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Neu denken

Mit Traditionen brechen? Neu denken? Altes lassen und sich neu ausrichten? Das ist Fastenzeit. Da sind wir gerade mittendrin und der heutige Sonntag Laetare meint: Freu dich darüber, dass Neues immer wieder mitten im Leben beginnen kann. Ein Impuls von Pastor Wilfried Röcker.

Wochenspruch – Joh 12, 24

Psalmgebet – Ps 84, 2-13

Predigttext – Joh 6, 47-51

Ein Dank an die Deutsche Bibelgesellschaft für die Nutzung der Textrechte.

Bildungswerk der Evangelisch-methodistischen Kirche

1 Kommentar
Kommentare
  1. Uta
    Uta aus Stuttgart sagte:

    Danke für den Tipp!
    Ich wünsch Dur, liebe Anja, einen guten Start für die Woche!

    Sei gedrückt 😘

    Antworten

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Hey, es gibt gute Gründe heute einen fröhlichen Sonntag zu feiern. Freue Dich, Laetare, heißt der heutige Sonntag und es ist schon der vierte Sonntag in der Fastenzeit. Halbzeit also. Bald geschafft! Und auch der Predigttext, der für heute ausgewählt ist, ist voller Zuspruch.

„Jesus spricht: Ich bin das Brot des Lebens. Das Brot, das ich geben werde, ist mein Leib. Ich gebe ihn hin, um dieser Welt das ewige Leben zu schenken.“ So könnte man das lange Kapitel Sechs im Johannesevangelium mit seinen insgesamt 71 Versen zusammenfassen. Ein beglückender Zuspruch.

 

Wenn man das Kapitel bis zum Ende liest, stellt man allerdings fest, dass die Worte Jesu keinen Freudenausbruch auslösten. Jesus war eher mit einem Wutausbruch seiner Anhängerinnen und Anhänger konfrontiert. Es heißt: „Nachdem sie diese Rede gehört hatten, sagten viele Jünger von Jesus: Das war eine unerträgliche Rede! Wer kann sich so etwas anhören?“ Und noch ein paar Verse später heißt es: „Von da an wandten sich viele seiner Jünger von ihm ab und zogen nicht länger mit ihm umher.“

Aus unserer Sicht heute scheint das schwer nachzuvollziehen sein.

Klingt doch eigentlich ganz gut: Brot des Lebens. Brot, das satt macht. Das nicht nur den Hunger, sondern den Lebenshunger stillt. Also all das, was mich sehnsüchtig macht. Vielleicht unruhig und rastlos werden lässt. Was mich fragen lässt und oft genug zweifeln. Brot, das meine Angst stillt. Das mein Sorgen verwandelt. Brot, das mich am Leben hält und mehr noch: lebendig. Jesus, der mir verheißt, mit ihm an einem ewigen Leben teilzuhaben, das über den Tod hinausreicht.

Jesus, das Brot des Lebens. Als Christ habe ich das tausendmal gehört. So oft, dass es für mich so selbstverständlich klingt. Was kann daran anstößig sein? Das ist doch ganz wunderbar, wenn ich in Jesus dieses rundherum sattmachende Brot finden kann.

Warum also war das damals anders, als diese Worte von Jesus gefallen sind?

Das Johannesevangelium stellt das sechste Kapitel zeitlich in die Nähe des Passahfestes. Gleich zu Beginn des Kapitels können wir lesen: „Es war kurz vor dem Passahfest, dem großen Fest der Juden.“

Nach wie vor ist das so: Das Passahfest ist ein großes Familienfest. Da wird gefeiert! Die ganze Familie kommt zusammen. Man feiert die Befreiung aus der Sklaverei. Es ist ein Fest, das nach festen Regeln abläuft. Seit Jahrtausenden. Der oder die Jüngste im Familienkreis muss bei jedem nächsten Schritt im Festmenü fragen: warum machen wir das, warum essen wir das? Dann ist das Familienoberhaupt dran und muss die Geschichte dazu erzählen. Es ist die Geschichte von der letzten Nacht vor dem Aufbruch. Eine gruselige Geschichte. Sie erzählt von der letzten und zugleich schlimmsten der sieben Plagen, die die Ägypter traf. Ein Todesengel zog nachts umher. Alles Erstgeborene sollte in dieser Nacht sterben. Mensch und Tier. Nur die Orte und Wohnungen blieben verschont, deren Türpfosten mit dem Blut des Lammes bestrichen waren, das man geschlachtet hatte. Schnell hatte man weitere Vorräte zusammengepackt. Es gab keine Zeit, den Brotteig gehen zu lassen. Ungesäuerte Brote wurden gebacken, denn nach dieser Nacht ließ der Pharao die Israeliten ziehen. Der Weg in die Freiheit konnte beginnen – mit vielen weiteren Herausforderungen auf dem Weg durch die Wüste. Auch darum geht es beim Passahfest.

