„Hallo, hier bin ich!“

Geht das? Kann ich einfach so zu Gott kommen? Und dann bleiben? So ein paar Bedingungen da schon zu erfüllen, oder? Solches Denken ist weit verbreitet, Jesus sagt selbst etwas dazu. Und ein Psalmbeter weiß, was er an Gott hat.

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Mein lieber Gott, wir müssen reden. Da stimmt was nicht, das geht so nicht. Einerseits lädst du hier alle ein, schon seit Abraham sollen alle gesegnet sein, niemand wird hinausgestoßen, alle sollen das ewige Leben bekommen, niemand verloren gehen und jeder auferweckt werden. Das ist, mein Lieber, die ganz große Nummer, das Glanz-und-Gloria-Geschenkepaket, die Supersahnetorte mit Tischfeuerwerk und Champagnersause – und dann verrammelst du die Eingangstür und zimmerst ein schmales Hintertürchen, durch das man sich irgendwie durchzwängen muss, wenn man’s denn findet. Haha, ausgetrickst, oder?

Denn man muss zuerst dem lieben Jesus gegeben werden, dann muss man ihn sehen und dann an ihn glauben, dann, erst dann geht’s ab zur Paradiesparty. Das kenne ich sonst nur von der Lottowerbung: „Jetzt Millionen gewinnen!“ Um dann ganz unten und ganz klein zu erfahren, dass meine Gewinnchance bei 1 zu unendlich Millionen liegt. Was soll das?

 

So kann man Jesu Worte aus dem Johannesevangelium lesen und dafür sehr gute Gründe anführen. Einerseits das große fürsorgliche Versprechen, andererseits das große Wenn. Tut man das? Redet man so zu Menschen, die Halt und Hoffnung, Kraft und Wärme brauchen?

 

Bis heute gibt es Christen, die so denken, auch reden: Erst wenn du…, dann bekommst du auch Gnade, Erbarmen, Rettung, Erlösung, Vergebung. Wenn… du regelmäßig betest und zum Gottesdienst gehst, in der Bibel liest, es auch wirklich ernst meinst, genug Geld an deine Gemeinde spendest, es dich was kosten lässt, dass es dich auch wirklich was kostet. Wenn du… und dann folgen lange Liste zu sexueller Orientierung, sexualethischem Verhalten, Alkohol und Zigaretten, Film-, Video- und Internetkonsum… Mal eine Auswahl daraus, mal die ganze Liste, mal eine noch viel längere. Das Wenn regiert. Wenn wir den Sohn sehen und glauben, dann… So wirkt es, so lässt es sich auslegen.

Aber genauer hinzuschauen lohnt mal wieder. Auch hier. Denn tatsächlich, die religiösen Bestimmer, die Ausgrenzer und Mauernhochzieher sind auch hier wieder auf dem Plan. Aber sie stimmen Jesus in seinem Wenn gar nicht zu, sondern gehen voll auf die Barrikaden, steigen auf ihre selbsterrichteten Mauern und zetern: „So einfach ist das nicht! Wer bist du eigentlich?! Zimmermannssohn!“ Sie zitieren die Propheten, Mose, das Gesetz, die Väter, die Tradition, die Regeln und Ordnungen, ihr „Das-war-schon-immer-so“. Sie sperren sich, sie verstehen Jesus nicht, sie lehnen ihn ab. Rundheraus. Weil sie sein Reden von Gott, vom Vater einerseits genau verstehen, andererseits überhaupt nicht. Sie verstehen nämlich ganz gut, dass Jesus sich hier als Gottes bedingungsloses Angebot seiner Liebe hinstellt, als direktesten aller Drähte zu Gott, als den, der alle religiösen Bedingungsmauern einreißt und sagt: Vergesst alle religiösen Regeln und Anforderungskataloge – ihr müsst einfach nur zu mir kommen, dann seid ihr schon da und dabei.

