Feel free!

Geschafft! Küche renoviert – kleine Auszeit verdient. Oder nach der stressigen Prüfung die Reise! Nach jahrelangem Schuften die Rente und das Erbe sowieso, habe ja auch die Oma gepflegt. Brav sein wird belohnt, Leistung wird belohnt. Treue wird belohnt. Das habe ich mir aber auch verdient! Doch: Kann ich mir Liebe verdienen?

Wochenspruch – 1. Petr 5, 5b

Psalmgebet – Ps 145, 1-2.14.17-21

Predigttext – Gal 2, 16-21

Ein Dank an die Deutsche Bibelgesellschaft für die Nutzung der Textrechte.

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Die Schokolade habe ich mir verdient! Und den Kaffee dazu! Der Vormittag war anstrengend: Früh raus, schon Wäsche gewaschen und vorgekocht bevor es ins Büro geht. Dann ein paar Mails. Zum Teil unerfreuliche. Sitzungen vorbereitet. Ein Zoom-Meeting geschafft. Danke Schokolade, dass es dich gibt! „Das habe ich mir aber redlich verdient“, sag ich mir, während die Schokolade auf der Zunge dahinschmilzt.

Ich bin da: Für die Familie, die Kollegen, die Arbeit, meine Freundinnen. Ich versuche mich einzubringen in meiner Kirchengemeinde. Ich denke jeden Morgen über den Losungstext nach, ein Bibelvers, der mir ins Mailfach gespült wird. Zufällig mal ausgelost von den Herrenhutern – einer Glaubensgemeinschaft,  die seit fast 300 Jahren für den täglichen Bibelgruß sorgt. Sonntags versuche ich an einem Gottesdienst teilzunehmen und wenn möglich jeden Menschen als ein wunderbar einzigartiges Geschöpf Gottes an zu sehen. Liebe deinen Nächsten!

Ich versuche die Tempolimits einzuhalten, trenne den Müll, bezahle Steuern und haue niemand über’s Ohr.

Ich versuche auch möglichst vielen gerecht zu werden. Mir auch ein bisschen. Und achte darauf beweglich zu bleiben, mich gesund zu ernähren – abgesehen von der Belohnungsschokolade – damit ich mit dem Alterungsprozess mithalten und mich beim nächsten Abitreffen sehen lassen kann.

Tja und Sie? Was machen Sie so? Welche Regeln und Gesetze bestimmen ihr Leben?

Nicht nur Gesetzestexte sind für Gesetze und Regeln zuständig, auch das Leben selbst. Der Kreislauf des Lebens, aber auch die Menschen, die mich umgeben, auch die haben Ansprüche an mich, stellen Forderungen. Und dieser Kreis hat sich durch die Sozialen Medien um ein Vielfaches erweitert. Ich bekomme gespiegelt, wie Leben auszusehen hat. Wie gutes, richtiges, schönes, sinnvolles Leben auszusehen hat.

Ich bin bestimmt durch Sollen und Müssen. Durch: „Es wäre gut, wenn… .“

Manches davon leuchtet mir ein, manches lege ich mir selbst auf, manches muss einfach sein, und?

 

Und? Hat mich Gott deshalb lieb? Vielleicht sogar lieber als all die anderen? Mache ich mehr richtig und weniger falsch und kann deshalb darauf hoffen, dass er mich liebt? Sie merken und hören selbst: Das stimmt sicherlich nicht.

 

Ich kann mir die Schoki verdienen, aber nicht Gottes Liebe.

Muss ich auch nicht. Die ist da. Für mich. Für dich. Für jeden.

Wo ist also das Problem?

