In Schieflage geraten

Kopf in den Sand stecken oder Kopf hoch? Bei all dem, was in der Welt los ist und bei all dem, was noch zu erledigen ist bis zu den Weihnachtstagen, scheint Kopf in den Sand manchmal die bessere Option zu sein.

Warum es nicht so ist? Darum geht es heute.

Wochenspruch – Lk 21, 28b

Psalmgebet – Ps 80,2.3b.5-6.15-16.19-20

Predigttext – Jes 35, 3-10

Ein Dank an die Deutsche Bibelgesellschaft für die Nutzung der Textrechte.

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Der Text läuft nur so runter. Kopf hoch! Alles wird gut!

Kann ich gut gebrauchen am 2. Advent. Also mittendrin in der Vorweihnachtszeit. Vieles geschafft. Vieles noch zu tun. Ziel in Sicht. Ein friedliches Fest.

Friedliches Fest? Ach, ja… vielleicht. Meist sind die Feiertage auf ihre Art auch anstrengend und nicht so entspannt und besinnlich wie erhofft. Kilometer werden zurückgelegt. Essen gekocht und die Küche macht sich auch nach dem Festtagsschmaus nicht von allein. Aber ja! Ein paar freie Tage.

Und war da nicht noch was? Ach, ja – das Kind in der Krippe. Fast vergessen zwischen den Einkaufstaschen und dem Glühweingeruch.

Da kommt mir der Text aus dem Buch des Propheten Jesaja gerade recht. Da geht tatsächlich mein Kopf hoch. Die Stimmung hellt sich auf. Zeile um Zeile sprudelt mir hier Hoffnung entgegen.

Blinden gehe die Augen auf. Gelähmte springen. Wasser in der Wüste. Ja, das brauche ich.

Auch wenn ich die Nachrichten anschaue. Die Zeitung aufschlage oder im Handy die aktuellen Schlagzeilen aufploppen. Wenn ich all das an mich ranlasse, ist es kaum auszuhalten. Wo soll das alles hinführen? Kriege, Gewalt, Terror, Klimakatastrophen und dazu immer mehr Länder, die auf Autokraten und die Abschaffung der Demokratie setzen. Ja, her mit dem Text von Jesaja. Ich flüchte mich hinein in diese Hoffnungsworte, die eine andere Zukunft zeichnen, als die, die mir gerade vor Augen kommt.

Und tatsächlich so sind diese Worte wohl auch gedacht.

Sie haben damals einige hundert Jahre bevor mit der Geburt Jesu eine neue Zeitrechnung begonnen hat, genau diese Funktion gehabt. Den Menschen Hoffnung zu machen. Einen Ausblick zu verschaffen auf etwas, das kommt. Sie haben einen Zielort beschrieben: Zion. Ein Ort, den es gibt und doch nicht so gibt. Eine Zielvorstellung, die alles übertrifft an Gutem. Da wollen wir hin!

Ja, danke, ich auch ganz gerne.

War’s das?

Nein, überhaupt gar nicht, denn der Text kann mehr. Er kann nicht nur Zukunftsmusik spielen, sondern er kann zum Soundtrack meines Lebens werden, damit heute schon ein bisschen Zion in Stuttgart, Berlin, Oberursel oder Bopfingen zu finden ist. Immer dort, wo Menschen entdecken, dass Weihnachten etwas mit Hier und Jetzt und mit ganz viel Zukunftsmusik zu tun hat.

Jesaja hilft hier, das zu entdecken.

Im Text stecken nicht nur schöne Zukunftsbilder, sondern Zeilen, die beim ersten Hören gerne überhört werden. Sie stehen auch gleich am Anfang, werden gerne gleich wieder wegessen. Aber, nein. Das sollen sie nicht. Wäre schade drum. Daher zu Erinnerung. Der Text beginnt so:

Macht die müden Hände wieder stark

und die weichen Knie wieder fest.

Sagt denen, die den Mut verloren haben:

»Seid stark und habt keine Angst!

Seht, das ist euer Gott!

Er übt Vergeltung und schafft Recht.

Er selbst kommt, um euch zu befreien.«

 

Die Mutlosen, die Kraftlosen, denjenigen, denen das Leben über den Kopf wächst – mir manchmal auch – denen sei gesagt, dass sie den Kopf wieder hochnehmen, aus der Deckung kommen können, denn Gott kommt. Und wenn er kommt, dann übt er Vergeltung, so dass alles wieder in Ordnung kommt.

