Barrierefreiheit – Trau dich!

Chance ergriffen. Von dem erzählt, was das eigene Leben trägt. Sich ganz auf den anderen eingelassen. Das alles trotz scheinbarer Hindernisse. Wie Barrierefreiheit geht? Das macht das Evangelium, die gute Nachricht von Jesus Christus uns heute vor!

Wochenspruch – Jes 43,1

Psalmgebet – Ps 139, 1-12

Predigttext – Apg 8, 26-39

Ein Dank an die Deutsche Bibelgesellschaft für die Nutzung der Textrechte.

1 Kommentar
Kommentare
  1. Deiss Gabriele
    Deiss Gabriele aus Filderstadt sagte:

    Vielen Dank für den Gottesdienst den ich erst heute abhören konnte! Toller Impuls und prima Denkanstöße! Barrierefreier Gott! Danke!

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Zwei Gedanken sind es, die mich heute aus dieser Geschichte beschäftigen und die ich mit Ihnen teilen will: 1. Das Evangelium ist absolut barrierefrei und 2. Was könnte es heute heißen, sich „in den Wagen eines anderen zu setzen“.

  1. Das Evangelium ist absolut barrierefrei. Es lässt sich von keiner Grenze oder Barriere aufhalten. In dieser Geschichte überspringt es mal eben vier sehr große Barrieren.

Dieser hohe Beamte vom königlichen Hof war nämlich 1. Ein dunkelhäutiger Mensch. 2. Er war Ausländer – genauer, Äthiopier, d.h. aus einem fernen Land, in dem man das Evangelium bis zu diesem Zeitpunkt nicht gehört hatte. 4000 km entfernt von Israel. Eine andere Welt 3. Er war ein Eunuch, wörtlich ein Entmannter. Weder Mann, noch Frau, wenn man so will ein weiteres Geschlecht. Im 5. Buch Mose heißt es, dass kein Entmannter in die Gemeinde Gottes darf. Eine Barriere aus dem Bereich der Sexualität, der Geschlechtlichkeit. Und 4. gehörte dieser Eunuch zur absoluten Oberklasse. Ein Minister der Königin. Ihr Vermögensverwalter. Man kann davon ausgehen, dass hier auch eine soziale Barriere überwunden wird.

Keine einzige dieser Barrieren stellte sich als unüberwindbares Hindernis heraus. Der Minister wurde getauft und zog fröhlich seine Straße. D.h. er war am Ende der Geschichte 1. Immer noch dunkelhäutig, 2. Äthiopier, 3. Entmannt und 4. Minister. Und er war darüber hinaus einen großen Schritt weiter. Denn er war am Ende der Geschichte Teil der Gemeinde Gottes, vollwertiger Christ, obwohl er das nach dem Gebot im 5. Buch Mose eigentlich nicht sein durfte.

Das ist schon auffällig. Das Evangelium Gottes überwindet an dieser Stelle also auch eine Barriere aus der Schrift selbst. Man könnte durchaus mit recht und etwas frech behaupten: Das Evangelium überwindet sogar Barrieren, die man in der Bibel findet.

Aber das kennen wir ja auch von Jesus. Barrieren zu überwinden, wenn es darum ging, Menschen das Evangelium zu bringen und sie zu Kindern Gottes zu machen, kannte er nicht. Er hat sie alle überwunden. Alle Barrieren, die Menschen gesetzt haben um zwischen drinnen und draußen zu unterscheiden. Nichts soll und darf die Menschen von Gott trennen. Weder Hautfrabe, noch Volkszugehörigkeit, noch Geschlecht, noch sexuelle Orientierung, noch sozialer Stand, man könnte mit Paulus fortfahren, weder Hohes noch Tiefes, nicht der Tod und nicht das Leben, keine Engel und keine Weltlichen Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges. Nichts. Nicht mal ihre Schuld trennt die Menschen mehr von Gott. Diese Barriere hat Gott ja sogar höchst selbst aus dem Weg geräumt.

Was heißt das? Das heißt, dass es für uns als Christen genauso gilt, alle Barrieren, die sich zwischen uns auftun, zu überwinden. Es nicht gelten zu lassen, dass man denkt, dass man da nichts machen kann. Es gilt Freizügigkeit. Wie sagt Jan Böhmermann im ZDF-Magazin royal immer: Sehr geehrte Damen und Herren und alle dazwischen und außerhalb… ja, alle – das Evangelium gilt allen und es ist absolut barrierefrei. Und alle, die wollen, dürfen getauft und Christen werden. Mit mehr oder weniger Abstand, so wie sie es wollen. Dieser hohe Beamte aus Äthiopien hat kein offizielles Glaubensbekenntnis abgelegt. Der Vers 37 in Apostelgeschichte 8 kam erst später dazu. Philippus hat sich vermutlich später von den Gemeindeleitern in Jerusalem einiges anhören müssen.

Barrierefrei …

Wobei wir – das wissen wir heute – bei Barrierefreiheit immer von dem Menschen denken müssen, der die Barriere als solches empfindet oder erlebt. Nicht das ist barrierefrei, was wir vermeintlich Gesunden und Frommen entscheiden, sondern wie es unser Gegenüber empfindet. Vom anderen her müssen wir denken lernen. Vom Neuen, vom Fremden. Wenn heute Menschen außerhalb von Kirche die Christinnen und Christen nicht mehr verstehen und den christlichen Glauben für nicht relevant halten, sind sie nicht selbst schuld. Wir sind es, die dann nicht sprachfähig sind. Wir sind es, die wir uns vom normalen Leben abgekoppelt haben.

