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Nö, nicht ich

Manchmal wird es unbequem. Was ich? Ich soll das machen? Kann das bitte eine andere Person übernehmen? Ich bitte nicht. Wie Impulsgeberin Nicole Marten das löst? Reinhören!

Wochenspruch  – Lk 12, 48b

Psalmgebet – Ps 63, 2-9

Predigttext   – Jeremia 1, 4-10

Ein Dank an die Deutsche Bibelgesellschaft für die Nutzung der Textrechte.

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„Wenn Gott Menschen eine Aufgabe gibt, dann muss das auch richtig weh tun, sonst ist es nicht von Gott.“ Mit dieser Aussage habe ich mich in meinen Teenagerjahren herumgeschlagen. Und dann stieß ich auf unseren Bibeltext für heute. Auch jetzt denke ich noch: „Puh! „Was ist das denn für ein Auftrag?“ Gott sagt zu Jeremia: „Du sollst ausreißen und einreißen, zerstören und vernichten, aber auch aufbauen und pflanzen.“ Vier Mal soll er also alles platt machen, nur zwei Mal etwas Neues schaffen? Mich wundert es nicht, dass Jeremia nicht sonderlich begeistert scheint. Da ist Ärger ja schon vorprogrammiert. Berufung tut weh?! Da haben wir’s ja! Ich jedenfalls könnte auf so einen Auftrag gut und gerne verzichten. Jeremia versucht, diesen Auftrag abzulehnen. „Ich kann nicht reden, und ich bin viel zu jung“, sagt er. Das kann ich sehr gut verstehen.

Dazu kommt der Auftrag: In der Gesellschaft des alten Israels gab es die Regel, dass einer dann Prophet sein kann, wenn er eine umfassende Ausbildung hat und später als Prophet auch ein Gehalt bekommt. Solche Propheten waren angesehen, sie hatten es zu etwas gebracht. Doch häufig genug redeten diese Propheten den Mächtigen nach dem Mund – sie kritisierten diese oft nicht, auch dann nicht, wenn vieles in Schieflage geraten war und die Menschen wenig nach Gott fragten. Dass Gott Jeremia direkt beruft – ohne Ausbildung, ohne eine menschliche Instanz, das verstößt also schon einmal gegen die Konventionen, die sich die Menschen ausgedacht haben. Jeremia ahnt, was das bedeutet: dass er vor allem unbequeme Wahrheiten aussprechen soll. Das heißt auch, dass man es ihm übelnehmen wird, wenn er sagt, was Gott ihm aufträgt. Und so wird es tatsächlich auch kommen. Jeremia ist nicht nur bekannt für das Unheil, das er verkünden muss, sondern auch für seine Klagen. Er wird ins Gefängnis geworfen, er wird verspottet, gefoltert, geschlagen, isoliert, in einen Block gespannt. Er schwebt immer wieder in höchster Lebensgefahr, einmal entgeht er nur knapp einem Mordanschlag. Jeremia ist verzweifelt. Er klagt Gott immer wieder sein Leid. Einmal ruft er sogar „du hast mich verführt, und ich habe mich verführen lassen …“ Im Hebräischen liest sich das noch viel drastischer. „du hast mich überwältigt“, fast schon vergewaltigt. Gezwungen, könnte man auch sagen. Jeremia ringt mit Gott und findet so immer wieder auch Vertrauen in ihn. So sagt er auch: „Denn dir habe ich meine Sache anvertraut.“ Dann wieder „Du bist eine Täuschung für mich!“ Und Gott? Antwortet: „Ich werde dich zu einer Mauer aus Bronze machen, die diesem Volk fest gegenübersteht. Sie werden gegen dich kämpfen, aber nichts gegen dich ausrichten. Denn ich bin mit dir, um dir zu helfen und dich zu retten.“ Jeremia wird getröstet, immer wieder. Und er bekennt: „Dein Wort ward meine Speise Tag und Nacht.“

