Zum Schreien voll

Liebe ist großartig – bis man anfängt, es zu tun. Dann kann es fürchterlich werden, weil sie tiefer geht, als wir es vielleicht ahnen. Das erzählt ein Bibelwort, ein weiteres feiert Gottes Wort.

0 Kommentare

Kommentieren

An der Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Manuskript / Download
Zum Schreien voll als Manuskript-Datei runterladen

Dieses Kribbeln im Bauch, das man nie mehr vergisst, wie wenn da im Magen der Teufel los ist – ist nicht in Worte zu fassen. Pe Werner hat‘s trotzdem versucht. Ist irgendwas zwischen „mir ist schlecht vor Glück“ und „ich explodiere vor Überwältigung“. Verliebtsein ist eine Macht, wer sich ihr entziehen kann, ist der König der Selbstdisziplin. Aber ich vermute, dieser Königsthron ist seit Jahrtausenden unbesetzt. Dem Verliebtsein zu entkommen, ist so aussichtslos, wie dem Tod zu entkommen. Bloß, dass es ein Ausgeliefertsein ist, dem man sich mit Haut und Haar und ganz gar gerne hingibt.

Die Liebe hat dagegen schon noch andere Qualitäten. Sie geht tiefer, sie legt das Flatterhafte der Schmetterlinge im Bauch ab, steht fest und zum anderen, auch wenn noch so Bitteres geschieht. Selbst wenn die Beziehung zerbricht, die Liebe, so es denn Liebe ist, zerbricht nicht. Die Liebe übersteht alles. Sagt nicht nur Paulus. Weil beim Lieben aus einem Gefühl für einen Menschen eine Haltung zu ihm entsteht und daraus schließlich ein Teil meinerselbst. Dann habe ich mein Herz genommen und in meinem Kopf platziert. Dann gehört es zu mir, diesen Menschen zu lieben, und ich bin nicht mehr ich, wenn ich es nicht tue. Und wenn mir dieser Mensch eines Tages nicht mehr guttun sollte und eine Trennung unausweichlich sein mag, wird doch die Liebe für diesen Menschen bleiben, weil sie ein Teil von mir geworden ist. Sie mag in Betrübnis und Bitternis verschüttet werden, mag untergehen in den Stürmen, wenn sich Wellen auftürmen im Leben, wenn Bedrängnisse zu Gefängnissen werden und ich mit dem anderen nicht mehr ein noch aus weiß. Die Liebe ist dann immer noch da, wenn tief verschüttet in den Trümmern meines Lebens. Die Liebe bleibt. Wie beim Lagerfeuer, das erst noch so heftig lodert, dass es das Gras rundherum mit in Brand steckt, um dann von langem, schwerem Regen bis in die Tiefe gelöscht zu werden. Und dann? Räum ich das Holz Stück für Stück beiseite und entdecke sie wieder: diese letzte kleine Glut, aus der sich gut mit etwas trockenem Stroh doch wieder ein Feuer lichterloh entzünden lässt. Wen ich einmal wirklich ganz und gar liebe, den kann ich nicht mehr nicht lieben. Diese Liebe wird in mir bleiben, auch wenn sich dieser Mensch aus meinem Leben verabschieden oder verabschiedet haben sollte. Sogar wenn ich an ihn oder sie im Grunde nicht mehr denke. Aber wenn doch, dann wird sich auch diese Liebe wieder melden.

Ist das romantisch? Ich glaube, nicht. Liebe übersteht auch alle romantische Gefühlsduselei, alle Emo-Soße, die mich die Welt so elend rosarot sehen lässt. Denn manchmal fühlt es sich überhaupt nicht gut an so zu lieben. Weil es wehtut. Wenn die Liebe nicht ankommt. Wenn sie nicht gewollt wird. Wenn sie abgelehnt wird. Manche Eltern erleben das ja auch bei ihren Kindern. Es ist furchtbar. Zu lieben wird dann furchtbar, zur Urqual, die so tief schmerzt, wie sie sitzt. Aber kann ich es deshalb lassen? Das gehört ja zum Furchtbaren der Liebe: dass ich sie dann einfach nicht loswerde. Ich kann mich ihr nicht entziehen, sie vor die Tür setzen. Sie geht einfach nicht, sie bleibt. Dann wird Lieben zur Hölle, aber nicht zu Lieben ist noch viel schlimmer. Es würde uns umbringen. Ich glaube, es ist wichtig, sich nüchtern und sehr gründlich mit dem Lieben auseinanderzusetzen, um zu verstehen, was Lieben bedeutet, welche Trageweite und Tiefe sie hat.

