Fot: radio m, Anja Kieser

Deine Überschrift?

Wie möchtest du dein Jahr 2026 überschreiben? Ja, genau. Nicht das alte Jahr. Das neue Jahr. Nicht warten bis es vorüber ist, sondern heute ein Titel wählen, der über deinem Jahr stehen soll. Pastor Wilfried Röcker macht dazu einen Aufschlag.

Wochenspruch  – Joh 1, 14b

Psalmgebet – Ps 100

Predigttext  – Jes 61, 1-3(4.9)10.11

Ein Dank an die Deutsche Bibelgesellschaft für die Nutzung der Textrechte.

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Jung und frisch. Gerade mal vier Tage alt ist es. Das neue Jahr. Ich schwanke zwischen Freude über all das, was in diesem neuen Jahr vielleicht möglich ist und dem Gedanken, wie viele Hürden und Gräben es vielleicht für mich zu überwinden gilt.
Auch wenn nicht alle Erdenbürger jetzt den Jahreswechsel feiern, stehen doch Milliarden von Menschen am Anfang dieses Jahres. Sie träumen und erhoffen sich Besserung. Sie sorgen sich und sind verzweifelt. Sie machen Pläne wie sie ihre Ziele verfolgen. Und wie ich, werden auch sie mit den Überraschungen fertig werden müssen, die ihnen in diesem Jahr entgegenkommen.

  1. Was wird man sagen in 10 Jahren oder schon im Dezember? Wird es ein Jahr der Verständigung und Entspannung gewesen sein oder ein weiteres Jahr der Gewalt und Eskalation? Wird es das Jahr sein, in dem meine Frau, mein Mann, mein Kind sterben werden? Oder wird es für manche das Jahr sein, das sie in einen Ring eingravieren lassen, als das Jahr der Liebe und des großen Glücks.

Das ist alles so ungewiss, so schicksalshaft.
Irgendwie gefällt mir dieser Gedanke nicht. Ich möchte ihn gerne abschütteln, weil er mich ohnmächtig macht. Ich will doch aktiv sein. Das neue Jahr gestalten. Zuversichtlich voran gehen. Dem Jahr etwas Gutes abnehmen. Dem Jahr schon heute eine Überschrift geben und es nicht erst am Jahresende betiteln. Eine Überschrift, die eine Richtung vorgibt, wie das Jahr werden könnte – kann man das? Hilft das was?

Einer hat es einfach getan. Von ihm haben wir gerade gehört. Er verkündet ein Jahr, in dem Gott Freiheit schenkt! Einen Tag, an dem Gott das Unrecht wiedergutmacht. Er macht das, weil er sich dazu berufen weiß. „Ich bin ein gesalbter des Herrn. Gottes Geist ruht auf mir. Gott sendet mich!“, sagt dieser Prophet, den wir Jesaja nennen – was so viel heißt wie „Gott rettet. Gott befreit. Gott bringt Heil“. Sein Name ist Ausdruck seines Sendungsbewusstseins: „ER, Gott hat mich gesandt, den Armen gute Nachricht zu bringen und gebrochene Herzen zu heilen. Den Gefangenen soll ich zurufen, dass sie frei sind und ihre Fesseln gelöst werden. Ich soll alle Trauernden trösten und den Klagenden in Zion Freude bringen.“

So selbstbewusst kann man also auch in ein neues Jahr aufbrechen?
Dabei steht dieser Jesaja inmitten von Trümmern. Die einst so blühende Metropole Jerusalem gibt es nicht mehr. David hatte diesen Ort zur Hauptstadt gemacht. Salomo hat einen Tempel gebaut. Handel wurde betrieben. Die Königin von Saba war zu Gast. Lange ist es her. Ich stelle mir vor, wie der Wind Staub und Dornenbüschel durch die einstigen Prachtstraßen treibt. Einzeln, arm und elend sind die vertriebenen Israeliten aus Babylon zurückgekehrt. Mit viel Hoffnung im Gepäck. Aber wirkliche Freiheit haben sie dennoch nicht gefunden. Nach wie vor herrschen andere über diesen einst blühenden Landstrich. Und viele sind auch einfach dort in der Verbannung geblieben und erst gar nicht in das zerstörte Land zurückgekehrt.

Ob es überhaupt jemand hört, was dieser Jesaja da sagt?
Gegen alle Wirklichkeit verkündet er ein Jahr der Wiedergutmachung, des Wiederaufbaus und des Glücks.
Warum? Weil Gott rettet, weil Gott befreit, weil Gott heilt – weil der Name Jesaja zum Programm werden wird. Dieser hebräische Wortstamm „jasah“ taucht in biblischen Namen in drei Weisen auf: als Josua – er führt Gottes Volk in das gelobte Land. Als Jesaja – als Propheten, die auf den Zusammenhang hinweisen, dass es darum geht, die neue Freiheit in Gemeinschaft mit Gott zu leben und zu gestalten – so entsteht Umkehr, neue Hoffnung, Zukunft. Und als „Jeshua“ oder griechisch adaptiert: Jesus.

Im Lukasevangelium werden Jesaja und Jesus miteinander in Verbindung gebracht. In Lukas 4 wird erzählt, wie Jesus am Sabbat in seiner Heimatstadt Nazareth in die Synagoge geht. Er wird gebeten die Schriftlesung aus einem Propheten zu übernehmen, die der Thoralesung, der Lesung aus dem Gesetz folgt. So hat man das damals in der Synagoge gemacht. Und nach den Schriftlesungen gab es immer eine kurze Predigt, die oft auch dialogisch war. Als sie ihm die Schriftrolle von Jesaja bringen, wählt Jesus genau diesen Abschnitt aus Jesaja 61 und liest: Der Geist des Herrn ruht auf mir, denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, den Armen gute Nachricht zu verkünden. Den Gefangenen soll ich zurufen, dass sie frei sind, und den Blinden, dass sie sehen werden. Den Unterdrückten soll ich die Freiheit bringen. Ich soll verkünden: Jetzt beginnt das Jahr, in dem der Herr Gnade schenkt.

