Foto: radio m, Anja Kieser

Durchblick

Jesus ist kein Pharmazeut und kann doch Salben herstellen, die Wunder bewirken. Salben für den richtigen Durchblick, wobei der gar nicht wirklich was mit Sehen zu tun hat. Alles klar? Nein? Reinhören! Impulsgeber ist Pastor Wilfried Röcker.

Wochenspruch  – Eph 5, 8b.9

Psalmgebet –Ps 42, 2-3a.9-15

Predigttext   – Joh 9, 1-17

Ein Dank an die Deutsche Bibelgesellschaft für die Nutzung der Textrechte.

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Ich sehe was, was Du nicht siehst, sagt Jesus und setzt damit die Welt um sich herum in ein neues Licht. Jesus sieht einen Mann, der seit Geburt blind ist. Er sieht, wie lange dieser Mensch mit seiner Behinderung in seinem Leben klarkommt. Wie er betteln muss, wie er am Rand steht, wie die Gesellschaft ihn als „Sünder“ oder „Bestraften“ abstempelt. Seine Jünger sehen denselben Mann und fragen aus dieser gesellschaftlichen Perspektive: Rabbi, wer hat gesündigt? Er selbst oder seine Eltern?

Das klingt in unseren Ohren ziemlich fremd. „Wer hat gesündigt?“ Heute formuliert man es anders. „Warum passiert das gerade mir?“, „Was habe ich falsch gemacht, dass es mir so geht?“, „Wenn ich nur gesünder lebe, mehr bete, positiver denke, dann wird schon alles gut.“ Die Frage nach den Gründen und Zusammenhängen von Leben und Krankheit ist auch bei uns noch eng miteinander verknüpft. Fast so, als wäre es klar, dass niemand ohne Grund krank wird. Als wäre Gesundheit ein sicherer Lebensumstand, wenn man sich nur gut hält.

Was für eine falsche Sicht auf das Leben, die sich nach wie vor hält. Wir nennen es nur ein klein wenig anders.

Für mich ist dieser Bibelabschnitt eine Lektion, vorsichtig mit meinen Urteilen zu sein. Ich will den Versuch starten, die Welt um mich herum im Lichte Jesu zu sehen. Er ist das Licht der Welt – so sagt er es in diesem Bibelabschnitt. Seine Antwort stellt die Lebensumstände in ein anderes Licht: „Weder er noch seine Eltern haben gesündigt. Vielmehr sollen die Taten Gottes an ihm sichtbar werden.“ Dann handelt er ganz therapeutisch. Er scheint eine Medizin anzuwenden. Heilerde und ein anschließendes Waschen helfen. Der Mann kann sehen.

Damit endet der Predigttext, aber nicht die Geschichte mit dem Blinden. Im Gegenteil, sie geht jetzt erst richtig los. Der Blinde wird zum Anschauungsmaterial wie fest eine Gesellschaft an ihrer Sicht der Dinge festhalten kann. Freunde, Nachbarn zweifeln. Die Pharisäer untersuchen den Fall und diskutieren über Sabbatregeln. Die jüdischen Behörden werden eingeschaltet und zweifeln an, dass dieser Mensch von Geburt an blind war. Die Eltern werden verhört, der Blinde selbst wird von den Pharisäern befragt. Es kann nicht sein, was offensichtlich ist.

Der Blinde und auch die Eltern bleiben bei den Fakten. Ja, das ist unser Sohn. Ja! Von Geburt an blind. Da gab es einen, der hat eine Paste auf die Augen geschmiert. Nach dem Waschen im Teich Schiloach kann der sehen, der seit Geburt blind war. Was gibt es da zu Zweifeln?

Aber es geht gar nicht um die Fakten. Es geht um deren Deutung, um ihre Interpretation.
Am Sabbat darf nicht geheilt werden. Wer das macht, ist selbst ein Sünder und Sünder können nicht heilen. Das ist die Logik, die dahintersteht. Und Jesus konfrontiert die Zaungäste: Mit Eurer Festlegung zeigt ihr, wie blind ihr seid!

Diejenigen, die eigentlich allen anderen erklären wollen, dass ihre Sicht auf das Leben die richtige ist, wollen sich der Logik Jesu nicht anschließen: dass hier die Werke Gottes offenbar werden. Die eigene Frömmigkeit steht ihnen dabei im Weg. Sie sind blind für das, was Gott tut.