Und das ist exakt die Frage, die Paulus hier in dem etwas schwurbeligen Text versucht zu beantworten. Es ist ein Ausschnitt aus einem Brief, den er an Menschen in Galitien schickt, vielleicht so um das Jahr 55 nach Christus herum, weil dort erst die Frage aufgekommen und dann ein Streit ausgebrochen ist, wie es denn mit den Gesetzen sei? In dem konkreten Fall bezog sich das auf die in der Thora genannten Gesetze und Rechtsforderungen. Diese müssen doch zuerst befolgt werden und erst wenn dann noch der Glaube an Jesus Christus hinzukommt, dann ist man ganz d’accord mit Gott, dann kann man auf seine Gnade und seine Liebe setzen.

Pustekuchen, meint Paulus. Es ist viel einfacher. Und viel besser oberdrein!

 

Weil Jesus aufgrund des Gesetzes gestorben ist. Er wurde ja auf der Grundlage der Gesetze zum Tode verurteilt. Also weil er selbst Opfer des Gesetzes wurde, macht er uns davon frei. Sprich: Weg mit dem Gesetz. Schranken abgebaut. Freiheit!

Was nicht heißt, dass Gesetze nicht notwendig sind. Ganz im Gegenteil. Wir brauchen Regeln im Zusammenleben. Maßstäbe die gelten, die verbinden, die ein Miteinander erst möglich machen.

 

Aber: Wir brauchen die Gesetze nicht, um vor Gott jemand zu sein! Wir müssen nichts beweisen, nichts besonders können, nichts vorweisen und nichts leisten. Ob ich meine Fenster geputzt habe, das ist Gott ziemlich egal. Dass ich die Kinderbibelstunde Woche um Woche treu gestalte freut ihn sicherlich, aber es hat nichts damit zu tun, ob er mich liebt.  Und ob ich für ihn sein Kind bin. Bin ich!

Und das wunderbare ist, das gilt sogar ohne, dass ich an Jesus Christus glaube. Das hat Gott einfach gemacht oder bestimmt, wie man will: Er liebt mich, dich, jeden.

 

Was sich aber ändert, wenn ich diesen Jesus für mich entdecke. In mir wohnen lasse, wie Paulus schreibt, mein Leben mit ihm und durch ihn lebe ist, dass ich frei werde. Frei vom Leben und den damit verbundenen Gesetzen und Regeln, weil sie nicht darüber entscheiden, ob mein Leben gewollt und lebenswert ist, sondern Gott das schon durch seine Liebe zu mir entschieden hat.

Ja, und letztendlich macht er uns sogar frei vom letzten, geltenden Gesetz dieser Welt, dass jeder Mensch einmal sterben muss. Jesus hat sogar vom Tod befreit.

Auch das gilt, ob ich es glaube oder nicht. Aber: Wenn ich mich auf den Weg des Glaubens mache, was immer auch zweifeln heißt, ringen und Glauben neu denken heißt, dann werde ich sogar davon befreit. Die letzte Schranke wird abgebaut. Selbst wenn ich sterbe, werde ich leben. Neu. Anders. Aber in Frieden bei Gott. Diese Perspektive befreit schon heute und zwar von genau dem: Vor dem Druck der Gesetze, der Regeln, der Gesellschaft, der Leistung. Das ist es, was sich ändert durch die Perspektive Glauben!

Gesetze, Regeln, Gesellschaft, Leistung -alles ist gut, wenn es meinem Leben und dem der anderen dient, aber es wird mein Leben nicht rechtfertigen. Es ist gerechtfertigt, durch Gottes Liebe, die er den Menschen auf wunderbare Weise im Leben und Sterben Jesu gezeigt hat. Sein Leben und sein Sterben ist unsere Befreiung über alle Grenzen hinweg. Und das muss ich mir nicht verdienen, das darf ich einfach glauben. Das heißt Zulassen. Nicht abwehren. Annehmen. Mehr ist es gar nicht. Und doch so viel. Mit ungeahnten Folgen für mein Leben und letztendlich meinen Alltag. Mach dich frei – ruft mir Paulus heut zu. Du bist nicht der Knecht deines Lebens, sondern befreit zum Leben.