Fragen erlaubt
Fragen heißt zweifeln. Absolut nicht! Fragen heißt: Ich habe Interesse. Ich will das wissen. Mir ist das nicht gleich. Kommunikation. Betend fragen, das tun wir heute mit Ruth Dipper und wir beten nach Worten aus Psalm 95.
Fragen heißt zweifeln. Absolut nicht! Fragen heißt: Ich habe Interesse. Ich will das wissen. Mir ist das nicht gleich. Kommunikation. Betend fragen, das tun wir heute mit Ruth Dipper und wir beten nach Worten aus Psalm 95.
Jeder Sonntag im Kirchenjahr hat seinen Namen. Der heute heißt „Rogate“! Als jemand, die Schullatein und nicht so viel Kirchenlatein gelernt hat, war mir sofort klar, was das ist: die Befehlsform an eine Gruppe, dass sie fragen sollen. Also „Fragt!“ Oder ein wenig freier „Stellt Fragen!“
Ich mag diesen Sonntag schon lange, denn ich stelle gerne Fragen und ich hatte immer das Gefühl, damit ist das irgendwie legitimiert.
Denn ich kenne auch das gegenteilige Gefühl. Dass in der ein oder anderen christlichen Tradition ein bisschen Angst vor Fragen herrscht. In meiner Jugend hatte ich manchmal den Eindruck, dass mir fromme Menschen dazu geraten haben: Bitte keine Fragen. Frag doch nicht „wieso“. Gott weiß schon, was er da tut. Dadurch bringst du ins Wanken, was dir Halt gibt.
Heute würde ich, wenn mir diese Haltung entgegengebracht wird, anders reagieren. Damals konnte ich noch nicht rückfragen, ob mein Gegenüber schonmal von den Psalmen gehört hat. Denn dort nehmen die Betenden ja kein Blatt vor den Mund was Zweifel, Klagen und Fragen angeht.
Heute studiere ich Theologie und die richtigen Fragen zu stellen ist jetzt Ziel meines Studiums. Aber je länger ich studiere, desto mehr bin ich überzeugt: dieses Fragen und dieses Ringen um Antworten geht uns alle an, nicht nur die, die Theologie zum Beruf machen.
Was ich aber auch herausgefunden habe, ist, dass „Rogate!“ gar nicht „Stellt Fragen!“ heißt. Über die Nebenbedeutung „Bitten“ findet der Ausdruck zum „Betet!“ für das es hier steht; Gebet ist das Thema des heutigen Sonntags.
Nun, kein Problem, dazu habe ich auch schon so meine Fragen gestellt: Was ist Gebet überhaupt? „Gespräch mit dem Schöpfer“, war gestern die spontane und knappe Antwort eines Freundes darauf. Ja, das passt.
Über was soll ich mit Gott sprechen? Im Bibelausschnitt, den wir gehört haben, sehe ich da ein paar Antworten darauf.
Wir hören vom Volk Israel. Sie sind gerade frisch aus der Gefangenschaft, aus der Sklaverei in Ägypten, befreit worden. Das Volk hat einige Wunder auf dem Weg erlebt und ist jetzt an einem ersten Etappenziel angekommen. Sie haben allen Grund zum Dank. Lob und Dank sind eine Form von Gebet, wie ich dieses Gespräch mit Gott füllen kann. Nicht nur, wenn ich allen Grund zum Danken habe, sondern auch und gerade dann, wenn ich bewusst auf die Kleinigkeiten achte, die mich durch eine dunkle Zeit getragen haben oder noch tragen.
Israel möchte danken. Aber es fällt ihnen schwer, diesen Dank an einen irgendwie gesichtslosen, bildlosen Gott zu richten.
Ich kann das Gefühl ja durchaus nachvollziehen. Und das, obwohl ich in der christlichen Tradition großgeworden bin und es für mich völlig normal ist, dass ich nicht an einem bestimmten Ort sein muss, damit Gott da ist und mich hört. Israel war das da eher neu. In Ägypten waren sie überall umringt gewesen von Bildnissen unterschiedlicher Götter und diese Bildnisse waren dann sozusagen der Anker in dieser Welt für den jeweils abgebildeten Gott.
