Hoffnung so rot

Ein rotes Seil, das Hoffnung macht und in die Freiheit führt. Eine spannende Geschichte wartet. Impulsgeberin ist Nicole Marten.

Wochenspruch   – 1. Joh 5, 4c

Psalmgebet – Ps 138

Predigttext  – Jos 2, 1-21

Ein Dank an die Deutsche Bibelgesellschaft für die Nutzung der Textrechte.

0 Kommentare

Kommentieren

An der Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Manuskript / Download
Hoffnung so rot als Manuskript-Datei runterladen

Was für eine Geschichte! Sie hat einfach alles, was eine gute Erzählung ausmacht. Gastfreundschaft. Lüge, Verrat, Vertrauen, Angst, Rache, Liebe. Aber der Reihe nach. Da nimmt eine Frau Fremde auf in ihrem Haus. Sie selbst ist stadtbekannt. Aber wohl eher nicht beliebt oder gar wertgeschätzt. Nein, sie ist eine Hure, auf sie wird herabgeblickt. Die Fremden dürfen dennoch bei ihr übernachten. Und so ganz fremd sind die beiden Kundschafter für sie dann doch nicht. Immerhin weiß Rahab ja ganz genau, dass es sich um Spione der Israeliten handelt. Leute also, die ausgeschickt wurden von einer Streitmacht, die alle fremden Völker ausrotten soll. Frauen, Kinder, Männer, Junge wie Alte, dazu das Vieh – und alle Häuser. Einfach alles sollen die Israeliten platt machen. Und damit das gelingt, sollen die Kundschafter alles ausspionieren. Rahab nimmt sie auf. Und als ihr König Wind von der Sache bekommt, sagt sie die Unwahrheit. Nur ein kleines bisschen. Klar, die Männer waren da. Aber sie sind längst wieder fort. Keine Ahnung, wohin. Folgt ihnen doch einfach. Nur, dass sie die Männer versteckt hat und sie ihnen bei der Flucht hilft. Sie lässt sich diesen Dienst gut bezahlen: Immerhin erkämpft sie für sich und ihre Familie und alle, die zu ihr gehören, dass sie am Leben bleiben. Wer nicht zu ihr gehört, der soll umkommen. Ist das Rache an denen, die sie nicht achten? Ist das egoistisch, weil sie sich nicht zu ihrem Volk stellt? Oder hat sie einfach nur begriffen, dass die Israeliten ohnehin den Sieg davon tragen werden und will auf die sichere Seite wechseln?

Rahab steckt in einem Dilemma. Wenn sie die Spione verrät, dann ist das auch ihr Ende, denn die Israeliten werden kommen, so oder so. Und sie werden alles zerstören. So oder so. Wenn sie die Spione nicht verrät, verrät sie alles, was bislang ihr Leben bestimmt hat. Ihr Volk, ihre Stadt, ihre Lebensweise. Vielleicht sieht sie in diesem ganzen Durcheinander nur eine Möglichkeit: Die Flucht nach vorn. Eine winzige Überlebenschance. Eine Hoffnung. Dass der Gott, der sein Volk gerettet hat, auch ihr hilft. Eine Erkenntnis: Dieser Gott ist wahrhaft größer als alles, was wir uns so vorstellen können. Eine Ahnung. Dieser Gott kann ihr alles geben, wonach ihr Herz sich sehnt. Liebe. Anerkennung. Zugehörigkeit. Eine neue Identität. Ein neues Leben. Rahab bekennt sich zu diesem fremden, ganz anderen Gott. Und sie will zu ihm gehören.

