Nicht schönreden

Herzlich willkommen zu diesem kleinen gottesdienst von radio m.

Gut ist es, wenn alles gut läuft. Nicht krank sein, genug Geld haben, Freunde, eine schöne Wohnung und die Möglichkeit in Urlaub zu gehen. Nur: So läuft es nicht immer. Über Misserfolge und Sorgen reden die meisten nicht gerne. Paulus tut es heute trotzdem.

Wir feiern diesen kleinen gottesdienst im Vertrauen auf Gott: den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist. Amen

Wochenspruch – Eph 2, 8

Psalmgebet – Ps 73, 1-3.8-10.23-26

Predigttext  –  2. Kor 12, 1-10

 

 

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Und mein erster Impuls ist: Was für ein Text?! Geht es schlimmer? Und haben wir nicht schon oft genug gehört, dass in der Schwachheit die Stärke liegt?! Aber so ist das nun mal mit den vorgeschlagenen Predigttexten im Kirchenjahr: Da gibt es keine Wahl. Das ist gut so. Sonst würde man ja nur predigen, was einem gefällt. Ziemlich langweilig.

Außerdem ist dieser Text auf den zweiten und dritten Blick ziemlich cool. Denn da ist Zündstoff drin. Richtiger Zündstoff. Es menschelt an allen Ecken und Enden.

Den Text, den wir gehört haben, ist aus einem Brief von Paulus an die Gemeinde in Korinth. Die hat er gute 1 ½ Jahre davor selbst gegründet.

Paulus war keiner der Freunde, die mit Jesus unterwegs waren. Die alles gesehen und erlebt haben, was Jesus getan hat oder im widerfahren ist. Inkl. Hinrichtung und Auferstehung.

Paulus war zunächst einer, der die Freund:innen Jesu verfolgt hat. Durch ihn wurde so manch einer gefangen genommen und hingerichtet. Er war also keiner dieser 12 Freunde, die Apostel genannt wurden, weil sie an Jesu Leben selbst teilgenommen und von ihm in ihr Amt berufen wurden. Ein Amt, das vorsieht: hinauszugehen in die Welt, den Menschen von Jesus zu erzählen und sie einzuladen sich selbst ganz und gar diesem Jesus anzuvertrauen.

Paulus hat sein Weg zu Gott über Jesus erst nach Jesu Tod gefunden. In dem er eine Erscheinung hatte. In der hat sich Jesus ihm offenbart. In solch einer Weise, dass Paulus sofort überzeugt war: Dieser Jesus war von Gott gesandt. Dieser Jesus hat gelebt, damit ich meinen Weg zu Gott finde. Wenn ich mich an ihn hänge, dann werde ich frei von meiner Schuld und kann von vorne beginnen. Paulus ist im wahrsten Sinn von Gott begeistert worden. Und genau so begeistert redet er jetzt von Jesus, gründet Gemeinden und will in der Gemeinschaft mit Menschen die Beziehung zu Gott durch Jesus Christus stärken und aus dieser Beziehung heraus leben. Und: Er bezeichnet sich auch als Apostel. Obwohl er keiner der 12 ist. Er sagt über sich: Ich bin ein Apostel für die Heiden. Also für die, die noch nie von Gott gehört haben.

Als solch ein Apostel gründet er die Gemeinde in Korinth und nun, 1 ½ Jahre später herrscht ein bitterer Kampf zwischen ihm und der Gemeinde. Seine Autorität, sein Apostelamt wird in Frage gestellt. Mehr noch: Die Menschen in Korinth haben attraktivere, anscheinend geeignetere Gemeindeleiter gefunden.