Vor ein paar Jahren hatte ich mich in einer Weiterbildungszeit intensiv mit dem Thema Wahrnehmung beschäftigt. Mit den verborgenen Vorurteilen der Guten. Also auch mit meiner Brille auf das Leben. Ich habe dabei gelernt, dass ich nicht kontrollieren kann, was mein Gehirn denkt. Mein Gehirn ist ziemlich autonom. Verrückt, aber auch gut. Es muss schnell reagieren können, um mich zu schützen. Das Problem dieser Schnelligkeit, die mich schützt ist, dass mein Gehirn bei der Deutung, was gesehen wird, Fehler macht. Und selbst, wenn ich weiß, dass die Interpretation meines Gehirns falsch ist, ändert mein Gehirn seine Deutung nicht. Ich hab blinde Flecken für Wahrheiten, die ich nicht so einfach ablegen kann.

Was hilft?
Barmherzigkeit hilft, Neugier und Beziehung!
Das lehrt mich diese Geschichte. Jesus sagt mir: „Schau hin! Hier ist ein Mensch, an dem Gottes Barmherzigkeit sichtbar wird. Wechsel die Brille und versuche – auch wenn es auf den ersten Blick anders aussieht – das Leben aus der Perspektive der Barmherzigkeit Gottes zu deuten. Auch Dein Leben. Sei barmherzig mit Deinen verborgenen Vorurteilen, und versuche sie doch zu überwinden. Gott ist am Werk. Und sein Wirken geht weit über Deine Vorstellung von dem, was richtig und falsch ist hinaus. Sei neugierig. Frag nach. Und lege Dich nicht zu früh fest. Trete in Kontakt mit dem, was anders und fremd ist und entdecke dabei, wie Gott am Werk ist und Menschen verändert.“

Das ist eine krasse Aufforderung. Was sich zunächst wie eine Heilungsgeschichte von damals anhört, kommt ganz nah in meinen Alltag, in meine Vorstellung von richtig und falsch. In meine Welt und Sicht der Dinge. Was die Pharisäer hier tun, wird zum Sinnbild von einem Festgelegt sein, was ich auch bei mir kenne. Es sind deswegen nicht generell alle Pharisäer schlecht. Sie halten mir den Spiegel hin, wie ich selbst auch oft handle: In der Geschichte mit dem Blinden bleiben sie in ihrer Wahrnehmung gefangen. Und die Diskussion endet mit einem Rauswurf des Blinden. Und ich merke, dass es auch bei mir so ist, dass meine versteckten Vorurteile andere ausgrenzen. Eine verpasste Chance, um in Beziehung zu kommen und mich über Gottes Barmherzigkeit zu freuen.

Wie schade. Der, der als Blinder ausgegrenzt war, bleibt es auch als Sehender. Jesus sucht den Ausgegrenzten in unserer Geschichte darum wieder auf und er fragt ihn nach seiner Deutung dessen, was passiert ist. Er frag ihn: „Glaubst Du an den Menschensohn?“ Es geht um eine tiefere Erkenntnis über das, was sich ereignet hat. Der Geheilte bittet Jesus um Hilfe: „Herr, sag mir wer es ist, damit ich an ihn glauben kann. Jesus sagte: „Du hast ihn gesehen. Es ist der, der mit dir redet.“ Da sagte der Mann: „Ich glaube, Herr!“ Und er fiel vor ihm auf die Knie. Aus dem, der da irgendetwas therapeutisches mit ihm gemacht hat, wird der, der von Gott gesandt ist und es entsteht Glaube. Beziehung. Ein Vertrauen, das dem Leben eine neue Ausrichtung gibt.

Ein ganzes Kapitel lang geht es also um das Sehen, um das Deuten, was man sieht und um die Frage, wer eigentlich die Deutungshoheit über das, was man sieht, hat. Jesus ist da ganz klar. Ich bin das Licht der Welt. Ich habe die Deutungshoheit. Und er lädt mich ein: versuch das Leben aus dieser Perspektive zu sehen. Entdecke Gottes Werke, freu Dich mit. Glaube.

Wenn wir jetzt miteinander das Vaterunser beten, dann setzen wir dabei Jesu Brille auf und bitten ihn, dass seine Sicht der Dinge unser Leben bestimmt. Beten wir miteinander.