Sie verstehen, dass das „Wenn“, das wir in diesen Worten Jesu schnell sehen, gar keins ist. Im Vergleich zu ihren Vorstellungen ist es sogar die rigorose Ablehnung jeder Bedingung. Deshalb kocht ja der Ärger erst hoch. Sie verlieren plötzlich die Kontrolle, die Macht, sind nicht mehr die Bestimmer, die Türsteher zum Eingang in den Himmel.

Jesus sagt: Es gibt nur eins, das wichtig ist: Das bin ich. Zu mir müsst ihr kommen. Dann war’s das schon. Und ihr könnt kommen. Alle. Jederzeit.

 

Aber das ist natürlich, strenggenommen doch eine Bedingung. Das kann man drehen, wie man will. Warum müssen alle zu Jesus?

Weil er am Kreuz gestorben ist zur Vergebung unserer Sünden? Nein. Auch wenn er das ist, funktioniert das nicht so richtig. Denn Jesus sagt das vor seinem Tod und meint es auch da schon so, wie er es sagt. Einem seiner beiden Mitgekreuzigten sagt Jesus ja tatsächlich direkt vor seinem Tod, man werde sich umgehend im Himmelreich wiedersehen. Es auf den sündenreinigenden Kreuzestod Jesu zu reduzieren, nimmt dem Kommen Jesu Entscheidendes.

Entscheidend ist, dass wir Menschen diesem Gott begegnen können, ihm gegenübertreten können, ein Gegenüber für ihn sein können. Auf Augenhöhe, in Jesus wird Gott nicht nur Mensch, er wird unser Bruder. In protestantischen Kreisen ist das eine leider seltene Formulierung, in der katholischen Kirche dagegen eine regelmäßige. Und eine gute. Jesus wird unser Bruder. Wir sind seine Familie. Aus dem abstrakten Gott, der sich bis dahin in einem brennenden Dornbusch gezeigt hatte, in einem Windhauch, einer Feuersäule oder einem einzelnen auf einem Berggipfel – dieser Gott wird begreifbar, sichtbar, sinnlich erfahrbar. Dieser Gott ist nicht „irgendwie da“, sondern da. Hier und jetzt.

Das macht den entscheidenden Unterschied zu allem anderen, zu allen Regeln und Religionen, zu allem Reden und Schreiben über Gott, jedem Nachdenken und Meditieren – dass dieser Gott zu einem Gott der Begegnung wird, zu einem Gegenüber, zu dem er den Menschen von Beginn an geschaffen hat.

Darauf kommt es an: diesem Gott zu begegnen. Dann wird sich alles ändern, das wird mein Leben in völlig neuem Licht erscheinen lassen. So konkret, wie Gott sich in Jesus erleben lässt, so konkret kann ich mit meinen Ängsten, Sorgen, Befürchtungen, Nöten, Leiden, Schmerzen zu ihm kommen. Er nimmt sie, er nimmt mich an.

Wenn Johannes an anderer Stelle das Jesus-Wort aufschreibt, „niemand kommt zum Vater, es sei denn durch mich“, dann ist das keine ausgrenzende Bedingungen, sondern schlicht der Erkenntnis geschuldet, dass wir an einen lebendigen und liebenden Gott, der hier und jetzt mit Haut und Haar für uns da sein und uns von innen heraus verändern möchte und an den wir uns immer und überall mit allem wenden können, weil er uns auf Augenhöhe begegnen und ein Gegenüber sein will, dass wir an einen solchen Gott nicht glauben können, wenn wir ihm nicht als solchem begegnet sind. Und diese Begegnung ermöglicht er uns in Jesus Christus.

In Jesus macht Gott Schluss mit der Idee von Gott als „dem da oben“. In Jesus macht Gott klar, er ist der neben uns auf beim Beifahrersitz, im Büro, beim Spaziergang, im Spätdienst, im Kundengespräch, am Konferenztisch, im Streit, im ständigen Auf und Ab jeden Tag. Und ich werde es für immer sein. Und für alle Ewigkeit auch. Deshalb ist das einzig wirklich Wichtige für uns, diesem Jesus zu begegnen. Hingehen, „hallo“ sagen, „hier bin“. Denn er ist eben nicht die enge Hintertür ins glänzende Paradies, sondern das Hauptportal.