Wer befreit uns? Wer führt uns durchs Leben? Was hält uns am Leben? Was macht uns lebendig? Um diese Fragen geht es beim Passahfest. Und es gab den Menschen Antworten, Halt und Orientierung. Das Passahfest ist darum so wichtig und ein riesengroßes Familienfest. Vielleicht so wie wir Christen Weihnachten in der Familie feiern. Gefüllt mit Tradition und Bräuchen, die Menschen lieb und wichtig geworden sind. Wehe einer ändert daran etwas.

Doch genau das tut Jesus in diesem Kapitel. Er bricht mit der Tradition und interpretiert neu. Er gibt andere Antworten auf diese Fragen. Er hält sich nicht an die Regel. Kein Wunder, dass es Krach gab. Was redet der da? Was macht der aus unserem Fest? Mit wem vergleicht der sich? Wie kommt er dazu mehr als Mose sein zu wollen? Mose hat damals dafür gesorgt, dass wir nicht verhungert sind. Hat uns mit Mannah, also Brot versorgt. Was meint der damit, dass er das Brot ist, das vom Himmel zu uns gekommen ist? Und wie kann er behaupten, dass im Unterschied zu damals niemand mehr sterben wird, der von ihm „isst“? Wie soll das gehen?

Was macht der aus unserem Fest! Er lästert und verspottet das, was uns heilig ist.

Das war die Stimmung nach dieser „Brotrede“, die Jesus gehalten hat. Er hatte eine Grenze überschritten. Passah umdeuten – geht gar nicht. Und dann auch noch sich selbst eine zentrale Rolle gegeben. Das ist der Gipfel. Behauptet doch glatt, dass er nicht nur ein neuer Mose ist, der in die Freiheit führt. Sondern noch mehr. Er behauptet, er sei der, der vom Himmel gekommen ist und dem Leben eine neue und unsterbliche Qualität gibt. Wie aus einem anderen Äon. Ein äonis-Leben – ein ewiges Leben.

 

Immer wieder, wenn ich diesen Abschnitt aus dem Johannesevangelium vor mir habe, stelle ich mir die Frage, warum ich diesen Ärger, den Jesus da ausgelöst hat, beim Lesen nicht spüre?

Vielleicht, weil ich als Christ selbstverständlich Anteil an dieser Umdeutung habe. Das letzte Passahfest, das Jesus mit seinen Jüngern feiert, gestaltet er in dieser Umdeutung und mit den Worten: Nehmt und esst, das ist mein Leib und trinkt alle daraus, dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut. Wenn wir also Abendmahl miteinander feiern, dann schwingt Jesu Umdeutung des Passahfestes immer mit.

Manchmal frage ich mich, ob aus der Art, wie wir heute Abendmahl feiern, wieder eine Tradition gewachsen ist, die Jesus umdeuten und damit kritisieren würde. Wie würde eine Brotrede Jesu heute lauten, und wie würde ich darauf reagieren? Mit Freude oder Empörung?

 

Vielleicht würde er noch deutlicher formulieren, dass es nicht darum geht, regelmäßig einen Abendmahlsgottesdienst zu feiern. Dass es um mehr geht, als den Ablauf einer bestimmten Liturgie. Denn so verstehen auch wir Jesu Neuinterpretation von Befreiung und Erfüllung falsch.
Jesus geht es um Beziehung, um Hingabe. Jesus sieht sich nicht als Rezept. Ein Bissen Brot, ein Schluck aus dem Kelch und alles wird gut – das war nicht Jesu Anliegen. Jesus ist kein Medikament, er ist einer, der alles von mir haben will. So wie er alles gibt. Verschmelzung, ähnlich werden, Hingabe, Selbstaufgabe, Vertrauen. „Wer an mich glaubt – wer mir vertraut – hat das ewige Leben.“ In dieser Beziehung findet sich die Dimension der Ewigkeit.

In diesem Sinne ist Jesu Anspruch an unser Leben dieselbe Herausforderung wie damals. Darum passt dieser Predigttext auch in die Fastenzeit. Fasten – eine Zeit der Überprüfung meines Lebens. Eine Zeit der Neuinterpretation dessen, was ich glaube. Eine Zeit der Entscheidung. Für oder gegen Jesus.

Wofür entscheide ich mich – wofür entscheidest Du Dich?

Für das Festhalten an Traditionen oder für den Mut, die zentralen Feste des Glaubens immer wieder neu zu interpretieren? Für den Ärger oder die Freude über Jesus?

Der heutige Sonntag fordert uns auf: Laetare, freue Dich!

Amen