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Du warst es!

Immer ist der andere an der Misere schuld. Wir raus aus der Nummer? Frederik Ehmke versucht einen Ausweg zu finden.

Wochenspruch  – Mt 5, 9

Psalmgebet – Ps 85, 9-14

Predigttext  – Lk 6, 27-38

Ein Dank an die Deutsche Bibelgesellschaft für die Nutzung der Textrechte.

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Wer hat angefangen? Immer der andere. Auf dem Schulhof im Kleinen. Aber auch im Großen, wenn wir uns die Kampf- und Schlachtfelder unserer Tage anschauen. Klar gibt es Angreifer und Verteidiger. In manchen Konflikten ist das ziemlich offensichtlich.

Aber in manchen Konflikten weiß man gar nicht mehr, wie es überhaupt angefangen hat. Aber im Zweifel ist es immer der andere.

Der andere hat angefangen und deshalb bin ich im Recht!

Im Recht, ihm Unrecht anzutun.  Die Frage Jesu aus dem heutigen Bibeltext, auch an uns, ist eine ganz andere:  Wer fängt an, aufzuhören?

Wer schafft es, Gewalt gewaltlos zu beantworten? Aus der Spirale auszusteigen? Sich gegen die Faust und für die Handreichung zu entscheiden?

Und noch mehr: Wer schafft es, Gewalt mit Liebe zu beantworten?

Wer schafft es? Wie kann ich es schaffen?

Jesus in dieser Haltung nachzufolgen und gar meine Feinde zu lieben?

Ich persönlich habe keine Feinde und bin Gott dankbar dafür kein unmenschliches Unrecht bislang erlitten zu haben. Doch kenne nicht nur ich, sondern wie ich denke, wir alle Menschen, mit denen uns der Umgang schwer fällt. Personen, mit denen wir vielleicht auch schon häufiger in Streit geraten sind.

Drei Schritte nennt Jesus, wie wir aufhören können:

Das Erste: Uns nicht aus dem Konzept bringen lassen.  Einfach weiter, wie es uns entspricht, anderen Gutes tun, auch wenn sie uns Steine in den Weg legen, wenn wir den Eindruck haben, sie würden uns nicht mögen. Tut wohl denen, die euch hassen.

Das Zweite:  Die Schlacht der Worte zu beenden. Gutes reden über andere. Auch wenn sie selbst kein gutes Haar an uns lassen, über uns insgeheim lästern und uns damit verleumden. Segnet, die euch verfluchen.

Das Dritte: Wenn beides nichts fruchtet, wenn ich in Tat und Wort nicht in den Ring steige und weder zurückschlage, noch zurückschreie, dann hilft nur noch beten. Ja, ganz wörtlich. Dann hilft nur noch beten. Und zwar für genau den Menschen, der mich herausfordert.

 

Das ist nun als Herausforderung viel verlangt. Ich werde durch diesen Menschen getriggert und nun soll ich mich auch noch für diesen Menschen bei Gott stark machen und sie oder ihn in mein Gebet nehmen? Genau das ist aber der Wendepunkt. In diesem Fall hilft beten wirklich. Nicht, dass der andere dann aufhören würde mich zu belästigen. Aber für mich selbst, kann es der Wendepunkt sein.

Erst wenn ich einen Menschen wirklich der Liebe Gottes empfehle, für ihn bitte, sehe ich nicht mehr nur sein falsches, unrechtes Tun, sondern ich sehe den Menschen, der es tut. Und zwar als einen Menschen, der wie ich und du, genauso Gottes Geschöpf ist.  Und ich lege meinen Ärger, meinen Schmerz, alles in Gottes Hand.

Eltern haften für ihre Kinder. So heißt es auf den Schildern vor Sperr- und Gefahrenzone. Also haftet Gott auch für diesen anderen Menschen genauso wie für mich. Betet für die, die euch schaden.

Beten ist für mich der Wendepunkt.

Mathematisch gesehen ist der Wendepunkt, der Punkt eines Richtungswechsels. Und das geht nur durch einen Ruhepunkt. Die zweite Ableitung ist in der Mathematik null.

So ist es auch, wenn ich für jemanden bete. Ein Richtungswechsel braucht einen Punkt, in dem ich mich umwende. Ich bin zwar darin immer noch äußerlich in Bewegung, aber in einer höheren Hinsicht in Ruhe.

So auch im Gebet. Ich gehe zwar mit allem, was mich bewegt hinein ins Beten, aber es Gott anzuvertrauen bringt Ruhe. Noch mehr, wenn ich den oder die andere, die mich bedrängt, ihm in die Hände lege.  Betende Liebe überwindet. Sie überwindet mich. Im besten Fall anders zu handeln, als ich es ursprünglich im Sinn hatte. Jesus gibt ein paar Beispiele:  Dem, der dich auf die Wange schlägt, biete auch die andere dar. Wer dir den Mantel wegnimmt, dem verweigere auch nicht das Hemd. Jedem, der dich bittet, dem gib; wer dir das Deine nimmt, von dem fordere es nicht zurück.

