Überquerung

Wir gehen heute über den Jordan. Keine Panik. Klingt zwar irgendwie erstmal nicht gut, aber vielleicht kommt es hier nicht auf den ersten Blick, sondern den zweiten an. Einlassen, loslassen und weitergehen. Das wagen wir heute. Impulsgeber ist Pastor Markus Bauder.

Wochenspruch – Röm 8, 14

Psalmgebet – Ps 89, 2-5.27-30

Predigttext – Jos 3, 5-11.17

Ein Dank an die Deutsche Bibelgesellschaft für die Nutzung der Textrechte.

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Heute bin ich tatsächlich nur am letzten Satz dieses Textes hängengeblieben: „So kamen alle Israeliten trockenen Fußes hinüber, bis der Durchzug durch den Jordan abgeschlossen war“.

Die Israeliten sind also alle über den Jordan gegangen. Wie bitte? „Über den Jordan gehen“, sagt man bei uns im Deutschen ja auch. Aber man verbindet damit doch eher etwas ganz anderes als hier gemeint ist. In der Regel etwas Schlimmes. Dass jemand stirbt, oder dass etwas zu Ende geht, kaputtgeht.

Hier ist doch eher gemeint, dass die Israeliten im Gelobten Land angekommen sind. Das ist doch etwas Gutes. Ein Neuanfang … Oder es bedeutet zumindest, am Ziel eines langen Weges ankommen.

Ich mache mich auf die Suche. Wie ist das mit dem „über den Jordan gehen“ gemeint?

Nun, klar ist, für das Volk Israel ist das so etwas wie ein Doppelpunkt. Zum einen sind sie nun aus der Wüste raus. Die Wüstenwanderung kommt nach 40 Jahren zum Abschluss und die Israeliten kommen im Gelobten Land an. Dem Land der Verheißung. Dem Land, in dem Milch und Honig fließen. Dem Ziel der langen Reise.

Klar ist aber auch: dort wartet niemand auf sie. Die Menschen, die dort leben, stehen nicht Spalier und begrüßen die Israeliten so, als ob sie schon seit Jahrzehnten auf sie gewartet haben. Da ist kein herzliches Willkommen.

Das Gelobte Land muss erst noch in Besitz genommen werden. Die Gelehrten sind sich einig, dass dies über viele Jahre und auch deutlich weniger kriegerisch vonstatten ging, als es in der Bibel erzählt wird. Dort werden ja nur punktuelle Ereignisse erzählt. Die vermutlich auch auf tatsächlichen Ereignissen beruhen. Wo der Schwerpunkt aber natürlich weniger dem Verfassen einer realen Chronik gilt, als vielmehr dem ständigen Ringen Gottes mit seinem Volk.

Das „über den Jordan gehen“ war also auch der Beginn eines weiteren, langen Weges. Ein Suchen und Finden. Wege, Umwege, Siege, Niederlagen, Ankommen, wieder neu Aufbrechen, Heimat finden, eine neue Heimat gestalten im neuen Land. Mit neuen Mitmenschen – das ganz normale Leben eben.

Der Jordan markiert eine Grenze zwischen dem Alten und dem Neuen.

Die christliche Kirche, so habe ich gelesen, hat dies alles symbolisch gedeutet und das Gelobte Land mit dem Paradies, mit dem Himmel gleichgesetzt. Wann kommen die Gläubigen in den Himmel? Richtig. Wenn sie sterben. Über den Jordan gehen markiert also den Übergang vom mühsamen Leben in den ersehnten Himmel oder das verheißene Paradies.

Ich ahne also, man kann das „über den Jordan gehen“ schon so verstehen, dass da etwas Schlimmes passiert. Dass das Leben zu Ende geht.

Aber es steckt doch etwas mehr dahinter.

Dazu kommt – habe ich auch gelesen – dass der Täufer Johannes im Neuen Testament im Jordan die Leute getauft hat. Unter anderem auch Jesus Christus. Damit markiert die Taufe im Jordan auch so etwas wie einen Neuanfang. Jemand hat die Seite gewechselt. Das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.

Ähnlich wie im Alten Testament soll man erkennen: „über den Jordan gehen“ markiert einen Neuanfang. Und zwar einen Neuanfang im Land der Verheißung. Also dort, wo man letztlich hinwollte.

So verstanden, markiert „über den Jordan gehen“ ein Ende. Aber auch einen Neuanfang. Das Alte wird nicht ersatzlos gestrichen. Es wird, durchaus in einem guten Sinn, zurückgelassen. Und man begibt sich in ein Neues. Ein neues Leben. Einen neuen Beruf. Eine neue Wohnung. Einen neuen Lebensabschnitt.

Oder auf Glaubens- und Kirchenthemen bezogen – ein neues Kirchenverständnis, eine neue Art Kirche zu sein, oder Gemeinde, neue Formen der Begegnung, neue Wege, seinen Glauben zu leben und ihm Ausdruck zu verleihen.

Ich gehe über den Jordan und lasse etwas zurück, um mit etwas Neuem zu beginnen.

Die Israeliten damals sollten dabei den Blick fest auf die Bundeslade richten und sich bewusst machen, dass Gott diesen Weg in ein neues Land mitgeht.

Vom Neuen Testament her gedacht sollen wir den Blick auf Gott, auf Jesus Christus, richten und uns bewusst machen, dass ER diesen Weg in ein neues Land, in ein neues Leben mitgeht.

Wir stehen am Beginn eines neuen Jahres.

Sie stehen vielleicht noch an ganz anderen Neuanfängen in ihrem Leben.

Und müssen das eine oder andere zurücklassen. Hinter sich lassen.

Vielleicht mussten Sie auch über so eine deutliche Wegmarkierung wie den Jordan gehen, um in einem neuen Jahr, einem neuen Leben anzukommen. Oder sie stehen noch davor.

Die Vorstellung „über den Jordan zu müssen“ soll sie dabei keinesfalls erschrecken, sondern Ihnen Mut machen. Ja, Sie lassen Dinge zurück und müssen weitergehen. Aber es geht nicht ins Nichts, sondern über den Jordan dem „Land der Verheißung“ entgegen – was immer das für Sie bedeutet. Bei mir weckt diese Formulierung immer wieder Hoffnung und Sehnsucht. Da will ich hin. Dort ist es gut. Und weil ich Gott vertraue, weiß ich, dass es letztendlich gut werden wird.

Und dieses Vertrauen, diese Hoffnung wünsche ich Ihnen. Gott segne Sie.