Vor Jahren wollte unsere Homepagebeauftragte die Homepage der Gemeinde barrierefrei machen. Ich hab zunächst gar nicht verstanden, was sie wollte. Wissen Sie es? Wenn nicht, fragen Sie mal ihren Internetbeauftragten ob die Homepage der Gemeinde barrierefrei ist… Können sie also auch blinde Menschen nutzen. Oder wie ist die Sprache? Einfach? Kompliziert? Churchy? Normal?

Das Evangelium ist barrierefrei und Philippus hat mitgemacht. Er hat – und da komme ich jetzt zum 2. Punkt – sich in den Wagen des Äthiopiers gesetzt und ist mit ihm mitgefahren.

Das wars übrigens auch schon. Der Äthiopier ist nicht Kirchenmitglied in Jerusalem geworden, er hat keine zweite Kurseinheit gebraucht. Ein, zwei, drei oder fünf Stunden, mehr nicht… Im Wagen des anderen mitfahren.

Da warnen natürlich alle Eltern ihre Kinder davor. Das darf man nicht machen. Niemand trampt heute mehr. Gut, es gibt Mitfahrzentralen und die sind auch so organisiert, dass man einigermaßen gefahrlos bei jemand Fremden mitfahren kann, aber das machen nur noch junge Leute, die kein eigenes Auto haben. Die bereit sind, ein mehr oder weniger großes Risiko einzugehen.

Sich in den Wagen eines anderen setzen. Das ist für mich in dieser Geschichte ein wichtiges Bild geworden.

Das heißt sicher nicht nur, tatsächlich in das Auto eines anderen steigen und mitfahren. Aber warum nicht?

Es heißt, sich auf einen anderen einlassen. Eigene Sicherheiten aus der Hand geben. Verletzlich werden. Vertrauen entwickeln müssen. Bereit werden, ein Risiko einzugehen.

Das machen wir heute gar nicht gern. Ein Risiko eingehen, ist verpönt. Alles muss abgesichert und versichert sein. Und in das Eigene lässt man eher nur wenig Leute rein. Viele Menschen bekommen keinen Besuch. Sie lassen auch nur sehr ungern jemanden in die eigene Wohnung. Und so ein bisschen ist das Auto immer noch die Verlängerung des eigenen Wohnzimmers. Jemanden in das Eigene reinlassen. Oder sich hineinbegeben.

Aber genau das ist gemeint, wenn wir von Begegnung reden. Wenn wir offen werden wollen für andere.

Was könnten Beispiele dafür sein, dass ich bereit bin, mich in den Wagen eines anderen zu setzen: in einer Vesperkirche mitarbeiten oder bei uns in Stuttgart beim Feiertag für Menschen ohne und mit Wohnung. Eine Welt kennen lernen, die mir sonst völlig fremd ist.

Mich als Erwachsener oder Rentner mit Jugendlichen unterhalten. Sie einladen oder besuchen. Was gemeinsam unternehmen. Die Nachbarn aus dem eigenen Wohnblock mal zum Kaffeetrinken in die eigene Wohnung einladen. Oder ein Nachbarschaftsfest organisieren. Sich neu in einem Sportverein anmelden oder tanzen gehen oder an einer Parteiveranstaltung teilnehmen. Sich für Geflüchtete interessieren oder bei einem Hilfstransport mitfahren.

Sich in den Wagen eines anderen setzen, heißt für mich, meine Komfortzone verlassen, vom Sofa runterzukommen und etwas zu tun, das ich für mich für ungewöhnlich halte. Mich auf etwas Neues, Ungewohntes einlassen.

Philippus ist dazu, so heißt es, vom Heiligen Geist aufgefordert worden. Ich hab mich schon oft gefragt, wie das wohl zugegangen ist. Ich bin der Meinung, dass er von einer „verrückten Idee“ zum Tun gekommen ist. Er hat mitgehört, was der Äthiopier gelesen hat und hatte die Idee. Und dann hat er die Bedenken, die er sicher auch gehabt hat, überwunden und ist den Schritt ins Tun gegangen. Ohne genau zu wissen, was da jetzt passiert, wo er am Ende rauskommt und wie er wieder da hinkommt, wo er ursprünglich hinwollte.

Das wünsche ich mir für mich und für Sie. Und für unsere Kirche und alle Kirchen. Dass wir das Evangelium barrierefrei machen und dass wir bereit werden, im Bild gesprochen, in den Wagen des anderen einzusteigen. Natürlich ist nicht jede und jeder von uns ein Philippus. Und nicht jeder muss große Barrieren überwinden. Aber den einen oder anderen Schritt können wir schon tun.

Ich bin sicher, letzten Endes wird jede und jeder, der auf solche Art mit dem Evangelium in Kontakt kommt, sei es, dass er oder sie es weitergibt oder erzählt bekommt, seine Straße fröhlicher weiterziehen als vorher. Zufriedener, glücklicher, manchmal auch nachdenklicher, aber bereichert.