Sternenhimmel

Vertrauen? Auch wenn alles dagegenspricht? Unser Beter macht das. Vielleicht, weil er damit gute Erfahrungen gemacht hat. Abraham, von dem die Bibel erzählt, hatte es schon fast verloren. Bis er den Sternenhimmel gesehen hat. Nicole Marten schaut auch gerne zu den Sternen auf. Sie ist die heutige Impulsgeberin.

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Einfach überwältigend: In einer wolkenlosen Nacht, weit weg von Städten oder Häusern, auf dem Feld, auf einem Berg oder am Meer: Der Sternenhimmel. Unglaublich, wie viele kleine und noch kleinere Lichtpunkte da zu sehen sind. Immer mehr entdecke ich davon, und wie selbstverständlich will ich sie zählen. Obwohl ich natürlich weiß, dass das gar nicht möglich ist. Es sind einfach zu viele. Also begnüge ich mich damit, das eine oder andere Sternbild zu erkennen und zu benennen. Da ist noch eins, und hier auch! Und da hinten! Was für eine Weite. Was für eine Größe. Unendlich.

Vielleicht war Abraham auch überwältigt, als er den Sternenhimmel sah, in der Steppe, weit weg von jeder Lichtquelle. Es ist der Abschluss eines Gesprächs.

In einer Vision hatte Gott mit Abraham gesprochen. Er versprach ihm einen leiblichen Nachkommen. „Nicht möglich“, sagte Abraham da. Schließlich war er schon alt und längst übers Kinderzeugen hinaus, und seine Frau Sara auch. Die Kinderlosigkeit war für Abraham eine große Sorge. Kein leiblicher Nachkomme – das bedeutete für ihn, dass sein Leben nicht vollendet würde. Dass es nicht weitergehen würde mit seiner Familie, mit seiner Sippe. Dass ein Fremder einmal seinen Besitz erhalten würde – das war für ihn Grund zur Verzweiflung.

Verzweiflung: Weil ich mir Kinder wünsche und keine bekomme. Oder weil mich ein Mensch fallen lässt, dem ich mich nahe fühle. Oder weil einer stirbt, den ich liebe –die Welt scheint still zu stehen. Oder weil mich die Diagnose Krebs aus der Bahn wirft. Was jetzt?

So tief unten angekommen. Keine Perspektive mehr. Nein, mir fällt es da schwer daran zu glauben, dass da noch etwas Gutes zu erwarten ist. Mir fällt es schwer überhaupt Trost anzunehmen. Wie dem Versprechen Glauben schenken, dass es nicht nur gut werden wird, sondern großartig? Das klingt in einer solchen Situation nicht nur unglaublich, sondern total daneben. Außerdem hat es einen schalen Beigeschmack: Werde ich denn in meiner Not überhaupt ernst genommen? Wird hier nicht einfach nur „Zuckerguss“ nach dem Motto „Kopf hoch“ über mir ausgeschüttet?

Vielleicht ging das Abraham ganz ähnlich. Einen Nachkommen zu zeugen, war das Wichtigste in seiner Welt. Nun war er viel zu alt dafür. Weil Gott ihn aufgefordert hatte, seine Heimat zu verlassen, war er losgezogen. Voller Hoffnung. Hatte Kämpfe bestanden gegen andere Völker. Hatte es zu Wohlstand gebracht. Doch sein wichtigster Wunsch war unerfüllt geblieben. Jahrelang hatte er gehofft. Nichts war passiert. Jetzt war es zu spät. Viel zu spät.

Mich fasziniert, wie Gott auf Abrahams Klage reagiert. Er nimmt die Zweifel ernst. Sagt nicht: „Unsinn“. Sondern er geht feinfühlig darauf ein. Es ist gut. Abraham darf seine Klagen und seine Not vor Gott äußern. Er muss nichts zurückhalten, wird nicht dafür getadelt. Gott sieht die Verzweiflung. Aber Gott führt auch heraus. So sagt er dem Abraham klar, was sein wird: Er wird Nachkommen haben. Nicht der Knecht wird erben, sondern der eigene Sohn.

Wenn Worte meine Vorstellungskraft sprengen, dann kann ich sie nicht richtig fassen. Es geht ja immer auch der Zweifel mit – daran, ob man die Dinge nicht total falsch einschätzt, wenn man auf Hoffnung setzt. Und manchmal muss ein Zeichen her. So auch in dieser Geschichte: Um seine Worte zu bekräftigen, führt Gott Abraham hinaus. Es ist Nacht, der Sternenhimmel spannt sich weit über der Steppe. Unendlich weit. Jetzt wird Gott konkret. „Zähle die Sterne, wenn du kannst! So zahlreich sollen die Nachkommen sein.“ Unglaublich. Nicht zu fassen. Nicht zu begreifen. Das ist doch der Gipfel. Und das soll ein Trost sein? Nein! Das macht die Sache ja nur noch verrückter, als sie ohnehin schon ist. So hätte ich wohl gedacht. Was für ein verrücktes Versprechen. Das kann man ja gar nicht glauben. Es ist ein blanker Unsinn, vielleicht sogar ein Hohn, auf jeden Fall ein Witz, der keiner ist.

Abraham reagiert anders. Vermutlich schaut er sich erst einmal um. Sieht die Weite und in die Ferne. Versucht tatsächlich, die Sterne zu zählen – und scheitert. Versucht es immer und immer wieder. Ist überwältigt, weil es so unendlich viele Sterne sind. Und dabei geschieht ein Wunder: Abraham ist mit einem Male unendlich getröstet. Aus seiner Verzweiflung wird Vertrauen. Darauf, dass das, was Gott da sagt, in Erfüllung geht. Darauf, dass das verlässlich ist, was Gott verspricht. Ein Vertrauen, das ohne Beweis. Ohne Kontrolle auskommt. Das natürlich auch gar keine Kontrollmöglichkeit hätte. Ein Vertrauen nur auf ein Versprechen hin. Gegen allen Anschein, gegen alle menschliche Logik. Der Sternenhimmel überzeugt Abraham. Jetzt vertraut er Gott in der Kinderfrage und setzt darauf, dass er seine Versprechen einlöst.

Jedes Mal, wenn Abraham künftig die Sterne sieht, wird er sich an dieses Versprechen Gottes erinnern. Dieses Bild wird ihn nie wieder verlassen, egal, was passiert, egal, wo Abraham ist.

Ich kann das gut verstehen: Es ist gut, im Alltag Bilder für den Glauben und für das Vertrauen zu haben, die mich an die Wahrheit von Gottes Versprechen erinnern. Der Sternenhimmel, er ist nicht nur ein Symbol für die unzählbare Nachkommenschaft, die Abraham versprochen wird. Er ist auch ein Sinnbild für die Fülle, die Gott auch uns für unser Leben verheißt. Immer, wenn ich den Sternenhimmel sehe, darf ich mich daran erinnern, dass ich ein von Gott geliebtes Kind bin, dass er einen Plan für mein Leben hat, und dass er es gut mit mir meint. Dass er nicht knausrig ist, sondern mich großzügig beschenken will. Dass er mir aus meinen Nöten heraushilft. Dass er mich tröstet und neue Perspektiven für mein Leben schenkt. Immer wieder aufs Neue. Und das auch dann, wenn es im Augenblich überhaupt nicht danach aussieht.

Immer, wenn wir die Sterne sehen, dürfen wir uns daran erinnern. Und manchmal brauchen wir dafür noch nicht einmal die Nacht – der unendliche Sternenhimmel vor dem inneren Auge genügt!

Amen.