Im Hohenlied geht es zuerst mal um die Liebe zwischen Mann und Frau – aber dann um mehr. Denn wenn Gott Liebe ist, sagt uns das etwas über ihn.

Ich glaube, es tut gut, es tut uns gut, wenn wir uns Liebe so klarmachen. Bevor wir dabei an Gott denken. Es hilft uns mehr, die Tragweite und Verletzlichkeit, aber auch ihre Tiefe und Unverwüstlichkeit des Liebens von Mensch zu Mensch vor Augen zu führen, es zu durchdenken, aber auch zu durchfühlen – bevor wir an Gott denken, der „die Liebe“ ist. Wie sehr Lieben berührt, mich als Liebenden, das muss ich, glaube ich, erstmal für mich selbst klarkriegen, auch emotional an mich heranlassen – bevor ich mit einem doch abstrakten Gott um die Ecke komme. So wie wir Gott gar nicht lieben können, wenn wir nicht menschlich lieben. Darauf weist schon Johannes in seinem ersten Brief hin. Um eine Vorstellung von Gottes Liebe zu uns zu bekommen, müssen wir selbst erlebt haben, was es heißt zu lieben.

Und hören dann diese knappen Zeilen: Dass die Liebe in der Lage ist, jemanden zum Vollhorst zu machen, zum Totaldeppen, bei dem man die Hände überm Kopf zusammenschlägt und sich denkt, „bei aller Liebe… (genau!) – das kann er doch jetzt nicht machen!“ Doch, er kann. Vielleicht muss er sogar. Die verrücktesten Dinge tun. Alles geben, auch alles hergeben. Das letzte Hemd, mindestens. „Sein ganzes Gut“ erzählen diese kurzen Bibelzeilen. Wir sehen es und denken: „Ist der von allen guten Geistern verlassen?“

Nein. Ist er nicht. Denn wer macht sich denn wirklich derartig zum Deppen, das man sich biegt vor Lachen wegen so viel hirnverbrannter Liebe? Wer macht so etwas?! Gott. Gott macht sich zum Deppen, zum Horst, zum Trottel und Gespött – der ganzen Menschheit. Gott gibt alles. Beim Poker heißt das „all in“. Alles, was auf dem Tisch liegt, wird auf genau dieses eine Blatt gesetzt. Und der edle, alte Aston Martin draußen auf dem Parkplatz auch noch. Einfach alles. So macht Gott das, als er Mensch wird und als Jesus zu uns kommt. Als Kind der Schande, das nicht mal aus einer ordentlichen Ehe hervorgeht. Als Scharlatan, der sich selbst nicht rettet, aber aller Welt die Rettung bringen will. Als Depp, der allen das Leben bringen will, aber selbst in den Tod geht, der nicht nur alles gibt, was er hat, sondern sogar sich selbst. Hä? Was hat der denn dann noch davon? Wie blöd kann man sein?! Natürlich ist der von allen guten Geistern verlassen? Oder: Nein, genau von denen eben nicht, im Gegenteil. Die guten Geister, der gute Geist, der einzige ganz und gar gute Geist hat Gott geritten. Der Geist der Liebe. Weil Gott nicht anders kann, als uns zu lieben. Weil er es einfach nicht hinbekommt. Weil er daran stirbt, uns zu lieben – und lieber das tut, als sich von uns abzuwenden und sein Lieben zu beenden. Er kriegt das einfach nicht hin. Er geht mit uns, wohin wir wollen, braucht nicht mehr als uns und will, dass jeder es weiß: Wir sind die Größten für ihn, wir sind sein Zuhause und er will unseres sein, damit wir uns nie wieder in der Fremde fühlen. Weil sein Herz zum Schreien voll ist vor Liebe zu uns. Er sieht ja unsere Fehler und Zweifel, aber er sieht über sie hinweg und will unsere Zweifel an uns und seiner Liebe rauswerfen und uns einfach lieben. Alles für uns tun, was uns guttut, was wir brauchen, was unser Leben wieder hell macht. Er will, dass, selbst wenn alles vorbei ist, immer noch seine Liebe ist. „Und so sollen natürlich wir auch lieben“ – ist dann so ein christlicher Reflex. Und falsch. Denn das ist nicht der Punkt: Sich so lieben zu lassen – das ist die eigentliche Herausforderung für uns.