Viele hundert Jahre sind vergangen, seit diese Worte im zerstörten Jerusalem ausgesprochen wurden. Viele hundert Jahre, in denen die damaligen Weltmächte immer um diesen Landstrich gekämpft hatten. Die Handelsroute entlang des sogenannten orientalischen Halbmondes, also zwischen dem Nil in Ägypten und dem Zweistromland entlang Euphrat und Tigris bis nach Babylon war von höchstem Interesse. Wer hier herrschte, besaß Macht und Einfluss. Zur Zeit Jesu waren es die Römer, die hier die Kontrolle hatten. Zur Zeit unseres Jesajas waren es die Perser.

Vielleicht waren die Menschen damals in Nazareth desillusioniert und haben es aufgegeben, auf solche Verheißungen zu hören. Vielleicht haben sie sich aber auch innigst daran festgehalten und auf eine Heilszeit jenseits der Zeit gehofft. Auf einen, der kommt und eine neue Zeit anbricht.

Als Jesus sich damals nach der Lesung wieder setzte, warteten die Besucher des Gottesdienstes auf eine Auslegung. Und Jesus sagte: „Heute ist diese Stelle in der Heiligen Schrift in eurer Gegenwart in Erfüllung gegangen.“ Lukas berichtet über einen intensiven Dialog über Verheißung und Erfüllung, über Vollmacht und Prophetie. Die Aussprache in der Synagoge endet im Streit. Und statt, dass die Heimatgemeinde von Jesus mit ihm betet und ihn in seiner Sendung bestärkt, treiben sie ihn aus der Stadt hinaus.

Unverständlich und verständlich zugleich. Unverständlich, weil wir in Jesus den sehen, in dem sich Gott selbst zu uns gesandt hat. Verständlich, weil da einer sitzt, den alle kennen und der gegen alle Wirklichkeit nicht nur ein Jahr der Wiedergutmachung, des Wiederaufbaus und des Glücks, wie es Jesaja gemacht hat, verkündet, sondern diese Worte ganz und gar auf sich selbst bezieht. „Ich! Ich bin der neue Gesalbte“, sagt er. Das ist doch verrückt?!

Und seitdem sind wieder viele hundert Jahre vergangen. Es gab Jahre des Glücks und der Wiederherstellung, aber auch sehr viele Jahre der Zerstörung, des Hasses und der Gewalt. Die Mächtigen streiten sich um Macht und Einfluss und sie nehmen den Tod von Tausenden und die Vertreibung von Millionen in Kauf. Es scheint, dass diese Verheißung ein Traum bleibt.
Vielleicht doch nur etwas für eine neue Zeit danach? Jenseitsvertröstung?
In mir wecken diese Worte eine tiefe Sehnsucht. Vielleicht weil sie so poetisch geschrieben sind. Wie ein Psalm. Wie die Gebete der Bibel. Sie zeichnen Bilder, erwecken Gefühle, sprechen mein Innerstes an. Sie finden eine Sprache für das, was unaussprechbar ist. Eine Klage, eine Hoffnung, eine Sehnsucht, doch an Gott festzuhalten, weil nur er derjenige ist, der Zukunft schafft. So sind Jesajas Worte auch ein Gebet. Innerstes Hoffen und Ringen, um eine Zukunft, die nur Gott in seinen Händen hält. Der liebende und gnädige Gott. Dem kann ich meine Zukunft anvertrauen. Selbst, wenn alles gegen eine gute Zukunft spricht. Selbst, wenn ich zwischen Trümmern stehe.

Jesaja sagt mir, dass auch ich seine Haltung übernehmen kann.
Ich darf seine Worte auch über mein neues Jahr stellen. Ich darf Gott vertrauen, ganz gleich was kommt. Ja, das klingt richtig schwer, wenn ich an all das denke, was auch kommen könnte in diesem neuen Jahr. Aber diese Worte, dieses Gebet mir auszuleihen, das gibt mir auch Kraft.

Dietrich Bonhoeffer hat mal geschrieben: „Die Zukunft gehört nicht den Schwächlingen, sondern den Mutigen, die im Vertrauen auf Gott das Risiko der Verantwortung auf sich nehmen.“
Quelle: Dietrich Bonhoeffer, Ethik, München 1949 (DBW 6), S. 301.

Im neuen Jahr liegt sicher ein Risiko. Gerade weil ich nicht alles in der Hand habe. Aber ich darf und kann auf Gott vertrauen. Den Mut dazu, spreche ich mir durch Jesajas Worte zu. Und ich darf sie auch anderen sagen. Jesaja schickt uns mutig ins neue Jahr. Mut, der hilft, Verantwortung zu übernehmen, Unrecht zu erkennen und zu benennen, zu trösten und Menschen zu bestärken, die Gutes tun. Wenn ich mir also etwas vornehme, für dieses neue Jahr, dann das; dann dieses Gebet:

Guter Gott, dieses Jahr soll ein Jahr werden, das Freiheit bringt, Gerechtigkeit und Hilfe denen, die sie brauchen. Dir vertraue ich. Schenke mir den Mut dazu und gib mir die Kraft, die ich brauche, so zu leben, dass ich dieser Verantwortung gerecht werde. Das soll über diesem neuen Jahr stehen. Ganz gleich, was kommt.

Amen