Stoppt die Party!

Heute hat einer die Schnauze so richtig voll! Gott. Es passt ihm einfach nicht: Einerseits wird er von den Menschen gefeiert und andererseits leben sie ihr Leben als wüssten sie nichts von ihm. Kann doch nicht sein? Einer, der weiß, was er an Gott hat ist unser Beter. Er vertraut auf Gott und ist sich sicher: nur Gott kann ihm helfen. Impulsgeberin ist Ruth Dipper.

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Puh! Ok, das muss ich erstmal kurz sacken lassen, Amos hält sich da ja überhaupt nicht zurück. Er musste das nicht, er war als Prophet Gottes zu Israel gesandt, um genau das zu sagen, aber heute sind wir ja gewohnt, dass Dinge netter verpackt sind.

 

Die Kritik an Opfern und Harfenspiel trifft mich da persönlich natürlich nicht so sehr und entsprechend könnte ich das leicht weit von mir weisen, Amos hat das ja *damals* zu *denen* gesagt. Aber ich fürchte, damit mache ich es mir irgendwie zu einfach, das wird dem Bibelausschnitt nicht gerecht.

Denn die Intention ist klar: das ist ein Rundumschlag gegen die gesamte Auslebung von Frömmigkeit.

 

Also, wovon spricht Amos hier womöglich, wenn ich akzeptiere, dass er in die heutige Zeit spricht?

Nun, er meint damit was auch immer Auslebung des Glaubens, von Frömmigkeit, Spiritualität, wie man es auch nennen mag, für dich oder mich bedeutet. Vielleicht sind es regelmäßige Gebetszeiten, die Losungen am Frühstückstisch oder andere Bibeltexte in bestimmter Reihenfolge an bestimmten Tagen, vielleicht kommentiert. Vielleicht sind es fromme Bücher, eine bestimmte Art von Musik, vielleicht mit anderen im Chor singen, im Hauskreis sein, in der Bibelstunde, gelegentliche Klosteraufenthalte oder Freizeiten, bewusste Spaziergänge, theologische Diskussionen, Gottesdienste, auf jeden Fall ja dieser Gottesdienst hier heute auch. Der kleine Gottesdienst.

 

Wie wir Kontakt mit Gott aufnehmen ist sehr unterschiedlich, nicht nur in der Art, sondern auch in der Häufigkeit. Für mich waren viele der genannten Punkte schonmal wichtig, nie alle gleichzeitig, aktuell sind es vor allem ein paar: das darf sich immer wieder mal ändern, so wie ich mich sonst ja auch verändere. Auch in meinen Beziehungen zu Menschen. Aber solang Veränderungen immer wieder in eine passende Form münden, verlieren sie dabei kein bisschen an Stabilität.

 

All das, all diese Kontaktaufnahmen mit Gott, so sagt Amos hier, sind Gott nicht nur nichts wert, Gott hasst es sogar. Da gibt es auch keine Möglichkeit, das Wort weicher zu übersetzen, es ist einfach hassen. Und so ist das natürlich nicht gedacht mit dem Gottesdienst, so funktioniert das dann ja gar nicht mit dem Aufnehmen von Kontakt.

 

Muss ich jetzt aufhören Gottesdienste zu feiern und stattdessen alles daran setzen, Gerechtigkeit wie Wasser fließen zu lassen?

 

Hm… nicht ganz. Und ich denke, dass Amos das gar nicht so will. Da gilt es mal wieder genau zu lesen. Amos sagt nicht, dass Gottesdienste, Harfenspiel und Opfer aufhören sollen. Amos sagt, dass es nichts nütze ist, wenn die Israeliten gleichzeitig Strukturen schaffen, die Missstände stützen. Armut, Ungleichheit, Ungerechtigkeit.

 

Amos kritisiert hier nicht den Gottesdienst an sich. Amos kritisiert das System und die Haltung zum Gottesdienst, der dann nur noch leere Form ist. Und das ist doch heute wieder hochaktuell. Ungleichheit und Ungerechtigkeit, Hunger und Armut, Frust und Zukunftsängste, das sind alles keine fernen Themen.

