Foto: ardio m, Anja Kieser

Blick in die Statistik

Fakten sagen oft etwas anders aus, als das Gefühl. Deshalb hilft ab und an ein Blick in die Statistik, meint Impulsgeberin Nicole Marten. Das rückt ein paar Dinge dann ins richtige Licht und hilft der Stimmung auf.

Wochenspruch  – Lk 19, 10

Psalmgebet – Ps 103

Predigttext   – Micha 7, 18-20

Ein Dank an die Deutsche Bibelgesellschaft für die Nutzung der Textrechte.

0 Kommentare

Kommentieren

An der Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Manuskript / Download
Blick in die Statistik als Manuskript-Datei runterladen

Wie schätzen Sie persönlich die Welt ein? Diese Frage wurde mir neulich gestellt – durch ein Buch. Darin war auch ein kleiner Test. Wie sehe ich die Welt? Ist sie gut oder schlecht? Ich war gespannt. In dem Buch stand: Alle Männer weltweit, die heute 30 Jahre alt sind, haben im Schnitt zehn Jahre lang die Schule besucht. Alle 30-jährigen Männer weltweit! Durchschnittlich zehn Jahre Schule! Wow. Das hätte ich nicht erwartet. Aber die Sache ging ja noch weiter. Es folgte die Frage: Was glauben Sie? Wie viele Jahre sind die heute 30-jährigen Frauen zur Schule gegangen? Weltweit? Im Schnitt? Zur Auswahl standen die Antworten: neun Jahre, sechs Jahre oder drei Jahre. Was würdet ihr sagen?

Ich wollte ganz spontan schon „drei Jahre“ antworten, denn neun erschienen mir zu viel. Letztlich entschied ich mich für die goldene Mitte und antwortete mit „sechs Jahre“. Doch weit gefehlt: „Falsch!“ Lautete die Antwort. Im Schnitt haben Frauen, die heute 30 Jahre alt sind, neun Jahre lang die Schule besucht! Neun Jahre Schule! Frauen weltweit! Das hat mich regelrecht umgehauen. So lange? Da kann ich nur staunen. Natürlich könnte man jetzt einwenden, dass das immer noch ein Jahr weniger ist als bei den Männern. Was ja auch stimmt. Aber darum ging es dem Autor gar nicht. Hans Rosling heißt er, ein Arzt und Professor, der in Schweden mit anderen zusammen die Organisation Ärzte ohne Grenzen gegründet hat. In seinem Buch „Factfulness. Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist“ stellt er den Leserinnen und Lesern 13 Fragen. Diese hatte er zuvor auch seinen Studenten gestellt, den Besuchern des Weltwirtschaftsforums in Davos sowie vielen weiteren Gruppen. Das Ergebnis war überall dasselbe. Bei den 13 Fragen lagen die meisten nur bei einer Antwort richtig mit ihrer Einschätzung. Und nur eine Person hatte zwölf richtige Antworten gegeben. Hans Rosling untersuchte dieses Phänomen systematisch, weltweit. Sein Fazit: Wir schätzen die Welt meist sehr viel schlechter ein, als sie ist. Das mag mit den Medien zusammenhängen, für die eine schlechte Nachricht immer eine gute Nachricht ist. Weil sie für mehr verkaufte Auflage sorgt, für mehr Klicks, für mehr Publikum.

Dass wir stärker auf schlechte Nachrichten reagieren als auf gute, hat einen Grund: Für Steinzeitmenschen bedeutete die Meldung: Sonne scheint, kein gefräßiges Tier in Sicht: Du kannst dich entspannen. Also nichts Besonderes. War aber der Säbelzahntiger unterwegs, oder verbreitete sich ein Brand, hieß das: Achtung! Gefahr! Kämpfen oder fliehen! Und das steckt auch heute noch in uns. Deshalb funktionieren Medien nach der Devise „Schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten“. Wenn wir nun aber immer nur schlechte Nachrichten hören, sehen oder lesen, dann prägt das unser Weltbild: Die ganze Welt ist schlecht. Früher war alles besser. Es geht bergab. Ganz sicher.

