, den Jesus hier wählt, ist so klassisch für ihn.

Jesus kennt die Menschen, daher beginnt er seine Rede auch mit dem Gesetzesspruch, den jede und jeder aus der damaligen Welt, in der er lebt und wirkt, kennt.

Doch: Irgendetwas ist bei Jesus anders.

So wie Jesus auf diesen alten Rechtsspruch verweist, eigentlich so wie es in all den Jahrhunderten, vielleicht Jahrtausende auch getan wurde, hebelt er ihn aus.

Er stellt nämlich heraus, dass es in seiner Glaubens- und Lebenswelt nicht um einen adäquaten Rechtsausgleich im klassischen Sinne geht.

Vielmehr sagt er: „Also, wenn dir jemand Schaden zufügt, dann gib ihm noch mehr von dir.

 

Verrückt. Einfach verrückt. Es widerstrebt völlig dem menschlichen Denken.

Wieso sollte ich jemandem, der mir Schaden zufügt gar noch etwas schenken oder ihn zumindest nicht zur Rechenschaft ziehen? Unglaublich.

 

Aber damit nicht genug. Jesus hat auch noch ein paar Herausforderungen parat, wenn es um den Umgang mit Menschen geht, die wir eben nicht mögen. Die Bibel spricht gar von „hassen“. War bisher klar gewesen, dass man sich um seine Mitmenschen kümmert, sie sorgsam behandelt, aber den, den man nicht leiden kann einfach links liegen lassen kann, so kommt Jesus auch an dieser Stelle mit neuen Gedanken. Er sagt: „Nein, gerade die, die ihr nicht leiden könnt, die Euch Schwierigkeiten bereiten, denen sollt ihr Euch eben auch widmen. Mit genau der gleichen Zuwendung wie denen, die ihr als euren Nächsten seht.

 

Und auch hier kann ich mir fast bildlich vorstellen, wie den damaligen Zuhörenden die Kinnlade heruntergefallen sein muss.

 

Einfach verrückt, dieser Jesus.

 

Alles so über Bord zu werfen, was an sich logisch erscheint. Die nicht mehr zu hassen, die man sowieso nicht leiden kann, dem gar noch was zu geben, der einen sowieso schon bestohlen hat. Einfach krass. Naja, das sagt er zwar damals, vor 2000 Jahren, den Leuten, aber er sagt es auch mir. Ich kann nicht so tun, als würde das für mich nicht gelten. Und was damals schräg geklungen hat, das tut es ja heute immer noch.

 

„Wow, wer Christus nachfolgt, der wird zum Weichei“. Damals und heute.

 

Doch wer will schon ein Weichei sein?

Warum provoziert Jesus? Mal wieder?

Warum fordert Jesu hier ein so ganz neues Verhalten ein?

 

Jesus will den Menschen klar machen, dass es im Glauben an Gott anders laufen soll, als es bisher die Gewohnheit und somit üblich war.

 

Das ist mal die allererste Botschaft. Und damit ist klar: Der Glaube an Gott verändert meine Sicht auf die Dinge und Situationen. Der Maßstab verändert sich.

 

Der Glaube an Gott schafft neue Perspektiven, alte Verhaltensmuster werden aufgebrochen. Ein neues Verhalten ist gefragt. Eins, das die Liebe Gottes in den Vordergrund stellt.

 

Jesu weiß, dass er mit seinen Worten den Menschen einiges abverlangt. Er weiß, dass es nicht einfach ich alte Muster loszulassen und das Handeln zu verändern. Perspektivwechsel sind anstrengend. Fordern Mut. Geduld. Einsicht, dass das Neue auch etwas Gutes hat.  Sich ändern, das ist schwer. Das weiß auch ich. „Ich bin halt so“, sage ich gern, wenn ich weiß, dass das eigentlich nicht okay ist, aber ich keine Lust habe mich zu ändern. Oder es auch tatsächlich gar nicht so leicht kann.

 

Neuausrichtung im Verhalten, Veränderung, das geht nur mit Hilfe des Heiligen Geistes, den uns Gott schenkt, in dem Moment, wo wir den Glauben an Gott annehmen können.