 

Laut Untersuchungen ist es wohl so, dass Deutsche ziemlich einhellig der Meinung sind, dass diese wieder zunehmende Ungerechtigkeit schlecht ist, und trotzdem gibt es wenig Forderungen zum Beispiel für gerechten Lohn für andere und selbst die Parteien, deren Thema das eigentlich ist, tragen es nicht mehr stolz nach vorne. Mehr noch, ein Gesetz, das Kinderarbeit und andere menschenunwürdige Arbeitsbedingungen verhindern soll, wird als Zumutung empfunden. Unser System ist da krank.

 

Und dieses System stützen wir alle auf die eine oder andere Art; Menschen, die mehr haben als sie brauchen, haben das vermutlich, *weil* andere weniger haben als sie brauchen. Aber auch wer zu wenig hat stützt es fast gezwungenermaßen; denn gerade wo Essen und Kleidung billig ist, wurden vorher mit großer Wahrscheinlichkeit Menschen und unsere Mitwelt ausgebeutet. Und das meine ich nicht als Vorwurf, sondern nur als Feststellung: unser System ist da krank.

Auch nur zu versuchen, sich aus den Verstrickungen herauszuziehen ist immer wieder anstrengend, erfordert viel Ändern von Gewohnheiten und es braucht oft Geld dafür. Das ist also nicht immer und für jeden überhaupt möglich. Aus eigener Erfahrung kann ich da sagen, dass selbst wenn man das wirklich will und die Möglichkeiten gerade hat: letztlich sind immer wieder Kompromisse nötig und ganz raus kommen wir nicht. Das ist etwas, da stehe ich manchmal hilflos davor. Und manchmal wird es mir auch zu viel und ich ignoriere Missstände, schau nicht allzu genau hin, wie ein bestimmtes Produkt, das ich meine zu brauchen, nun produziert wurde oder gehe an dem Hilfesuchenden auf der Straße, dem unser System anscheinend nicht helfen kann, einfach vorbei.

 

Und darum weiß ich: Amos meint hier auch mich.

 

Gott sei Dank bleibt der Text hier nicht stehen. Gott sei Dank geht er weiter: Doch es ströme wie Wasser das Recht und Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach!

 

Das ist ein ambivalentes Bild und vermutlich muss ich beide Seiten hören. Welche Kraft und auch Bedrohlichkeit von viel Wasser ausgehen kann, das haben wir hier die letzten Wochen und Monaten mal wieder bemerkt. Gleichzeitig gibt es kein Leben ohne Wasser und es fließt überall gleichmäßig hin.

 

Beide Aspekte stecken in dem Bild. Was Amos hier weitergibt ist eine Strafankündigung, aber es ist eben auch eine Verheißung. Die Gerechtigkeit kommt, sie wird *überall* ankommen. Ich muss die Welt nicht retten, Christus hat das schon getan. Die Welt ist in Gottes Hand und dort gut aufgehoben.

 

Aber damit das nicht platt wird, weil ich Gottes Wunsch für diese Welt ernst nehme, werde ich weiterhin das Meinige tun. Mal mehr, mal weniger, es wird weiter Zeiten geben, in denen ich mehr Kompromisse eingehen muss, aber ich will weiter, wo ich kann darauf achten, wie Dinge produziert werden. Bei Wahlen für Parteien stimmen, die für Gerechtigkeit stehen, unabhängig von Alter, Geschlecht, Herkunft und Religion. Will meinen Nachbarn nicht hängen lassen und am hilfesuchenden Fremden nicht vorbeigehen. Dabei werde ich immer wieder scheitern, und dann weiß ich, dass letztlich Gott Gerechtigkeit bringt. Aber die Gelegenheiten, in denen ich meine Frömmigkeit auslebe, in denen ich in Kontakt mit Gott trete, werden dafür sorgen, dass ich mich darauf nicht ausruhe, sondern dass ich mich neu daran erinnere, dass aller Gottesdienst nichts wert ist, wenn er nicht in den Dienst am Mitmenschen führt.