Hans Rosling setzte mit seinem Buch ein Zeichen gegen diese Schwarzmalerei. Er blendet das Schlechte auf der Welt nicht aus. Kriege, Krisen, Katastrophen, Konflikte: Sie prägen den Alltag vieler Menschen. Doch Hans Rosling hat entdeckt, dass wir den negativen Dingen viel zu viel Gewicht einräumen. Weil das Negative so schwer wiegt, nehmen wir das Positive nicht oder nur sehr verzerrt wahr. Statistiken können dabei helfen, unseren Blickwinkel neu zu justieren. Und das führt dazu, dass wir wieder Freiräume bekommen, um kreativ zu werden. Damit wir damit selbst etwas anstoßen können, um die Welt heute ein kleines bisschen besser zu machen.

Statistiken sind das eine. Es gibt aber noch andere Möglichkeiten, den eigenen negativen Blickwinkel ins Positive zu wenden. Die Bibel stellt uns heute eine dieser Möglichkeiten vor: Dankbar sein und Gott loben. Die Autoren der Bibel wissen ganz genau, dass wir dazu neigen, die Welt schlecht zu sehen. Deshalb fordert sie uns auf: Danket dem Herrn. Seid dankbar in allen Dingen. Lobt Gott! Egal, wie schlecht eure Situation ist. Aber ist das nicht ein bisschen weltfremd? Wenn ich ganz tief unten sitze, es mir schlecht geht, ich nicht mehr aus noch ein weiß. Wenn der Schmerz und die Trauer mein Denken komplett gefangen nehmen. Dann kann ich manchmal gar nicht danken. Dann sehe ich keinen Grund dafür. Alles erscheint mir sinnlos. Solche Zeiten sind ganz normal. Sie gehören zu unserem Menschsein dazu. Wir dürfen Gott unser Leid und unsere Verzweiflung klagen, wir dürfen mit Gott auch streiten. Gott hält das aus. Hält unsere Not aus, geht mit, auch wenn wir das nicht spüren.

Manchmal habe ich mich auch verstrickt. In mich selbst. War ungerecht anderen gegenüber. Jetzt bereue ich es, kann es aber nicht mehr gut machen. Und nun? Auch das darf ich Gott sagen. Ich darf ihn um Vergebung bitten – und ich weiß, dass er mir schon längst vergeben hat. Dass Gott nicht ewig an seinem Zorn festhält. Dass er mich aus meiner Verstrickung befreien will, weil er mich so sehr liebt. Weil er will, dass ich ein befreites Leben führen kann.

Und irgendwann, nach der Trauer oder nach der Reue, da sehe ich dann wieder ein kleines Licht, spüre Wärme. Hoffnung keimt auf und Zuversicht, Freude darüber, dass mir vergeben wurde. Dass ich durch die schwere Zeit durchgetragen wurde. Und dann spüre ich auch Dankbarkeit gegenüber Gott. Ich will es üben, mich in schlechten Zeiten an Gott zu halten. Durchzuhalten in dem Wissen: Er sorgt für mich, auch wenn ich es nicht spüre. Und vielleicht rutscht mir dann in der Tiefe meines Lebens doch ein kleines „Danke“ über die Lippen. Das tröstet mich.

Der Bibeltext für heute ist für mich aber nicht nur Trost für die schweren Zeiten. Er ist für mich auch eine Erinnerung: Im Alltag vergesse ich manchmal, Gott danke zu sagen. Ich stürze mich in die Nachrichten, sehe die Welt mit einem Blick an, der sie schlechter macht als sie ist und komme ins Verzweifeln. Die Bibel fordert mich auf, Gott zu danken. In allen Dingen. Wenn ich das in meinem Alltag tue, dann passiert etwas Wundervolles: Mein Blick weitet sich. Die schlechten Nachrichten sind immer noch da. Aber ich höre das Vogelgezwitscher. Nehme die Sonnenstrahlen wahr oder den Regen. Spüre den Wind in meinem Gesicht. Freue mich, dass ich Freunde habe, eine Familie, die für mich da sind. Und eine Wohnung, in die es nicht hineinregnet. Und schon sieht die Welt ein bisschen besser aus, und ich kann mich wieder freuen. Ich will mich darin üben, den Blick immer wieder auf das zu richten, was gut läuft. Was schön ist. Und wenn das nur ein Gänseblümchen ist. Und dann Gott dafür danken.

Amen.