Draußen vor der Tür
Wenn’s klopft, müssen wir uns entscheiden: Öffnen wir oder nicht? Gott wünscht sich zwar, dass wir ihm öffnen, aber warum sollten wir ihm seinen Wunsch erfüllen?
Wenn’s klopft, müssen wir uns entscheiden: Öffnen wir oder nicht? Gott wünscht sich zwar, dass wir ihm öffnen, aber warum sollten wir ihm seinen Wunsch erfüllen?
„Lasst mich rein ihr Kinder, ist so kalt der Winter. Öffnet mir die Türe, lasst mich nicht erfrieren.“ Das ist die erste Strophe aus dem Kinder-Weihnachtslied „Kling Glöckchen“. Und vielleicht erklingt es hier und da bereits, das Lied, das das Christkind ankündigt. „Öffnet mir die Türen, (…) bring euch viele Gaben, sollt euch dran erlaben“: erfreuen sollen wir uns. Einem, der etwas gibt, öffnet man gerne die Tür. Aber dem, der einfach nur Wärme und ein Dach überm Kopf braucht?
Und nichts geben kann außer Dankbarkeit? Die Erfahrung, vor der Tür zu stehen und nichts zu haben und zu sein, hat nach dem Krieg Wolfgang Borchert in seinem Drama „Draußen vor der Tür“ verarbeitet. Er war selbst aus der Gefangenschaft entlassen worden, seine Gesundheit war durch die Strapazen ruiniert.
Im Kriegsheimkehrer Beckmann in seinem Drama verarbeitet er seine eigenen Erfahrungen. Beckmann war im Krieg verletzt worden und kann nur noch humpelnd laufen und schlecht sehen. Als er nach Hause kommt, stellt er zunächst erfreut fest: „Unser Haus steht noch! Und es hat eine Tür. Und die Tür ist für mich da. Mutter ist da und macht mir die Tür auf und lässt mich rein.“ Aber in der Wohnung seiner Eltern wohnt jetzt ein Fremder. Die Tür bleibt verschlossen. Und mit seiner Frau verhält es sich genauso traurig: Drei Jahre lang hat sie auf Beckmann gewartet, aber nachdem sie nie irgendetwas von ihm gehört hat, hat sie aufgegeben. Ihn aufgegeben, ihre Ehe aufgegeben und sich einen anderen gesucht. Es wurden ja so viele vermisst im Krieg und kamen nie zurück. Beckmann versucht wieder auf die Beine zu kommen, sucht sich Arbeit, wird aber von einem Direktor wieder hinausgeworfen.
Schließlich resümiert er bitter:
„Das ist das Leben! Ein Mensch kommt nach Deutschland, und der Mensch friert. Der hungert und der humpelt! Ein Mann kommt nach Deutschland! Er kommt nach Hause, und da ist sein Bett besetzt. Eine Tür schlägt zu, und er steht draußen. (…) Ein Mann kommt nach Deutschland! Er sucht Arbeit, aber ein Direktor ist feige, und die Tür schlägt zu, und wieder steht er draußen. Ein Mann kommt nach Deutschland! Er sucht seine Eltern und die Tür schlägt zu, und er steht draußen. Wir stehen alle draußen. Auch Gott steht draußen, und keiner macht ihm mehr eine Tür auf.“
Im Weihnachtslied bringt das liebliche Christkind schöne Geschenke und sorgt für Freude. Das klingt schön, aber mit der Realität hat es nur wenig zu tun. Gott selber ist eher der arme Kriegsheimkehrer vor der Tür und keiner öffnet ihm.
Keiner zeigt ihm Barmherzigkeit und die viel besungene christliche Nächstenliebe.
Auch in unserem Bibeltext klopft Gott freundlich an die Tür an. An die der Gemeinde Laodizea. Aber deren Situation ist ganz anders als die der Menschen im Nachkriegsdeutschland. Deren Situation ist eher die einige Jahrzehnte später im Wirtschaftswunderland Deutschland.
