Ich erkläre es dir mal

Tu das, mach jenes! Das ist gut. Ich erkläre es dir. Nur will ich es hören? Manchmal ist man der Erklärungen müde. Heute will einer etwas klären, aber ob das ankommt? Gut ist, wenn man weiß, wo man sich mit seinen Zweifeln hinwendet, da braucht es dann keine Erklärungen.

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Wenn ein Text so anfängt, mit so vielen Erklärungen, das ist ganz schön ermüdend.

Ich schau nochmal nach, was es mit dem Hebräerbrief überhaupt auf sich hat, aus dem diese Worte stammen.

Ach, ja, das ist ja so ein Brief, vielleicht aber auch kein Brief, in jedem Fall ein Text bei dem man nicht so genau weiß, wer ihn verfasst hat. Erst dachte man es war Paulus, aber wahrscheinlich eher doch nicht. Vielleicht ein griechisch gebildeter Judenchrist. Einer der von Paulus geprägt wurde. Und vielleicht verfasste er die Worte so zwischen 60 und 70 nach Christus. Da der Text viele Begriffe aufnimmt, die nur jüdischen Menschen bekannt gewesen sind, ist davon auszugehen, dass sich die Zeilen an Judenchristen richten. Viele denken, dass die Zeilen an eine christliche Gemeinde gerichtet sind, die ihre erste Begeisterung verloren hat. Ein genauer Bestimmungsort ist wohl nicht möglich.

Aber ganz gleich. Ja, die Zeilen klingen danach, dass einer ein Sendungsbewusstsein hat und sich einen Empfänger vorstellt, der dringend überzeugt werden muss. In unserem Fall, davon überzeugt werden muss, dass Jesus tatsächlich von Gott gesandt ist. Dass er, Jesus, ein Hohepriester ist und noch mehr, dass er dieses Amt direkt von Gott empfangen hat, als sein Sohn.

Unheimlich viel steckt in diesen Worten. Die Adressaten scheinen mit dem Amt des Hohepriesters vertraut zu sein.

Diese Erklärung, des sendungsbewussten Scheibers, beinhaltet daher den Hinweis, dass Jesus all das ist, was von einem Hohepriester erwartet wurde. In Fragen der Religion, der Priesterschaft, des Gottesdienstes hatte er die oberste Aufsicht und Weisung. Im Judentum übernahm er ein Mal im Jahr stellvertretend für das Volk die Vergebung Gottes an. Er hatte den Vorsitz im höchsten jüdischen Gerichtshof, also auch eine Art politisches Amt. Über viele Jahrhunderte hinweg war dieses Amt erblich. Erst unter Herodes, der gerne ihm gefälligere Personen einsetzen wollte, wurde das anders. Der Hohepriester, das war ein Amt mit Würde und Ansehen, mit Macht, aber auch viel Verantwortung. Verantwortung vor Gott. Bindeglied zwischen Gott und den Menschen. Und das alles war, zumindest in seiner ursprünglichen Form, Gott gegeben. Von Gott berufen, war der Hohepriester. Er hat sich nicht selbst dazu gemacht. „Versteht ihr?“ höre ich hier unseren Verfasser laut fragen. „Jesus hat sich nicht dazu gemacht. Er ist es! Weil Gott das so wollte! Verstanden? Glaubt ihr das nun endlich?“ So ruft es zumindest für mich aus diesen Zeilen heraus. Und sie erinnern mich an etwas. Sie erinnern mich an meine Apelle, meine Erklärungsversuche den Kindern gegenüber.

„Mach das niemals“, sage ich eindringlich und erkläre dem Teenager, dass Drogen eine Gefahr sind. Oder ich versuche dem Kleinkind beizubringen, warum man höflich ist, wenn man etwas angeboten bekommt. Ich erkläre den Straßenverkehr, die Hausordnung der Jugendherberge, könnte ja sein, dass das Kind nicht verstanden hat, was er darf und was nicht. Ich erkläre und begründe. Ich sage nicht nur „ja“ und „nein“, sondern erkläre mich. Natürlich ist das richtig und wichtig ab einem bestimmten Alter. Beim Kleinkind ist aber etwas anderes wichtig: das Modell. Die Person, die eng mit dem Kind verbunden ist. Eine Person, zu der das Kind aufschaut, die für das Kind wichtig ist, die ihm sympathisch ist und irgendwie anziehend. Eine Person, zu der es eine emotionale Bindung aufbauen kann. Und das alles aus einem Grund: mehr als Erklärungen hilft die Nachahmung, wenn es darum geht Gutes zu lernen und in das eigene Leben zu integrieren.

