Heimat ist da…
Wo ist sie die Heimat? Gibt es sie? Am Israelsonntag schauen wir zurück auf die Zeit, in der das Volk Israel in das verheißene Land geführt wurde und wir beten in großen und schönen Worten für die Stadt Jerusalem.
Wo ist sie die Heimat? Gibt es sie? Am Israelsonntag schauen wir zurück auf die Zeit, in der das Volk Israel in das verheißene Land geführt wurde und wir beten in großen und schönen Worten für die Stadt Jerusalem.
Die Nordseeküste oder der Schwarzwald? Das Erzgebirge oder das Allgäu? Stralsund, Lübeck oder Flensburg? Duisburg oder Krefeld? Landau oder Saarbrücken? Wo ist sie, die Heimat?
Was ist Heimat? Der eine Ort, an dem ich aufgewachsen bin?
Ja, aber, wenn es da mehrere gibt?
Wo ich heute noch gerne hin zurückkomme?
Oder ist es der Ort, an dem ich heute lebe?
Und vielleicht stellt sich die Frage gar nicht, weil ich ja immer noch dort wohne, wo ich geboren und aufgewachsen bin?
Ist das Heimat?
Wie fühlt sich Heimat an? Und darf man heute noch von Heimat reden, wo rechte Gruppen sich den Heimatbegriff aneignen und mit Deutschtümelei aufladen?
Ihnen will ich die Heimat nicht überlassen.
Heimat, das ist ein Ort, ein Raum, ein Lebensgefühl, das mir Sicherheit und gleichzeitig größtmögliche Freiheit schenkt. Heimat ist real und gleichzeitig Sehnsuchtsort. In der Heimat finde ich zu mir. Da ist mir vieles vertraut.
Kann ich Heimat finden, nach Flucht und Vertreibung? Kann ich Heimat finden, nach vielen Umzügen? Kann Heimat wirklich mehr als ein Ort sein?
Am Anfang dieses „kleinen gottesdienstes“ hörten wir ein Psalmgebet – ein Lobgesang auf die Stadt Jerusalem.
Ja, Jerusalem ist DIE Stadt. Für das Volk Israel und auch für andere Völker und Religionen. Jerusalem wird besungen als der Ort, an dem die Stämme Israels wieder zusammenkommen. Dort soll es Frieden geben, alle sollen möglichst gut zusammenleben. Wenn ich die Verse dieses Psalms höre, dann spüre ich ihn, diesen Sehnsuchtsort. Sehnsucht nach einer Stätte, an der alles einfach nur gut ist. Die Mittelpunkt, Ausgangsort, aber auch Zufluchtsort ist.
Wo ist mein Jerusalem?
Auf den ersten Blick, nach dem ersten Hören, scheint der heutige Predigttext, wie ihn die Perikope vorschlägt, nichts mit diesem Jerusalem gemein zu haben und doch gibt es da eine Verbindung.
Wir hörten eine Rede des Moses. Diese Worte ergingen an das Volk Israel bevor sie in das ihnen von Gott versprochene Land eingezogen sind. Entbehrungsreiche Jahrzehnte lagen hinter ihnen. Mose führte das Volk Israel aus der ägyptischen Gefangenschaft in die Freiheit, doch da war erstmal Wüste. Jahrelang Not und Entbehrung. Aber auch viel Zeit, um diesen Gott kennen zu lernen, der sie nun in ein neues Land führte.
Mose erinnert hier in einer fiktiven Rede nochmal an die Grundpfeiler, auf die Gott sein Volk stellte:
„Die Gebote und Bestimmungen.
Die Erlebnisse mit Gott.
Sagt das alles euren Kindern und Kindeskindern weiter.
Denkt an den Bund, den Gott mit euch geschlossen hat.
Behaltet das alles in euren Herzen. Das ist die Grundlage. Darauf baut auf, wenn ihr nun in ein neues Land zieht.“
Wenn ich das so höre, dann wird hier nochmal eine Basis geschaffen. Hier wird ein Grund gelegt, ein Boden, auf dem aufgebaut werden soll. Hier wird Heimat gestaltet. Heimat ist dort, wo das zum Tragen kommt, was Gott mir mitgegeben hat und ist dort, wo andere mit mir auf diesem Grund ihr Leben aufbauen. Es kann hier und anderswo sein.
Heute ist Israeltag. Christ*innen erinnern sich bewusst an ihre Wurzeln. Christen und Christinnen haben ihre Heimat in den vergangenen, fremden Geschichten des Volkes Israel. Christen und Christinnen haben ihre Heimat in dem jüdischen Menschen Jesus Christus.
Heute erinnern wir uns dieser Heimat. Einer Heimat, die keinen Ort hat. Einer Heimat, die in Gott begründet ist.
Zeichen dieser Heimat werden uns im Predigttext genannt.
Es ist eine Heimat, die auf Freiheit gebaut ist. Aus der Sklaverei in Ägypten ging es auf einem langen Weg in die Freiheit. Niemand darf diese Freiheit mehr streitig machen.
Es ist eine Heimat, die auf Weisungen Gottes gebaut ist, die ebenfalls auf Freiheit setzen. Luther hat sie in seiner Übersetzung Gebote genannt. Aber sind viel mehr Feststellungen, Weisungen. Nicht „du sollst“, sondern „du wirst“, heißt es ihnen. Es sind Weisungen, die Menschen frei machen soll, weil sie Rücksicht lehren, weil sie Besitz achten, weil sie die Generationen schützen, weil sie vor Gier bewahren, Rache und Egoismus, weil sie die Gemeinschaft stärken und den Zusammenhalt in Gott bewirken. Sie führen zu Recht und Gerechtigkeit.
Es ist eine Heimat, die dieses Recht und diese Gerechtigkeit schützen will.
Diese Heimat entsteht, wo Menschen sich in diesem Geist niederlassen.
Wo diese Heimat geschützt wird, da wird die Freiheit geschützt und damit die Menschenrechte. Das ist bis heute so.
„Achte auf dein Leben“, ruft Gott dem Volk Israel und uns zu und: „Vergiss nicht! In den Weisungen Gottes liegen alle Weisheit und aller Verstand.“ In dieser Geschichte Gottes mit dem Volk Israel kann auch ich Heimat finden. Ich kann in ihr Wurzeln schlagen, wachsen und mein Leben darauf aufbauen. Diese Heimat kann mir überall sein. Das ist mein Jerusalem. Es ist ein Ort, der Halt gibt, weil Gott an diesem Ort lebt. Es ist ein Ort, der Sicherheit gibt, weil Gott durch seine Weisungen Orientierung gibt. Es ist ein Ort, der für Recht und Gerechtigkeit steht, so dass die Freiheits- und Menschenrechte gewahrt werden. Es ist ein Ort der viele Geschichten mit Gott kennt, die mir helfen, an ihm festzuhalten, wenn ich Angst habe, mutlos bin und zweifle. Diesen Ort nehme ich als Christ oder Christin mit, wo auch immer ich hingehe oder bin. Heute will ich mich an diese Heimat erinnern, damit ich Wuzeln schlagen kann und Kraft habe zu leben. Amen
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