Loslassen

Nur wer weggeht, der kann auch wiederkommen. Die Freud:innen Jesu haben das erst nicht verstanden. Wer will auch verstehen, dass er loslassen muss? Abschiednehmen muss? Frederik Ehmke will Mut machen zum Loslassen. Und unser Beter weiß wieder ganz genau, was er an Gott hat.

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Abschiede tun weh. Immer wieder müssen wir Menschen Abschied nehmen und loslassen.   Vom Lieblingssport, aufgrund einer Erkrankung; vom Wohnort, aufgrund eines Jobwechsels. Manch einer musste auch schon geliebte Menschen und damit verbunden vielleicht sogar einen ganzen Lebenstraum loslassen. Das innere Loslassen fällt dabei oft am schwersten. Man will es vielleicht nicht wahrhaben, redet sich vielleicht sogar ein, dass der geliebte Freund/die Freundin wieder zu Einem zurückkehrt. Obwohl es grausame Realität ist, dass die Person fortgegangen ist.

Nicht alle Abschiede bedeuten in diesem Fall ein Wiedersehen. Manche dieser Abschiede kommen gefühlt wie aus dem heiteren Himmel. Wenn uns eine Neuigkeit offenbart wird, auf die wir innerlich nicht vorbereitet, nicht gefasst waren.

Wie werden sich Jesus Jünger, seine Freundinnen und Freunde gefühlt haben, als ihr geliebter Rabbi und Freund Jesus von einem solchen Abschied spricht. Nicht allein von seinen Leidensankündigungen, die schon für den einfachen Zuhörer, ohne tieferen persönlich Bezug, unerträglich – ja unverständlich – sind, sondern wenn Jesus, wie gerade gehört solche Hammer-Sätze zu seinen Freunden sagt, wie: „Doch weil ich dies zu euch geredet habe, ist euer Herz voll Trauer. 7Aber ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, dass ich weggehe. Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch“.

 

 

Es ist besser für euch, wenn ich gehe, denn andernfalls kann der Trost nicht zu euch kommen. In mir schreit dies erstmal nach einem Widerspruch, auch wenn ich den weiteren Fortgang der Geschichte kenne. Ja, Jesus erscheint den Jüngern, nach der Auferstehung wieder. Verbringt Zeit mit ihnen. Sie gemeinsam Fisch und Brot. Und dann muss er gehen. In den Himmel. Das Wunder der Auferstehung haben wir an Ostern erst kürzlich gefeiert und das nächste große Fest im Kirchenjahr steht unmittelbar davor: Pfingsten. Die Ausgießung des Heiligen Geistes. Jesus hat das angekündigt.  Er kommt zu all jenen, die an Jesus glauben und ihn von Herzen lieben. Und dazwischen liegt:  Jesu Himmelfahrt. Und dieser Satz: Es ist besser für Euch, wenn ich gehe, denn andernfalls kann der Trost nicht zu Euch kommen. Da frage ich mich: Warum? Und auch die Jünger dürften es nicht verstanden haben. Warum soll es besser sein, wenn Jesus sie alleine in dieser Welt zurück lässt, nachdem er sie aus ihrem alten Leben herausgerufen hat und sie ihm bedingungslos auf seinem bisherigen Weg nachgefolgt sind? Und die Verheißung, dass da noch ein Geist des Trostes kommen wird … Nun, ohne sein Fortgehen und sein angekündigtes Leid hätten die Freunde gar keinen Grund zum Trauern. Warum bleibt nicht alles einfach so, wie es ist?

Gnädig, dass Jesus noch nachschiebt: „12Ich habe euch noch viel zu sagen; aber ihr könnt es jetzt nicht ertragen“. Ungewissheit macht alles noch schlimmer. Geißelung, Kreuzigung und Tod, das steht Jesus alles noch bevor, als er das zu seinen Freunden sagt – ja, vielleicht würde das seine Freunde überfordern, wenn er ihnen das auch noch alles sagt. Wahrscheinlich könnten sie es aber einfach nicht nachvollziehen, weil es so unbegreiflich, nicht einzuordnen ist.

 

Aber ganz gleich, diese Worte Jesu reichen, um mit Trauer und Bestürzung zu reagieren. Mit Unverständnis. Es ist ein angekündigter Abschied. Jesus hat nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass er nicht für immer bei seinen Jüngern sein wird. Und dennoch: Ich kann verstehen, dass da nur Trauer und Bestürzung ist.

 

Was passiert, wenn ein Abschied zur inneren Vorbereitung angekündigt wird? Bei Simon Petrus einer der eifrigsten Jünger Jesu, ruft das Trotz hervor. „Herr, das geschehe dir bloß nicht!“ ruft er.  Eine menschlich völlig verständliche Reaktion. Man will so etwas als guter Freund nicht hören, wahrhaben. Festklammern. Nicht loslassen. Alles ist doch gut. Das wird wieder. Ja, es ist menschlich, dass man das Schlimme nicht für wahr halten möchte.

Es ist schmerzhaft allvertrautes loszulassen. Vielleicht für immer.

Ich frage mich: Wie kann ich damit umgehen?

Dafür gibt es wohl kein allgemein gültiges Erfolgsrezept. Jedes Loslassen und sich auf etwas Neues im Leben einzulassen braucht seine Zeit. Und wenn der Abschied mit Schmerz verbunden ist, dann braucht es auch seine Zeit bis die inneren Wunden heilen.

Mir hilft der Gedanke des Trostes, den Jesus hier anspricht.

Jesus spricht von einem Geist des Trostes, den er seinen Freunden geben möchte. Ob hier Jesus von seinem Abschied spricht oder ob es der Abschied aus der geliebten Wohnung ist, vom stets hilfsbereiten Kollegen, vom treuen Haustier oder von Mutter oder Vater, Abschiede, loslassen müssen und in neue Situationen geworfen werden, brauchen Trost. Trost, der einem Kräfte zuwachsen lässt, damit ich neue Wege gehen kann, damit ich nicht zerbreche, sondern offen, neugierig und hoffnungsvoll dem Leben gegenüber bleibe. Im Trost des Heiligen Geistes, soll sich das erfüllen. Das ist Jesu Botschaft. Heute will Gott mich vorbereiten auf den Geist, der mit dem ersten Pfingsten in die Welt gekommen ist. Ein Geist, der Heilung, neue Zuversicht verspricht. Ein Geist, der mir Gott nahe bringt, gerade wenn ich verzweifelt bin und glaube, dass Gott mir fern ist. Nicht sichtbar und nicht hörbar. Sein Heiliger Geist ist da! Frag nach ihm, bitte Gott darum, dass er spürbar und erlebbar wird. Dazu fordert mich der Text auf, weil Gott uns das in Jesus versprochen hat. Versprochen ist versprochen. Auch was ich loslassen musste, kann mich nicht von Gott trennen. Er wird da sein. Mir treu an meiner Seite stehen und mir auch helfen durch alle Veränderungen durchzugehen. Mir hilft da, immer mal wieder einen Blick zurück zu werfen. Wo musste ich schon Abschiednehmen? Was musste ich loslassen? Und wie habe ich da Gott erlebet? Gab es da plötzlich Menschen, die wussten, was ich brauche? Gab es Möglichkeiten, die ich nie für möglich gehalten hätte? Das ist Gotte Geist. Seine Kraft, die mein Leben begleitet.

Gott ist da. Sein Trost ist da. Darauf darf ich mich in allem Schmerz verlassen. Gott tröstet, stärkt und führt mich auf seinem Weg.

Amen