Vergeltung? Sollte ich da nicht doch lieber gleich wieder in Deckung gehen? Gott der Vergeltung übt? Hat mir ja gerade noch gefehlt. Ein furchteinflößender, rachenehmender Gott? Ach, nö…

Ich kann beruhigen. Vergeltung ist in der Bibelübersetzung nicht das ganz richtige Wort, für das, was zum Ausdruck kommen soll. Wir haben leider nur kein besseres im Deutschen, das ausdrücken könnte, was gemeint ist. Es hilft daher nur die Umschreibung und die hat es in sich.

Vergeltung, so wie das Wort im Alten Testament der Bibel benutzt wird, bedeutet nicht nur Rache und Strafe; vielmehr auch Lohn, Belohnung sogar Wiederherstellung von Recht. Der Pfarrer Christoph Maser hat es in einer Auslegung so formuliert: „Die Vergeltung Gottes zielt (also) auf das notwendige Zurechtrücken zwischenmenschlicher Schieflagen ab.“[1] Ein mega Satz!

Es läuft so einiges schief in der Welt. Weil Menschen in Schieflage geraten. Weil Menschen Dinge tun, die sie nicht tun sollten. Weil Menschen sich nicht immer für das Gute entscheiden. Weil Macht anscheinend geil ist. Weil Egoismus einen eventuell weiterbringt. Weil Menschen eben Menschen sind. Fehler machen. Schuldig werden an anderen und oft genug an sich selbst.

Schieflage. Eigentlich noch recht hübsch ausgedrückt.

Wenn Gott Vergeltung übt, dann will er die Schieflage ausgleichen. Und das ist eben nicht Rache. Sondern er geht den Weg in die Krippe. Gott – er macht sich selbst klein und hilflos, erniedrigt sich selbst, um ganz menschlich bei den Menschen in Schieflage zu sein und gleicht die Schieflage mit seiner Liebe aus. Aus Liebe wird er ein Mensch in einfachsten Verhältnisse. So kommt er, dieser große Gott. So übt er Vergeltung! Kein Furchteinflößer kommt da, sondern ein Baby, das so viel Liebe mitbringt, dass sie für die ganze Menschheit reicht. Also auch für dich, für mich.

Seine Liebe, will bei mir zurechtrücken, was schiefgelaufen ist und was noch schieflaufen wird.

Die Friede-, Freude-, Eierkuchenmusik, die Jesaja im Text anstimmt; das Bild vom wunderbaren Ort Zion, das setzt Gottes Kommen voraus und dass dieser Gott Vergeltung übt. Und als Christin glaube ich, dass Gott im Stall von Bethlehem zu den Menschen gekommen ist und seine Vergeltung lieben heißt. So lange lieben, bis gerade ist, was schiefgelaufen ist.

Wenn ich mich heute am 2. Advent nach dem Zion sehne, nach dem Ort, an dem alles gut ist, vollkommen, dann tue ich das mitten in meinem krummen und schiefen Alltag, in meinem krummen und schiefen Leben, in einer krummen und schiefen Welt. Gleichzeitig weiß ich aber, dass diese Zukunftsmusik schon angefangen hat zu spielen, weil vor über 2000 Jahren ein Kind geboren wurde, das angefangen hat, das Krumme wieder gerade zu machen. Meine Hoffnungsbilder der Zukunft, die mich trösten wollen und sollen, sie haben einen Grund, der in der Vergangenheit, im Stall von Bethlehem liegt. Deshalb tragen sie auch nicht erst in Zukunft, sondern schon heute: mitten in der Adventszeit, mitten in meinem Leben. Weil der Grund der Hoffnung, die Liebe, die alles zum Guten bringen wird, Hände und Füße und ein Gesicht bekommen hat. Mensch wurde, um dem Menschen nahe zu sein. Die Hoffnung sozusagen vor die Haustür geliefert hat. Ich darf sie aufreißen und rein lassen in mein Leben, damit sie mich heute schon trägt. Und wenn der Tag kommt, wo die Hoffnung sich erfüllt, mein Leben in der Ewigkeit beginnt, da hat Gottes Vergeltung, seine Liebe, schon mein ganzes Leben zurechtgerückt. Ich bin befreit in alle Ewigkeit.

Ja, der Text aus dem Buch Jesaja läuft rein. Kopf hoch. Der Weg, auf dem alles gut wird hat schon begonnen.

 

Amen

[1] https://www.die-bibel.de/ressourcen/efp/reihe1/2-advent-jesaja-35 – Christoph Masen – Exegese zu Predigttext 2. Advent Jes.35