Ich befreie dich
Den Unterdrückten Freiheit, den Armen Hoffnung, den gebrochenen Herzen Heilung, allen Gnade. Jesu Regierungserklärung hat es in sich. Auch für mich persönlich. Ein Psalmist pflichtet bei.
Den Unterdrückten Freiheit, den Armen Hoffnung, den gebrochenen Herzen Heilung, allen Gnade. Jesu Regierungserklärung hat es in sich. Auch für mich persönlich. Ein Psalmist pflichtet bei.
Das ist doch mal ein Start ins neue Jahr: Regierungserklärung. Wir feiern noch selig-singend die Geburt des herzen Jesuleins, da erklärt er schon mal, wo künftig der Hammer hängen soll. Deshalb sind diese Worte nicht irgendwelche unter vielen, hier setzt Jesus die vier Vorzeichen für seine ganze Mission: den Armen das Evangelium, den zu Unrecht Gefangenen und Unterdrückten die Freiheit, den Blinden das Augenlicht, allen Gnade. Vier Kreuze, E-Dur. Wer die Vorzeichen ändert, ändert das ganze Lied. Jesaja beschreibt unmissverständlich den Messias, auf den alle gehofft haben. „Genau der bin ich“, erklärt Jesus jetzt und stellt damit alle Abschwächungen und Anzweifelungen, irgendwelche enttäuschten Idealisten, die den Verlust ihres Idols nicht überwunden haben, hätten sich ihren Star nachträglich messianisch aufgehübscht, präventiv ins Abseits. „Ich Messias? Auf jeden Fall.“
Bloß: Was nützt das? „Messias“. Ein Wort, ein Begriff, abstrakt. Am Ende zählen Taten, praktisch, konkret. Zu Unrecht Gefangene und Unterdrückte frei, Blinde sehen, Arme hoffen, für alle Gnade, eine weitere Lesart ergänzt: gebrochene Herzen geheilt. Das ist nun sehr konkret und klingt nach Befreiungstheologie, die sich als Stimme der Armen für ihre Befreiung und gegen Ausbeutung, Entrechtung und Unterdrückung gerichtet hat. Mit dieser Regierungserklärung liegt sie voll auf der Linie Jesu. Politisch, praktisch, aufrüttelnd, unzufrieden, wehrhaft, fordernd.
Aber wo bleibt da die Innerlichkeit, mein ganz persönliches Verhältnis zu meinem Herrn Jesus? Nichts zu machen, Jesus sagt es so: Wo ich bin, bleibt kein Stein auf dem anderen, ich räume auf, stelle euer Leben auf den Kopf, und ihr werdet sehen, dass es in Wahrheit zum ersten Mal auf den Füße steht und auf festem Boden. Er begnügt sich nicht mit der inneren Seligkeit, bleibt nicht das herze Jesulein. „Ich, Jesus, wirke hinein ins Leben, in den Alltag, ins Miteinander, in euer Handeln.“
Ins gelebte Miteinander, ins alltägliche Gemeinwesen hineinzuwirken ist politisches Handeln, das kann man drehen und wenden, wie man will. Das verändert die Familie, den Job, das Dorf, den Stadtteil, Stadt und Land – und mich auch. Ob ich das als Privatmensch mache oder als Kirchengemeinde, in einer Bürgerinitiative, als Gemeinderat oder Bürgermeister, Kanzler oder Minister. Deshalb muss kein Christ Politik machen, aber es heißt, sich klarzumachen, dass mein Handeln als Christ immer politisch wirkt, wenn es glaubwürdig sein will. Und es ist schlüssig, dass Jesus am Ende seine Nachfolger in die ganze Welt schickt, um dort etwas zu bewirken. Doch zuerst sollen wir Menschen Befreiung, Heilung und Gnade selbst erleben, dann geht es raus. Das wird hier schon klar.
Aber wie jede Gemeinschaft aus vielen Einzelnen besteht, so beginnt Jesu Wirken bei aller Größe einer Regierungserklärung auch bei jedem Einzelnen. All die Befreiungen und Heilungen gibt es nur, wenn jemand wieder sieht, wenn jemand heil wird, wenn jemand frei wird. Das macht Jesu Wort so konkret und bedeutsam: Menschen werden befreit und geheilt. Blinde sehen, Lahme gehen, böse Geister müssen weichen, eine Frau entkommt ihrem sicheren Todesurteil, eine andere findet wieder zurück in die Gesellschaft. Was auch immer Jesus bewirkt, er beginnt immer mit dem Einzelnen. Das ist es, was Menschen Hoffnung gibt: „Du bist ein Gott, der mich sieht“, lautet die Jahreslosung und genau das tut Jesus: Er sieht mich. Er handelt an mir.
Um davon etwas zu haben, lohnt es sich, dass ich mich selbst frage: Wo brauche ich Jesu Hilfe? Wo täte sie mir gut? Oder wo wünsche ich mir einfach, dass er hilft? Wo wäre das? Dazu muss ich mich natürlich mit mir befassen und das kann sehr unangenehm werden, weil ich sehr Unschönes entdecke kann. Aber machen wir uns doch dran! Denn immerhin winkt freundlich die Freiheit, wartet am Ende ein Anfang:
Wo bin ich gefangen? In Denkmustern und Vorurteilen? In meinem „das war schon immer so“? In Schuld gegenüber Gott? Gegenüber anderen? Oder gegenüber mir selbst? Darüber höre ich übrigens ziemlich wenig. Aber so wie wir uns mit unseren Gedanken selbst gefangen nehmen, uns mit Gedanken selbst kleinmachen und kleinhalten, niedermachen, fertigmachen, ablehnen, so werden wir auch schuldig an uns selbst. Wir legen uns selbst Fesseln an, machen uns selbst blind und verletzen uns selbst. Denn beobachten wir uns doch mal selbst: So hart unsere Sprüche über andere sind, mindestens so hart sind wir doch gegen uns selbst. Und würden wir es anderen überhaupt erlauben, so mit uns zu reden, wie wir es manchmal tun? Deshalb gehört zu meiner Heilung und Befreiung, wie Jesus sie verspricht, dass ich anfange, mich mit seinen Augen zu sehen, mit mir selbst anders umgehe, mir selbst vergebe, wie ich bisher mit mir umgegangen bin. Jesu heilende Mission kann erstmal wehtun, weil sie unsere Wunden und Verletzungen aufdeckt. Aber er verspricht: „Dabei bleibe ich nicht stehen. Ich heile dich. Ich befreie dich. Auch von dir selbst. Damit du ein Leben leben kannst, in dem du dich freuen kannst. Auch an dir.
In dem du nicht ständig bloß Fesseln fühlst, sondern einen festen Boden unter deinen Füßen.
In dem du deine Fähigkeiten siehst und die Möglichkeiten, die das Leben dir bietet.
In dem du verletzlich sein darfst, lieben darfst, auch wenn dein Herz brechen kann. Dann will ich dein Herz heilen.
Ich will deine Verletzungen heilen, die dich aus der Vergangenheit immer wieder einholen, und deinen falschen Blick, der dich immer wieder das Schlechte, das Bittere und Böse sehen lässt, dir die Hoffnung nimmt und deinen Glauben ins Wanken bringt.
Ich sehe dich. Ich heile dich. Ich mache dich frei.
Damit du leben und lieben und diese Welt verändern kannst. Mit mir.“
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