Foto: (c) radio m, Anja Kieser

Nicht ins Hochbeet, in den Garten pflanzen!

Der 5. Sonntag nach Ostern steht im Zeichen des Gebets – Rogate! Betet! Braucht es dazu wirklich einen eigenen Sonntag? Ist das nicht etwas ganz Selbstverständliches? Ja, vielleicht schon so selbstverständlich, dass die Wichtigkeit, Dringlichkeit des Gebets, immer wieder in den Mittelpunkt gestellt werden muss. Tun wir es!

Wochenspruch   – Ps 66, 20

Psalmgebet  – Ps 95, 1-7b

Predigttext  – Joh 16,23b-28.33

Ein Dank an die Deutsche Bibelgesellschaft für die Nutzung der Textrechte.

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„Egal, was ist, du kannst immer zu mir kommen!“ Ich weiß nicht, wie oft ich diesen Satz von meinen Eltern gehört habe oder zu meinen Kindern gesagt habe. Egal was ist, du kannst kommen. Das heißt: Wenn du Sorgen hast, komm und erzähle mir davon.

Wenn du Mist gebaut hast, komm und erzähl mir davon.

Wenn du Zweifelst, an dem was du tust, am Job, an Freunden, komm und erzähl mir davon.

Wenn du etwas unglaublich Tolles erlebt hast, komm und erzähl mir davon.

Erzähl mir von deinem Scheitern, von deiner Angst, deinen Schmerzen. Erzähl mir von deiner neuen Liebe, von dem schönen Abend und dem Glück eine größere Wohnung gefunden zu haben.

Komm einfach zu mir, was auch immer los ist.

Ich finde, das alles klingt ziemlich nach dem, was wir gerade aus dem Johannesevangelium gehört haben. Aus den sogenannten Abschiedsreden von Jesus an seine Freundinnen und Freunde.

Komm zu Gott und erzähl ihm alles. Und mehr noch: Bitte ihn um alles.

Selbst das, steckt ihn dem elterlichen Wunsch: Komm und erzähl mir davon. Da geht es doch auch darum, dass einer hört, zuhört. Dass damit geteilt wird, was an Sorge, Last oder Freude da ist. Es geht doch auch darum, dass Eltern nur dann, wenn sie mithineingenommen werden in das Leben der Kinder, auch die Chance zum Handeln haben. Zum Verändern. Zum Mittragen und Aushelfen. Erzähl mir, heißt dann doch auch: Wie kann ich dir helfen? Dich unterstützen?

Bitte um alles.

Jesus will, dass seine Freund:innen beten. Zu Gott beten. Wir wissen, dass alle personalen Beschreibungen von Gott, wie Vater, Mutter, Retter, Helfer, Tröster, alles nur Hilfsmittel sind, um Gott nahe zu kommen. Gott ist unfassbar, unbeschreiblich und doch müssen wir ihn als unser Gegenüber beschreiben und diese Notwendigkeit wird in der Aufforderung zu beten besonders deutlich. Denn das Gebet braucht ein Gegenüber. Ohne Gegenüber bleibe ich mit allen Worten direkt bei mir stehen. Streiche ein bisschen um mein eigenes Selbst herum; drehe mich um mich; bespiegele mich nur selbst. Ein egozentrisches Gebet. Wo soll das hinführen? Wie sollte das etwas verändern?

Jesus sagt: Betet zu Gott. Bittet ihn, um das, was ihr braucht.

Das Gute ist. Damit ist es Jesus noch nicht genug. Er weist darauf hin, wohin sich unser Gebet richten soll. Mit wem ich ins Gespräch kommen soll. Mit wem ich reden soll. Zu wem ich mit allem kommen und erzählen kann.  Zu Gott und zwar wie ich ihn in Jesus kennen gelernt habe.  Nichts anderes meinen Jesu Worte, wenn im Johannesevangelium steht: „26An dem Tag werdet ihr in meinem Namen bitten.“ Also in Jesu Namen. Das heißt nicht, dass ich einen Mittler brauche, der für mich bei Gott bittet, sondern dass mein Gegenüber Gott ein Gegenüber ist, wie Jesus ein Gegenüber seinen Freunden und Freundinnen war. Ich rede zu Gott, wie wenn mich mit Jesus sprechen würde. Mit diesem Menschen, der ein Herz für alle hatte, der offen war, sich sogar überzeugen ließ, wenn er falsch lag, der Schuld vergeben hat, der neue Wege eröffnet hat, der den Kindern sein Ohr schenkte und sie zum Vorbild erhoben hat. Mein Gegenüber im Gebet ist Gott, ein Gott wie Jesus sich gezeigt hat.