Zurück zu unserem Schreiber. Klar, er hatte es nicht mit Kleinkindern zu tun, sondern wahrscheinlich mit Menschen, die ihre erste Begeisterung für diesen Jesus verloren haben. Sie müssen bei Laune gehalten werde, um es salopp zu sagen. Sie sollen in der abflauenden Begeisterung erinnert werden, warum sie mal glühende Anhänger waren. „Jetzt nicht zweifeln!“, höre ich ihn rufen.

Und dieses Rufen, das gilt doch auch mir – heute. Gleich wo ich im Glauben stehe. Mit größeren oder kleineren Zweifeln. Mit viel oder wenig Ahnung von Gott und von dem, was er ist und mir sein will. Es könnte sein, dass der Schreiber mir diese Zeilen geschrieben hat. Mir zu erklären versucht, dass ich am Ball bleiben soll und in unserer heuteigen Sprache könnte es lauten:

„Schau her, Gott hat seinen Sohn damals geschickt, damit du siehst, dass er nicht von ferne schaut, sondern mitten ins Leben kommt. Er hat seinen Sohn geschickt, damit Himmel und Erde sichtbar verbunden werden. In seinem Leben, in seinem Dienen allen Menschen gegenüber, siehst du, wie du selbst Gott begegnen kannst.“ Und das ist der Punkt, wo alles Erklären ein Ende findet. Ich kann erklären, wer dieser Jesus ist. Das kann ich glauben oder nicht. Ich kann es verstehen oder nicht. Das kann mich begeistern oder nicht. Aber reine Erklärungen, Worte, Ermahnungen, werden sie noch so begeisternd vorgetragen, reichen nicht, um mich dauerhaft zu begeistern oder zu überzeugen. Ich brauche Vorbild und Nachahmung.

Vielleicht war es damals so, dass die Menschen von dem, was Paulus und seine Anhänger erzählt haben super begeistert waren. Es hat sie überzeugt. Ja, Jesus ist gekommen, um uns neu mit Gott zu verbinden. Vielleicht haben sie vieles gemeinsam erlebt, was sie darin bestärkt hat. Jetzt scheinen sie zu Zweifeln. Nur in dem man ihnen erklärt, wer Jesus ist und was er für einen selbst sein kann, werden die Zweifel nicht verschwinden und die Begeisterung nicht zurückkehren. Die Menschen damals und heute brauchen Jesus als Vorbild und Menschen, als Vorbilder, die diesem Jesus folgen.

Lernen am Modell, am Vorbild, heißt in der Pädagogik, nachahmen und so erkennen, wie gut mir etwas tut, wie sinnvoll etwas ist, wie gut etwas funktioniert, wie ich mich mir selbst und anderen gegenüber verhalte.

Der Text aus dem Hebräererbrief zeigt mir, wie wichtig es ist, Dinge zu erleben und nicht nur erklärt zu bekommen.

Erleben, dass Jesus der Weg zu Gott ist. Dazu muss ich mich auf das Nachahmen einlassen. Ich schaue mir Jesus an, sein Leben und Handeln, sein Reden, versuche zu erspüren, wie er etwas gemeint hat, wie er auf die Menschen geschaut hat, die ihm gegenüberstanden. Wenn mich dieser Jesus in seiner Art anspricht, mir ein bisschen sympathisch ist, ich gut finde, wie er das eine oder andere gelöst hat, ich vielleicht sogar ahne oder gar erlebe, dass das eine oder andere auch meinem Leben gut tun würde, Sinn geben würde, dann beginne ich – auch als erwachsene Person – nachzuahmen. Das Vorbild Jesus wirkt auf mich.

Und weiterhin lerne ich: wenn ich von Jesus lerne, dann lernen andere vielleicht auch von mir.

Wenn Worte nicht mehr durchdringen, den anderen nicht mehr erreichen, dann werden mehr Worte und Erklärungen auch nicht helfen.

So können und wollen auch meine Worte jetzt nicht Glauben wecken oder Begeisterung für Gott hervorrufen. Sie wollen Mut machen, Jesus zu entdecken. Er ist all das, was der Schreiber des Hebräerbriefes sagt, aber was das für mein Leben bedeutet, wie es sich anfühlt, das werde ich nur herausfinden, wenn ich Jesus als Vorbild und Modell für mein Leben entdecke. Und wenn es stimmt, dass mit Jesus ein neuer Zugang zu Gott gefunden werden kann, dann werde ich genau das erleben.