radio m, Anja Kieser

Erntedank – das heißt fasten

Heute ist Erntedank und da geht es bei uns ums Fasten. Wirklich! Passt aber auch gut zusammen.

Wochenspruch   – Ps 145, 15

Psalmgebet – Ps 104, 1-15

Predigttext  – Jes 58, 7-12

Ein Dank an die Deutsche Bibelgesellschaft für die Nutzung der Textrechte.

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Komplett aus dem Zusammenhang genommen. Dieser Text ist komplett aus dem Zusammenhang. Vielleicht damit man nicht erschrickt an einem Sonntag an dem das Fest Erntedank gefeiert wird, denn in diesem Text geht es eigentlich ums Fasten. Die Verse 1-6, die unserem Text vorausgehen, gehen ums Fasten. Und darum, dass Gott irgendwie das Fasten der Menschen nicht anerkennt, nicht sieht, nicht sehen will, es – ja, man könnte sogar sagen – unnütz findet. Das Fasten scheint verkommen zu sein. Es ist eine Nebensache, neben dem normalen Alltag her, irgendwie nicht ernst gemeint, ein bisschen Show und Selbstkasteien für den Neid der anderen, wie toll man ist. Oder eine Sache, die eben gemacht werden soll. Ohne eigenen Antrieb mit viel Unlust.

Und in diesen Versen hören wir direkt Gott zu seinen Menschen sagen: „Daran soll ich Wohlgefallen haben?“

Nein, sicherlich hat er das nicht. Gott wünscht sich das ein bisschen anders und daran lassen uns dann die Verse 7-12 teilhaben, die wir gerade gehört haben.

Beim Fasten geht es darum Gott nahe zu sein. Sich selbst und Gott besser kennen zu lernen. Sich verändern lassen. Sogar sichtbar äußerlich, weil das Fasten guttut, reinigt und einen wieder zum Strahlen bringt. Von innen heraus.

Gott ruft uns in Vers 7 zu, Fasten – heißt das nicht: „Teil dein Brot mit dem Hungrigen,

nimm die Armen und Obdachlosen ins Haus auf. Wenn du einen nackt siehst, bekleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Nächsten!“

Fasten ist bei Gott, im besten Sinn tun. Tun an meinem Nächsten, an dem, der mich braucht, der in Not ist, mit dem ich teilen soll, was ich habe.

Das ist Fasten, das Gott gefällt. Fasten heißt bei Gott: Besinn dich wieder ganz und gar und ganz neu auf dein Menschsein. Menschsein, wie Gott es gemeint hat und Jesus es uns später gezeigt hat: anderen nah sein, anderen beistehen, eine Meile mehr mitgehen als nötig, zuhören, aushalten, trösten, vergeben und verzeihen, versuchen Gottes Gerechtigkeit in diese Welt zu tragen – leben als von Gott geliebter Mensch, weil nur ein geliebter Mensch sich in Liebe für andere verströmen kann.

Menschsein, das wird hier in diesem Text deutlich, das ist großzügig sein. Deshalb sprechen in dem Text auch große Bilder zu uns. Wir hören von: nie versiegenden Wasserquellen, von Licht im Dunkel, Morgenröte, Trümmer, die aufgebaut werden, von Sättigung trotz Dürre. Große Bilder und ich weiß, so sieht die Welt da draußen nicht aus. Aber gerade deshalb braucht es diese Bilder. So soll mein Leben sein und werden.

Als die Worte, die wir hier im Buch Jesaja hören, entstanden sind, da stand Jerusalem unter Fremdherrschaft. Die griechische und die orientalische Kultur sind langsam miteinander verschmolzen. Es gab eine große religiöse und kulturelle Vielfalt. Die eigene Identität war in Frage gestellt. Und dahinein, in diese Situation sind jetzt nicht Worte des Zuspruchs gefallen, sondern Worte, die ethische Forderungen enthalten: denke an deinen Nächsten, teile dein Brot, dein Haus, deine Kleider.

Und warum?

Weil Gott gerne fordert? Nein – weil Gott gerne gibt! Da schließt sich dann auch der Kreis zum Erntedankfest. Gott gibt. Und deshalb darf und kann ich auch geben. Die großen Bilder im Text sprechen von der Großzügigkeit Gottes, damit ich begreife, dass Gott großzügig gibt und ich auch großzügig geben kann. Liebe ist großzügig. Gibt großzügig. Unser Gott ist ein Gott der Liebe.

Das Schöne an dem Text ist, dass er auch noch einen Motivationsschub oben drauflegt, denn er spricht auch davon, dass wer großzügig gibt, selbst großzügig entlohnt wird. Gottes Segen liegt auf dem, der gibt, der teilt, der ganz Mensch ist. Sogar seine Nachfahren werden von diesem Menschen voller Hochachtung reden. Im letzten Vers unseres Textes heißt es deshalb: „Dann wird man über dich sagen: Das ist der, der die Mauerlücken schließt und unwegsames Land wieder bewohnbar macht.“

Das heißt so viel wie, dass dieser Mensch, der so sein Menschsein lebt, als der in Erinnerung bleiben wird, der verbindet und damit Gemeinschaft möglich macht, wo das Leben Grenzen setzt, wo Unterschiede bestehen, wo miteinander leben schwierig ist, weil es viel Trennendes gibt.

Fasten heißt also: Lebe als Mensch. Mach dir klar, dass du nichts zu verlieren hast, sondern nur gewinnen kannst. Das befreit und das verändert dich. Du wirst strahlen und Du wirst Gott damit ganz nahe sein. Sei Mensch. Besinn dich darauf. Und teile. Gib weiter. Lass andere an dieser Großzügigkeit teilhaben.

Amen