Die Bibel feiert Rahab für diese Tat. Ihr Plan geht tatsächlich auf, sie und alle, die zu ihr gehören, werden tatsächlich gerettet. Im Neuen Testament, im Matthäus-Evangelium, wird Rahab sogar im Stammbaum von Jesus erwähnt. Als seine Vorfahrin. Sie, die Ausländerin. Eine von fünf Frauen in einem Stammbaum, in dem ansonsten nur Männer erwähnt werden. Das ist etwas ganz Besonderes. Schließlich galten Frauen in der Antike nicht viel, und mancher würde sich vielleicht auch wünschen, dass nur gebürtige Israeliten zu Jesu Vorfahren gehören. Dass das nicht der Fall ist, zeigt: Man muss nicht zwingend zum Volk Israel gehören, um Teil der Familie Gottes zu werden. An anderer Stelle wird Rahab sogar als Vorbild erwähnt: Im Hebräerbrief findet sich eine Auflistung mit Menschen aus der Geschichte des alten Israels, die im Vertrauen auf Gott etwas gewagt haben. Noah, Abraham, Sara, Mose, viele andere. Und Rahab: „Aufgrund ihres Glaubens kam die Hure Rahab nicht zusammen mit denen um, die sich Gott widersetzten. Denn sie hatte die Kundschafter in Frieden bei sich aufgenommen.“

Die beiden Bibelstellen betonen, dass die Rahab-Geschichte nicht einfach eine Agenten- oder Spion-Geschichte ist. Entscheidend dafür ist ein Satz, den Rahab zu den Spionen sagt: „Denn der Herr, euer Gott, ist Gott, oben im Himmel und unten auf der Erde.“ Mit diesem Satz bekennt Rahab sich zum Gott Israels als einzigem wahren Gott. Und diesen Satz berichten die Kundschafter später ihrem Auftraggeber Josua. Das ist der Clou an der Geschichte. Nicht der, dass die Kananäer Angst haben vor den Israeliten. Das ist ja kein Geheimnis. Nein. Es ist das Wunder, dass eine Ausländerin etwas erkennt vom lebendigen Gott. Dass sie merkt: Es ist der Gott Israels und sonst keiner im Himmel und auf der Erde. Es ist das Wunder, dass Rahab im Durcheinander ihres Lebens Gott erkennt und an ihn zu glauben beginnt. Es das Wunder, dass dieser Glaube Rahab befreit.

Befreiung. Die rote Farbe der Schnur, die Rahab ins Fenster binden soll, erinnert mich an das rote Blut, das die Israeliten an ihre Türpfosten streichen sollten, damals in Ägypten. Als ein Engel des Herrn durch Ägypten zog, um alle Erstgeborenen zu töten. Nur die Hütten mit den roten Türpfosten wurden verschont. Und jetzt, in Jericho? Nur das Haus mit der roten Schnur wird gerettet, und mit dem Haus alle, die darin sind. Das Rot, es steht für das Leben und für die Liebe. Für Befreiung. Gott hat die Israeliten befreit. Gott hat Rahab befreit. Er will auch uns befreien. Aus unseren Ängsten, aus unseren Verstrickungen. Inmitten unserer Unstimmigkeiten, inmitten unserer Zwänge, inmitten unserer Schwierigkeiten, inmitten unserer Unsicherheiten, unserer Lieblosigkeiten: Gott ist da. Er will uns befreien.

Hoffnung. Das Seil, an dem die Kundschafter herabgelassen werden, es heißt auf Hebräisch Tikwa. Tikwa ist auch das hebräische Wort für Hoffnung. Rahab schickt die Kundschafter an einem Seil in die Freiheit. Sie hat die Hoffnung, dass sich das für sie auszahlt. Dass der Gott, an den sie glauben will, sie nicht vergisst. Dass er auch sie befreien will und wird. Aus ihren Zwängen. Aus der aussichtslosen Lage. Aus der Verachtung. Dass er sie befreien will zu einem neuen Leben. Ein Leben, in dem Gott sie begleitet. Durch alle Höhen und Tiefen hindurch.

Ich will mit Rahab darauf hoffen, dass der Gott, der im Himmel ist und auf der Erde, auch mich befreit aus allem, was mich bedrückt, was mich niederdrückt, was mich verunsichert, was mich ängstigt. Dass er mich lebendig macht, wo ich mich abgestorben fühle. Dass er mich trägt und hält und rettet. Amen.