Mal anders gedacht

Man kann Dinge so oder so sehen. Gewiss. Manche wollen aber, dass ich Dinge in einer ganz bestimmten Weise sehe. Da kann es sein, dass ich gar nicht mehr auf die Idee komme, dass alles auch ganz anders sein könnte.

Wochenspruch – Lk, 13, 29

Psalmgebet – Ps 86, 1-2.5-11

Predigttext – Joh 4, 5-14

Ein Dank an die Deutsche Bibelgesellschaft für die Nutzung der Textrechte.

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Was kommt ihnen als Erstes in den Sinn bei dieser Geschichte? Wahrscheinlich ist sie ihnen gar nicht neu. Sie gehört eher zu den bekannten Geschichten der Bibel.

Jesus trifft auf die Frau am Brunnen. Was macht sie da um die Mittagszeit? Allein? Warum soll sie ihm Wasser geben? Was fragt sie so frech nach? Oder naiv? Ja, die Juden und die Samaritaner wollten nichts von einander wissen. Das war ganz klar. Und dann redet Jesus von lebendigem Wasser und die Frau denkt nur an das Wasser, das sie jeden Tag holen muss. Noch dazu in der größten Hitze, anscheinend will sie niemanden treffen. Hat sie was zu verbergen?

Wenn sie Bibelkenner:in sind, dann wissen sie, dass das Gespräch noch weitergeht – über Männer. Jesus weiß offensichtlich mehr. Dass die Frau schon mehrere Männer hatte. Und ja klar, das passt doch dann auch ins Bild: Sie wird von den anderen im Dorf geschnitten. Die wollen nichts mit ihr zu tun haben. Deshalb geht sie in der größten Hitze zum Brunnen. Deshalb hat sie keine Angst sich mit einem Mann am Brunnen zu unterhalten, ein Fremder dazu, weil sie eh nichts mehr zu verlieren hat. Ja und mit Männern kennt sie sich aus…

Ach, wie schön passt das alles ins Bild.

Und im 17. und 18. Jahrhundert, da wurde diese Begegnung bildlich immer ein bisschen anzüglich dargestellt. Sexy Frau trifft auf Jesus.

Doch: Eigentlich. Eigentlich geht es hier um etwas ganz anderes.  Zumindest hatte der Schreiber des Johannesevangeliums wohl was ganz anderes im Sinn mit dieser Geschichte. Es geht hier nicht um eine Sünderin, um Reue und Vergebung. Es geht hier um etwas anderes:

 

Kennen Sie Framing? Ist gerade viel in aller Munde. Weil vieles geframt wird. Framen, das meint, dass ein Wort, ein Satz, eine Nachricht in einen bestimmten Deutungszusammenhang gestellt wird. Es bekommt einen bestimmten Rahmen. Und dieser Rahmen – englisch frame – wird sehr bewusst gewählt, um ein bestimmtes Bild in den Köpfen der Menschen entstehen zu lassen. Eine ganz bestimmte Botschaft rüberzubringen. Es sollen beim Leser oder Hörer bestimmte Gefühle geweckt werden. Framen hat eine psychologische Wirkung. Zum Beispiel: Ein Glas, das zur Hälfte mit Wasser gefüllt ist, ist ein halbvolles oder ein halbleeres Glas. Was klingt hier besser? Halbvoll hat eine positive Wirkung, halbleer eine negative. Die Wahl der Worte kann den Blick, das Bild in meinem Kopf verändern. So können Produkte besser verkauft werden. So können Menschen manipuliert werden und damit spielen zur Zeit vor allem politische Parteien, die nichts von Demokratie und Menschenrechten halten. Sie framen ganz bewusst. Manchmal um das, was sie meinen besser klingen zu lassen, aber wie ist es zum Beispiel mit dem Wort Flüchtlingsstrom? Ein Strom, das suggeriert eine Menge Wasser. Etwas, das ich nur schwer kontrollieren kann. Ein Strom kann eine Naturgewalt sein, die alles mit sich reißt. Wer von Flüchtlingsströmen spricht, der framt in eine ganz bestimmte Richtung: Da soll ich Angst bekommen. Da soll ich eine Drohung spüren. Da wird mir gesagt, dass es zu viele Flüchtlinge gibt, dass ich die Kontrolle verliere. Dieser Frame hat nichts mit Fakten zu tun: Wie viele Flüchtlinge tatsächlich täglich oder wöchentliche über die Grenze kommen. Woher sie kommen? Warum sie kommen? Wie sie aufgenommen werden können? Mit diesem Frame – Flüchtlingsstrom oder auch Flüchtlingswelle – wird mir sofort gesagt: Es sind zu viele.

Reframing ist angesagt. Gerade jetzt im Wahlkampf, wo viel mit Worten gespielt wird. Reframing, das heißt die Sichtweise auf ein Wort, ein Satz, eine Nachricht verändern. Aus einer anderen Perspektive anschauen – ihr einen anderen Rahmen geben, nicht den, den andere schon vorgegeben haben. Mit einem neuen Blick auf die Sache schauen. Damit ich nicht beim ersten Gefühl hängen bleibe und mich manipulieren lassen.

Ja, und das alles hat mit der Frau am Brunnen zu tun. Wirklich. Denn hier wurde ganz schön geframt. Seit der Reformation hat diese Geschichte den Rahmen des Anstößigen bekommen. So wie ich es am Anfang beschrieben habe. Nur: Das war gar nicht Johannes Absicht.