Daher dieser Brief. Ein Verteidigungsbrief? So klingt es erstmal. Allerdings etwas genervt. Er will sich rühmen, also zeigen was er drauf hat, obwohl er dazu weder Bock hat, noch darin einen Nutzen sieht. Warum er es trotzdem macht? Weil er weiß, dass die Gemeinde gerade unheimlich darauf steht. Und das ist es auch, was ihm Angst macht, wovor er die Gemeinde bewahren will: Nicht auf Prahler reinfallen. Nicht denen anhängen, die sich ihrer ganz besonderen Beziehung zu Gott rühmen. Die Erscheinungen und Offenbarungen hatten und denen scheinbar das Leben nichts anhaben kann. Die gesund, tatkräftig, voller Energie sind. Denen der Mund übergeht und die Menschen fesseln können mit Worten. Ja, so einer ist Paulus nicht. Er ist auch begeistert. Er kann auch überzeugend reden, aber er ist schwach. Mittlerweile krank. Auch davon spricht er im Brief. Was er genau hat, das ist nicht klar, aber es muss ihn sehr einschränken und auch zeichnen. Er ist verwundbar.

Deshalb ist dieser Brief so besonders. Paulus erzählt, dass ja auch er Erscheinungen und Offenbarungen hatte, aber macht ihn das würdiger? Und was nützt das den Menschen in der Gemeinde? Brauchen sie einen tollen Hecht oder einen Gemeindeleiter, der ehrlich über seine Beziehung zu Gott spricht. Wo das Leben nicht nur Glanz und Gloria ist und Gott sich gerade darin in besonderer Weise offenbart?

Darüber schreibt Paulus. So wird dieser Kampfbrief zu einer Reflexion. Paulus reflektiert seine Beziehung zu Gott. Was macht meine Beziehung aus? Woher nehme ich die Kraft für meine Leben? Wie gehe ich mit Hindernissen und Einschränkungen um?

Paulus wendet in dem Brief sein Inneres nach außen. Er redet über sich, wenn er von diesen Erscheinungen Gottes spricht und sagt zugleich: Ich will das gar nicht bewerten. So war es und es ist Gottes Sache, was es bedeuten soll. Paulus glaubt ja in seinen Erscheinungen so etwas wie den Himmel gesehen zu haben, aber wie das einzuordnen ist, das meint er, das ist doch allein Gottes Sache.  Wichtig ist doch, dass dieser Gott sich im Leben immer wieder zeigt. Egal wie. Bei Paulus, so Paulus, zeigt sich Gott vor allem darin, dass Paulus stark ist, obwohl er von Krankheit gezeichnet ist. Das ist Gottes Wirken.

Alles klingt nach Verteidigung, aber letztendlich sagt er den Menschen: Bei mir bekommt ihr keine geschönte Fassade, sondern einen, der mit Gott in Beziehung ist. Mit ihm ringt. In Schwachheit, Misshandlung, Nöten, Verfolgung und Bedrängnis. Und immer ist da Gott, der mir beisteht und hilft, der mich stark macht.

So ist auch der letzte Satz des heutigen Predigttextes, der nach einer so allgemeinen Wahrheit klingt, aber es ja absolut ist nicht, ein Satz der nur gesagt werden kann, wenn man selbst mit Gott so eine Erfahrung gemacht hat:

„Denn, wenn ich schwach bin, so bin ich stark.“

Sagt Paulus. Und damit macht er den Menschen in Korinth noch etwas bewusst: Ihr braucht eine eigene Beziehung zu Gott. Euch nutzt kein Gemeindeleiter, der sich seiner Beziehung zu Gott rühmt, aber ihr selbst bleibt außen vor. Wie sieht eure Beziehung aus? Seid ehrlich und schaut, wer Gott für euch ist in eurem Leben.

Und wenn ich das so höre, dann sind das keine Worte, die nur Menschen betreffen, die vor 2000 Jahren gelebt haben. Dann sind das Worte, die auch mich nachdenklich machen. Wie steht es um meine Beziehung zu Gott? Bin ich in Beziehung? Im Gespräch? Haben wir eine Liebesbeziehung? Gibt es ein Vertrauensverhältnis? Wie sieht das aus zwischen uns?

Denn von Paulus habe ich heute gehört: Darauf kommt es an, dass ich in Beziehung gehe, denn dann kann es noch so schwierig sein im Leben, aber ich bin nicht allein. Das macht stark.

 

Amen