 

Das hört sich jetzt zunächst nach was ganz Großem an, ist es vielleicht auch, aber dennoch kommt es in der Praxis ganz unscheinbar daher.

 

Ich gebe ein Beispiel:

Wenn ich im Herzen verstanden habe, dass Gott alle Menschen und Geschöpfe gleich liebt, dann macht das etwas mit mir. Mit mir und meinem Verständnis über die Menschen um mich herum.

Und wenn ich dann in eine Situation komme, wo ich merke, da meint es jemand wirklich nicht gut mit mir, dann bin ich vermutlich zunächst einmal sauer auf diese Person. Vielleicht auch verletzt. Aber es keimt vielleicht so etwas wie Verständnis auf. Nicht gegenüber dem Verhalten der Person, aber vielleicht in der Weise, dass ich mir überlege, warum sich diese Person so verhält. Angst? Zweifel? Lieblos, weil er oder sie nichts anderes gelernt hat?

Allein dieser Gedanke, wenn er auch nur ganz klein ist, verändert schon etwas in der Situation von mir und der anderen Person.

Dieser kleine Gedankenschwenker, mein Gegenüber nicht als Feind, sondern als Mensch zu betrachten, allein das ist der erste Schritt im Glauben zu wachsen.

Ich sehe die Situation in einem neuen, in einem geistlichen Licht. Nicht in menschlichem Licht.

 

Jesus ist klar, dass sich die Menschen nicht sofort verändern werden und können.

Das Annehmen des Glaubens und die daraus resultierende Verhaltensänderung, das ist ein Prozess. Ein Prozess in dem jede und jeder der an Gott glaubt wachsen muss und wird – ein ganzes Leben.

 

Aber Gott sagt uns in der Heiligen Schrift zu, dass er uns dazu befähigen wird. Der, der an ihn glaubt, wird im Glauben vom Heiligen Geist begleitet werden und somit sein Verhalten ändern.

 

Doch warum ist Jesus dies Art der Verhaltensänderung so wichtig?

 

Jesu Lebensziel war es, den Menschen Gott näher zu bringen. All das, was er sagt und wie er es lebt dient allein dem Ziel, dass Menschen verstehen wie Gott ist.

Und Gott ist es eben nicht so, wie wir Menschen.

 

Der Gott des Neuen Testaments will keine Vergeltung für entstandenes Leid und Schaden.

Im Gegenteil.

Er geht auf die Person zu, die Schaden zufügt. In der Zugewandtheit zu dieser Person werden alte Verhaltensmuster durchbrochen. Muster, die nicht zulassen, dass sich langfristig zwischen den Menschen etwas ändert. In dem mit einem neuen verhalten, diese Muster durchbrochen werden, entsteht die Chance sich neu zu begegnen.

Eben in Liebe und Verständnis. In Demut, Geduld und Güte. Das brauchen die Menschen um gut und langfristig in Frieden miteinander zu leben.

 

Das ist der große Unterschied zwischen dem Neuen Testament mit Jesu Wirken und Alten Testament, sowie zu den Gepflogenheiten, die wir selbst Tag für Tag auf dieser Welt erleben.

 

Ich wünsche uns, dass wir die Aufforderung Jesu unser Verhalten zu ändern, in unser Leben integrieren können. Und das wir es schaffen, diese Liebe Gottes, die uns zu Teil wird, in der Begegnung mit anderen Menschen sichtbar machen können.

 

Gerade gegenüber denen, die uns nicht wohlgesonnen sind. Nur so, werden auch sie verstehen, dass die Wahrheit im Leben nicht die Vergeltung und der Hass sind, sondern die Liebe zueinander, in Wertschätzung und Respekt. Liebe, die in der Form nur der Glaube an Gott schenken kann.

Mit einem Weichei, hat das alles nichts zu tun. Es zeugt eher von großer Stärke. Stärke, die Gott uns geben möchte durch seinen Heiligen Geist. Bitten wir darum und werden wir zu starken Verbündeten Gottes.

 

Amen