Das Johannesevangelium ist aus einer Perspektive geschrieben, die die Geschichten der anderen Evangelien kennt, wohl auch die Paulusbriefe und eine ganz eigene Zielrichtung verfolgt. Johannes erzählt seine Geschichten vom Ende her. Immer geht es ihm um den Auferstanden, den Christus. Was die Menschwerdung Gottes für die Menschen bedeutet. Der Frame, den Rahmen, den Johannes um diese Geschichte gelegt hat, ist der:

 

Du hörst von einem Brunnen. Du denkst an die Hitze und den Durst. Daran, dass du jeden Tag Wasser brauchst, um überleben zu können.

Johannes erzählt: Da ist ein Brunnen. Da trifft ein Mann, eine Frau. Erinnerst du dich an Geschichten aus dem Alten Testament? Da treffen ein manches Mal ein Fremder Mann auf eine Frau, die ihm später zur Braut wird. Der Brunnen – das ist Brautwerbung. Jesus der Bräutigam, die Frau die Braut? Dieses Bild steht für Nachfolge. Jesus sucht uns, als Braut. Wie sollen ihm nachfolgen.

 

Du hörst, dass Jesus der Frau Wasser aus einer nie versiegenden Quelle verspricht. Du hörst, wie die Frau frech zurückfragt, dass das ja super wäre, wenn sie nie mehr Wasser schöpfen müsste. Nachvollziehbar. Und du hörst, wie sie provozierend fragt: Wer bist du, der so was versprechen kann? Mehr als Jakob, von dem die Bibel erzählt, dass der Brunnen Jakobs mit durch die Wüste ging, als das Volk Israel Wasser brauchte?

Johannes erzählt: Jesus zeigt sich hier als der lang versprochene Messias. Er hat zu Gott tatsächlich eine andere Stellung, als Jakob; auch als Mose oder Abraham.

 

Du hörst Wasser.

Johannes spricht von lebendigem Wasser. Nicht nur sprudelndem Wasser. Es geht nicht um den physischen Durst. Sein Wasser kann mehr: Es kann all das in uns in Ordnung bringen, was uns immer wieder hungrig, durstig, zweifeln, lässt. Was uns Angst macht und in Not bringt.

 

Johannes erzählt eine doppelbödige Geschichte. Die Frau erzählt von der Realität. Stellt Fragen aus ihrem Alltag.

Und Jesus antwortet in Bildern, die weit über die Realität hinausgehen.

 

Die Frau, sie ist nicht frech und respektlos, sie denkt mit, wenn Jesus etwas sagt. Fragt nach. Will es wissen. Will dem auf die Spur kommen, was er meint. Jesus erzählt von dem, was Glauben an den lebendigen Gott heißt: In Gott eine Quelle zu finden, die mein Leben nicht nur reich macht, sondern mir zur Lebensquelle wird, über den Tod hinaus. Jesus wirbt am Brunnen für den Glauben. Es ist ein Verkaufsgespräch. Und die Frau prüft: Was hab‘ ich davon?

 

Klingt die Geschichte jetzt nicht viel spannender? Wird die Frau das Angebot Jesu annehmen, weil sie es für gut befindet. Wie wird ihre Prüfung ausfallen?

Sie fällt positiv für Jesus aus und die Frau wird zu Missionarin. Sie, die Braut, hat das Angebot des Bräutigams Jesu angenommen. Sie geht zurück ins Dorf und erzählt allen davon. Und siehe da: Menschen kommen zum Glauben. Folgen jetzt auch Jesu nach.

Zurück zum Framing. Hätten die Menschen im Dorf dieser Frau vertraut, wenn sie eine Ausgestoßene gewesen wäre? Wenn die Gemeinschaft nichts mit ihr zu tun haben will? Wohl eher nicht. Vielleicht war sie eher eine Frau, die zu kämpfen hatte. Weil sie schon mehrfach Witwe wurde. Das hieß damals Armut. Für sich selbst sorgen müssen. Vielleicht hat Johannes ganz bewusst diesen Hintergrund für diese Frau gewählt, um zu sagen: Jesus, der Bräutigam, bietet allen, die Hand an. Sein Angebot, mit ihm durchs Leben zu gehen gilt jedem und jeder, ganz gleich woher jemand kommt, was er hat oder ist. Und vielleicht sagt er auch das: Schau nicht abfällig auf diese Frau am Brunnen. Sie war eine der ersten, die Begriffen hat, mit wem sie es zu tun hat und ihren Glauben weitergegeben hat an andere.

Wow, was für eine tolle Frau!

Klingt doch gleich ganz anders. Ich sehe heute diese Geschichte mit anderen Augen, aus einer anderen Perspektive. Gott sei Dank. Gott sei Dank, muss ich nicht immer mit der gleichen Brille durchs Leben laufen. Darf Dinge neu entdecken und auch aufdecken, wo ich vielleicht in eine bestimmte Richtung gelenkt werden soll. Ich glaube, Gott will, dass ich manches immer wieder neu denke und ein Maßstab oder etwas an dem ich prüfen kann, ob es gute neue Gedanken sind, ist die Frage: Hilft mir dieser neue Gedanke in meinem Leben weiter? Ist er lebensbejahend? Führt er mich in die Freiheit, die Gott für mich will?

Glauben in Jesus Christus finden. Erfüllt davon werden und anderen von dieser Quelle der Lebenskraft erzählen, das würde ich mal als ziemlich lebensbejahend und gut einordnen. Und es gibt meinem Leben einen guten Rahmen.

Amen