Die Menschen sind wohlhabend und reich und können wie wir sagen: „Ich bin reich und habe genug und brauche nichts!“ Damals in Laodizea, in der heutigen Türkei, gab es Heilquellen. Warmes Quellwasser zum Baden und Ausruhen.
Das sicherte einen regen Kurbetrieb. Und Geld.
Wer reich ist, braucht nichts. Deshalb ist es so schwer, reichen Menschen etwas zu schenken und ihnen damit eine Freude zu machen. Sie haben ja schon alles. Menschen mit Wohlstand geht es gut, sie können sich kaum beklagen, müssen wenig ändern und wirken zufrieden.
Aber vielleicht wirken sie nur so. Denn materieller Reichtum macht nicht unbedingt glücklich. Wenn niemand da ist, mit dem ich meinen Reichtum teilen kann, den ich beschenken kann, kommt nichts zurück – außer Einsamkeit. Reichtum macht erst dann auch innerlich reich, wenn ich mit ihm andere beschenke – und dadurch selbst zum Beschenkten werde.
Den Menschen in Laodizea scheint das nicht klar zu sein. Denn ihnen muss mitten hinein in ihren beruhigenden Wohlstand gesagt werden: Geld ist nicht alles.
Weil ihr aber nur auf euren äußeren Wohlstand schaut, seid ihr in Wahrheit elend und jämmerlich arm, blind und nackt. Sie sehen nur sich selbst und ihre persönlichen Chancen für einen abgesicherten und hohen Lebensstil. Andere beneiden sie womöglich darum, aber sie vergessen selbst, dass Reichtum zwar beruhigt, aber innerlich die Leere bleibt. Deshalb zählt Reichtum bei Gott auch nicht.
Weil Reichtum das nicht gibt, was wir brauchen und was Gott uns geben will.
Gott will, dass wir einander begegnen, dem freundlich die Tür öffnen, der draußen vor der Tür steht und nicht zu geben hat außer Dankbarkeit.
Den Menschen in Laodizea wird gesagt, sie sollen Buße tun. Das heißt, sie sollen umkehren vom falschen Weg und den richtigen finden. Das ist auch uns heute in unserer Wohlstandsgesellschaft gesagt. Dass wir bereit sind umzukehren, uns hinterfragen und auf den anderen, den Notleidenden zugehen, auch wenn Advent und Weihnachten wieder vorbei sind. Gott will, dass wir mit offenem Herzen unser ganzes Leben lang unterwegs sind. Nicht weil er das eben so will und wir das, bitte schön, so zu machen haben, sondern weil Gott unser Glück will. Und uns liebt.
Und sieht, dass er uns diese unangenehmen Worte sagen muss, damit es für uns nicht unangenehm endet. Deshalb ruft er zur Umkehr, auch jeden ganz persönlich. Weil es uns gut tun wird. Weil es unser Leben wertvoll macht und erfüllt.
Deshalb ist es eine Gnade, umkehren zu dürfen.
Wolfgang Borcherts Drama „Draußen vor der Tür“ führt uns vor Augen, wie schrecklich es ist, wenn jemand durch die Erfahrung von Krieg und Gefangenschaft arm ist und hungert – und sich die Tür erst gar nicht öffnet. Und wenn sie doch geöffnet wird, dann nur, um möglichst schnell wieder verschlossen zu werden. Beckmann verzweifelt am Ende und sieht keine Tür mehr, die sich für ihn noch öffnen könnte.
Wir können den Unterschied machen. Für andere und für uns. Und darauf vertrauen, was Jesus gesagt hat: „Was ihr einem von diesen meinen geringsten Brüdern getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Matth. 25,40) Er selbst klopft bei uns an. Er steht vor der Tür und will hereingelassen werden. Er sucht die Gemeinschaft mit uns durch Menschen, die er uns über den Weg schickt.
Ich wünsche uns, dass wir bereit sind und erleben, wie reich es macht, anderen Türen zu öffnen und sie zu beschenken.
Und dass wir spüren, dass Gott das nicht von uns will, sondern für uns.
Amen
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