Das hießt dann auch: Diesem Gott kann ich komplett vertrauen, weil ich Jesus komplett vertrauen kann. Und wenn ich da unsicher bin? Dann schlage ich die Bibel auf. Was mir dort von Jesus erzählt wird, das hilft mir diesem Gott ganz zu vertrauen, denn Jesus war ohne Falschheit. Sein Leben war gelebte Transparenz. Liebe ohne Unterschied und geprägt von Vergebung. Nicht nur ein Mal hat er vergeben, sondern unendlich oft. Petrus, der ihn verraten und verleugnet hat. Selbst Judas, der ihn verraten und verleugnet hat. Jesus kann ich komplett vertrauen.

So sieht als mein Gegenüber aus, zu dem ich bete.

Egal was ist, ich darf mit allem kommen, was ich habe. Und wenn da jemand ist, zu dem ich kommen kann, dann verändert das auch mein Beten.

Da ist dann jemand, der hört. Der sieht. Der versteht. Der um mich und um das weiß, was mich umtreibt.

Plötzlich bin ich nicht mehr allein mit meinen Gedanken. Ich spreche sie nicht nur aus, sie haben auch eine Richtung und sicherlich sind sie auch mit einer Hoffnung verbunden. Mit der Hoffnung, dass der andere anteilnimmt, einen Rat hat, einen Ausweg kennt oder sich einfach nur mitfreut.

Wenn Gott mein Gegenüber ist, dann ist diese Hoffnung berechtigt, sagt Jesus. „Bittet ihn um alles“, sagt er. Das Vertrauen in Gott, ist absolut berechtigt.

Jetzt ist es ja nicht so, dass ich Gott nicht schon um Dinge gebeten hätte – und ehrlicherweise muss ich sagen, dass Gott mir nicht immer gegeben hat, um was ich ihn im Gebet gebeten habe. Ich will auch nicht behaupten, dass ich in allen, für mich unerfüllten Gebeten im Nachhinein immer etwas Gutes gesehen habe, aber ich kann sagen: Durch das Gebet habe ich Frieden erfahren. Und ich bin überzeugt, dass das daran liegt, dass das Gebet eben keine reine Selbstreflexion ist, sondern ein echtes Gegenüber hat. Alle meine Anliegen, meine Wünsche, meine Hoffnungen, sage ich nicht einfach vor mich hinein, sondern ich bringe sie Gott. Vielleicht ist es, wie wenn ich eine Pflanze kaufe und sie im Garten einpflanze. Die Pflanze ist meine Bitte und ich bringe sie zu Gott und pflanze sie in seinem Garten ein. Er sieht meine Bitte. Er weiß, um das was die Bitte, die Pflanze braucht. Weiß, was möglich ist und ich darf ganz vertrauen.

Glaube ich eigentlich noch an die grenzenlosen Möglichkeiten Gottes oder habe ich seinen Garten zu einem kleinen Hochbeet werden lassen? Habe meine Grenzen zu seinen gemacht? „Bittet, um alles!“, sagt Jesus. In dieser Aufforderung steckt auch an das für mich Unmögliche zu glauben. Eng Gott nicht ein! Vertrau auf seine Kraft, die Totes lebendig macht. Die Auferstehung mitten im Leben möglich macht und die Berge versetzen kann.

Vielleicht ist es gut, an einem Tag wie dem Sonntag Rogate, mal wieder ein bisschen in der Mottenkiste zu kramen. Habe ich Wunder erlebt in meinem Leben? Habe ich erlebt, wie Unmögliches wahr wurde? Wie Rettung erfolgt ist trotz aller Umstände?

Ich hätte in meinem Leben schon zwei Mal sterben können und wurde gerettet; mein Wunsch nach Familie wurde auf ungewöhnliche Weise erfüllt und jeder einzelne Schritt dahin war von Gott gelenkt. Das heißt nicht, dass alles leicht war und sorgenfrei. Ganz und gar nicht. Aber es lag ein Frieden auf allem, der mich mutig und stark gemacht hat. In meiner Arbeit, hier bei radio m, erlebe ich immer wieder Wunder. Gottes Beistand. Gottes Fürsorge. Gott sieht und hört und hilft. Das macht nicht immer sorglos, nicht immer angstfrei, aber sein Friede über allem ist spürbar.

Betet! Bittet! Sagt Jesus. Ihr dürft immer kommen. Mit allem, was ihr habt. Erzählt Gott davon. Und schaut, was Gott daraus macht. Mit euch. Mit anderen zusammen. Seine Möglichkeiten sind grenzenlos. Darauf dürft ihr vertrauen.

Amen