Soll das wirklich heißen: Wenn mich einer ins Gesicht schlägt, dass ich mich dann nicht wehren soll?        Gemeint ist sicherlich nicht, dass wir uns durchgängig schlagen und misshandeln lassen, uns unter unserer von Gott zugesprochenen Menschenwürde behandeln zu lassen. Denn nicht nur der Angreifer, oder martialisch ausgedrückt „Feind“ ist ein Geschöpf, sondern auch der Angegriffene. Sich Hilfe zu holen und dem Angreifer Grenzen zu setzen, ist legitim. Und doch spricht Jesus in seiner Feldrede, wie sie genannt wird, im Lukasevangelium, und auch in seiner berühmten Bergpredigt (nach Matthäus 5-7) von einem allgemeinen Weg des Gewaltverzichts.

Die erlittene Kränkung nicht durch größere Kränkung des anderen beantworten.

„Angriff ist die beste Verteidigung“, sagen wir. Nein, der Gegenangriff ist nur der Anfang davon, dass am Ende jeder vom anderen sagt, er habe angefangen.

Ich soll mir vom Aggressor nicht den Geist des Handelns aufzwingen lassen. Frechheit und Gemeinheit und Verachtung mir nicht zu eigen machen.

Weil ich nicht ein toter Spiegel bin, sondern lebendiges Gegenüber.

Wenn ich nur Spiegel bin, bin ich nichts Eigenes.

Wenn mich Feindschaft trifft – gebe ich Feindschaft zurück. Wenn mich Hass oder Fluchen trifft – gebe ich Hass und Fluch zurück.

Wenn ich gekränkt werde – kränke ich zurück.

Als Gotteskind bin ich meinen Mitmenschen ein lebendiges Gegenüber, kein toter Spiegel. Es geht darum, dass ich selbst handle und nicht mit mir handeln lasse. Dass ich agiere und nicht nur reagiere. Das ist die höhere Moral, zu der mich Gott beruft. Weil Liebe nicht nur da hingehört, wo es angenehm ist und mir Vorteile bringt.

Wahre Liebe beschränkt sich nicht auf den Wohlfühlbereich, sondern zeigt sich an den Grenzen. In unseren oftmals herausfordernden Begegnungen, die wir als schwierig erleben. Und es ist die höhere Moral, weil sie Gottes Wesen zur Darstellung bringt. Weil wir dadurch Zeugnis ablegen können an was für einen Gott wir als Christen glauben.

Im Matthäusevangelium, in der Bergpredigt lesen wir: Seid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist. (Mt 5,48). Seid vollkommen – niemals werden wir vollkommen sein und was für eine Aufforderung und Überforderung, es zu sein. Gott traut uns das Menschenmögliche, aber nicht das Übermenschliche, Göttliche zu. Vollkommen meint ehrlich und dabei liebevoll. Lukas nennt es in seiner Feldrede aus Kapitel 6 daher auch anders: Werdet barmherzig!

Es ist also ein Weg dahin. Ein Weg, wo ich mich mühe und wo ich üben kann. Auch Barmherzigkeit kann durch Training gestärkt werden. Das Herz weit machen, damit es trotz negativer Erfahrungen nicht zu verhärten droht, sich nicht verschließt.

 

„Wer hat angefangen?“, ist vielleicht nicht die klügste Frage.

„Wer fängt an, aufzuhören?“, ist die Frage, die Jesus stellt.

Oder:  „Wer fängt an, anzufangen und dem anderen die Hand zu reichen?“

Wer fängt an, Gottes Liebe radikal aus der Wurzel heraus zu leben?

Wer fängt an, selbstbestimmt zu bleiben und sich das Handeln nicht aufzwingen zu lassen?

Wer bleibt ein lebendiges Gegenüber, auch denen, die einem übel mitspielen?

Wer fängt an, die eigene Liebe zu leben, über die Wohlfühlzone und den Kuschelbereich hinaus?

Liebe als Haltung in Grenzsituationen. Wer so anfangen will, der braucht innere Kraft, damit Liebe zur Lebenshaltung werden kann. Um diese Haltung zu gewinnen und zu halten, brauche ich Stetigkeit und Übung.

Der Wendepunkt, um das hinzubekommen ist für mich das Gebet.

Für wen ich bete, der hört auf, mein Feind zu sein.  Wenn ich ihn Gott anvertraue, Gott für ihn bitte, dann beginnt ein neuer Weg. Ob ich den lieben kann, der mich hasst, das weiß ich nicht. Aber ich will anfangen, damit sich Böses wenden kann. Nein, wahrscheinlich macht mein Gebet mein Gegenüber noch nicht zu einer liebenswerten Person oder zu einem Wohltäter, aber meine Frage wendet sich um:

Sie heißt nicht mehr: Wer hat angefangen?

Sondern: Wann fange ich an?

Wann fangen wir an?

Amen