Das Jeremia-Buch beschreibt eine ganz einzigartige Beziehung zwischen Gott und einem Menschen. Fast hat man den Eindruck, Gott führt Jeremia ganz bewusst ins Elend. Man kann auch sagen, Jeremia spürt am eigenen Leib, wie es Gott mit den Menschen geht. Mit Menschen, die er geschaffen hat, und die sich nicht nach ihm ausrichten. Das zeigt mir jedenfalls, dass Jeremia eine sehr, sehr enge Beziehung zu Gott hat. Dafür spricht auch, dass Gott ihm sagt, dass er für Gott schon vor seiner Geburt heilig war, ausgesondert. Es ist auch ein einzigartiger Titel, den Gott ihm da verleiht: „Prophet für die Völker“. Alle anderen Propheten, die Gott beruft, sollten vor allem zum Volk Israel sprechen. Jeremia nicht. Er ist dazu berufen, Lüge und Ungerechtigkeit zu benennen – überall. Die tiefe Einsicht hinter diesen Reden des Jeremia ist: Lüge zerstört das Vertrauen, und zerstörtes Vertrauen zerstört letztlich die Gemeinschaft. Jeremia zeigt uns einen Ausweg: Die Erneuerung des Herzens durch Gott selbst.

Vielleicht ist das ein Schlüssel dafür, wie man diesen Auftrag, den Jeremia da bekommt, verstehen kann. Auch ich, auch du: Wir sind berufen von Gott. Das hat zunächst einmal nichts mit einer speziellen Aufgabe zu tun, die wir von Gott bekommen. Es geht vielmehr um Beziehung. Gott hat uns geschaffen, und er will mit uns in einer Beziehung leben. Wir sind in Gottes Augen wertvoll. Er kennt uns nicht nur seit unserer Geburt, sondern schon davor. Er möchte mit uns Gemeinschaft leben. Wir sind berufen zu einer vertrauensvollen Freundschaft mit ihm. In einem ersten Schritt ist das entspannend: Wir dürfen vor Gott einfach sein. Und uns auf die Freundschaft mit ihm einlassen. Dazu gehört: Wir sind zum Licht berufen, nicht zur Finsternis. Zur Freiheit sind wir befreit. Friede schaffen ist unser Auftrag. Zur Gemeinschaft mit Jesus sind wir berufen. Zur Hoffnung. Zur Auferstehung. Zum ewigen Leben. Aber auch: Zum Wandeln im Licht. Und das heißt für mich: Auch Dinge ansprechen, die nicht in Ordnung sind. Liebevoll, aber bestimmt. Und ja, das kann auch unangenehm werden, anstrengend. Meist weiß ich ja vorher nicht, wie der andere reagiert. Oder ich weiß es sicher – und fürchte mich vor einer wütenden Reaktion. Vielleicht denke ich auch, dass ich komplett falsch liege mit meiner Einschätzung und fürchte die Blamage. Oder ich befürchte, dass ich dann nicht mehr so angesehen bin. Es kann auch in unserer westlichen Welt unangenehm werden, zu den eigenen Werten zu stehen: Wer sich in den USA kritisch zur politischen Lage äußert, muss mit Konsequenzen rechnen. Manche Journalisten oder auch Comediens sind ihren Job bereits los. Sie machen dennoch weiter, nutzen das Internet, um ihre Meinung zu verbreiten. Ich bewundere ihren Mut, ich feiere sie dafür, dass sie nicht einknicken.  Ich will sie mir zum Vorbild nehmen. Und nicht nur von ihnen lernen, sondern auch von Jeremia. Der bei seinem Auftrag blieb, auch dann, wenn es schwer wurde. Der sein Leid Gott geklagt hat und so Trost in ihm fand. Und später sogar zur Hoffnung. Daran will ich festhalten, auch dann, wenn meine Berufung längst nicht so krass ist wie die von Jeremia – und meine Situation so ganz anders wie die der Menschen in den USA.

Amen.