Als Mose auf den Berg geht und das Volk Gottes Repräsentanten damit nicht mehr unter sich hatte, er nicht mehr sichtbar für sie war, brauchten sie eine neue Lösung, damit zumindest etwas vom Gewohnten bleiben konnte. Sie bauen dieses Kalb, das womöglich als Fußschemel Gottes dienen sollte, um Gott zu feiern.
Gott nimmt das wahr und beschreibt zunächst Mose die Situation. „Übrigens, da hat dein Volk was falsch verstanden, kümmere dich mal!“
Mose ist erstmal sprachlos. Wir sehen die Lücke daran, dass wiederholt wird, dass Gott redet. Also, zunächst redet Gott und dann sagt uns die Bibel „Und der Herr sprach zu Mose.“ Heute denken wir da vielleicht „Ja, klar, ich erinnere mich.“
Das ist eine literarische Gepflogenheit aus einer Zeit nicht nur vor Emojis, sondern auch vor Regieanweisungen und Satzzeichen um anzuzeigen „Gott lies Mose Gelegenheit zu antworten.“ Und Mose nutzte sie nicht.
Gott legt also nach, bietet an, dass Mose der neue Stammvater werden könnte. Das Volk wie es gerade da ist lässt er los, dafür will Gott Mose zum großen Volk machen. Und da nun findet Mose seine Zunge; davon will er nichts wissen.
Denn nein, es ist nicht einfach das Volk Moses. Und nein, er will auch keines, das mehr seines wäre. *Dieses* ist es, auf das sie sich beide, Mose und Gott, eingelassen haben. Mit allen Konsequenzen.
Das, was wir hier hören ist auch ein Gebet. Eine ganz andere Form von Gebet. Man könnte es als Bittgebet lesen. Vor allem sind es aber Fragen. Ganz viele Wieso-Fragen. Und Gott geht darauf ein. Es gereute ihn, übersetzt Luther hier.
Da habe ich dann irgendwie das Gefühl, dass das mit meinen vielen Fragen vielleicht doch wirklich ok ist, auch wenn ich den Namen des Sonntags früher falsch verstanden habe. Und, je mehr ich studiere, desto mehr bin ich auch mit echten Argumenten überzeugt: Ja klar, dürfen wir Fragen stellen, Gott auch hinterfragen. Wir sollen es sogar. Denn Fragen bedeuten doch, dass Gott Relevanz für mich hat. Wir dürfen auch die ganz großen Fragen stellen. Wer ist der Mensch? Wer ist Gott? Wie stehen wir zueinander? Alles Fragen, auf die der heutige Bibelabschnitt eingeht, zumindest ein bisschen:
Wer ist der Mensch? – Der Mensch ist ein Wesen, das Halt und Sicherheit manchmal mehr braucht, als Freiheit. Und diesen Halt und diese Sicherheit auch an Stellen sucht, die eigentlich gar nicht halten, wo Gott mich doch frei machen will und in die Freiheit führt.
Wer ist Gott? – Gott ist emotional involviert. Gott hängt an uns. Ist auch mal frustriert, wenn wir die Beziehung zu Gott hinter uns lassen. Der Text spricht da in seiner ursprünglichen Fassung von einer „heißen Nase“, das wird oft mit Wut oder eben Zorn übersetzt, meistens steht es da, wenn Gott als „langsam zum Zorn, reich an Güte“ beschrieben wird. Und diese Güte beweist Gott ja auch hier gegen Ende unseres Bibelausschnitts.
Ja, und wie stehen wir zueinander? Gott und Mensch? Wir sind gemeinsam unterwegs. Ja, auch wenn es sich manchmal so anfühlt, als wäre Gott nicht da. Manchmal überfordert mich eine Situation. Und dann suche ich den Halt vielleicht wo anders. In Dingen, die ich beeinflussen kann. Die ich machen kann. Und dabei entgeht mir dann völlig, diese erneuernde Kraft Gottes. Diese erneuernde Kraft, die sich am leeren Grab gezeigt hat. Die wir über die Jahrtausende immer wieder beobachten durften und die wir auch heute noch spüren und erleben können.
Gott kommt auf die Menschheit zu, auf jeden einzelnen Menschen, Gott ruft mich, ebenso wie dich, fordert uns heraus und lädt uns in die Zusammenarbeit ein, in eine Partnerschaft, in der nichts herrscht, sondern es nur Freiheit gibt. Und daran dürfen wir uns festhalten.
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