Platz 1 für die Liebe

Wenn das mal so einfach wäre! Platz 1 für die Liebe! Mit dem ersten Advent starten wir neu ins Kirchenjahr und der Countdown beginnt, der auf Weihnachten hinführt: Das Fest der Liebe, weil Gott zu uns kommt. Gut, dass wir uns heute warmlaufen. Impulsgerberin ist Nicole Marten.

Wochenspruch   – Sach 9, 9a

Psalmgebet – Ps 24

Predigttext  – Röm 13, 8-12

Ein Dank an die Deutsche Bibelgesellschaft für die Nutzung der Textrechte.

 

Das Interview mit Lea Blattner, das im heutigen Impuls angesprochen wird, findet ihr hier: Hoffnungsmensch

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Neulich habe ich ein Interview gehört mit Lea Blattner. Die Schweizer Politikerin wurde während ihrer Kindheit und Jugend vergewaltigt, und sie erzählte davon. Und davon, dass sie den Tätern vergeben hat. Sie sagt: „Das, was mir passiert ist, bin nicht ich. Aber es hat mich, mein Leben, meinen Glauben stark geprägt.“ Sie will sich nicht auf den sexuellen Missbrauch reduzieren lassen. Lea Blattner ist bekennende Christin. Als sie später feststellte, dass sie sich zu Frauen hingezogen fühlt und nicht zu Männern, hat sie eine Therapie gemacht. Dort wurde ihr unter anderem erzählt, der sexuelle Missbrauch habe sie homosexuell werden lassen. Das hat sie nochmal sehr verletzt. Ich vermute sogar, erneut traumatisiert. Mich hat sehr beeindruckt, dass Lea Blattner so ganz ohne Bitterkeit über dieses doppelte Unrecht spricht. Über die Verletzungen, über den mühsamen Weg heraus. Heraus aus der Angst, dem Ärger, der Wut, dem Hass, dem Groll. Sie ist wirklich frei davon. Das finde ich stark. In dem Gespräch merkt man Lea Blattner an, dass ihr der Weg zur Vergebung nicht leicht gefallen ist. Sie plaudert nicht einfach locker-flockig drauf los nach dem Motto: „Ja, das war schwer, aber jetzt ist alles vergeben und vergessen. Jetzt ist alles gut!“ Nein. Ganz im Gegenteil. Manchmal entsteht bei ihren Antworten auf die Fragen des Journalisten erst einmal eine Pause. Sie spricht langsam, bedächtig. Und an einer Stelle kann sie nicht weiterreden, weil ihre Gefühle plötzlich so stark sind, sie überwältigen. Es war kein einfacher Weg. Immer und immer wieder hat sie sich gesagt, dass sie den Tätern und den so genannten Therapeuten vergeben will. Immer und immer wieder hat sie sich dazu entschlossen und gebetet. Bis eines Tages die ganze Wut, der Groll, die Bitterkeit wie weggeblasen waren.

Für mich ist diese Geschichte unglaublich ermutigend. Sie zeigt mir, dass Vergebung auch dann möglich werden kann, wenn man die schlimmsten Dinge erlebt hat. Das ist ein echtes Wunder. Lea Blattner hat vergeben. Und wie sie sagt, vor allem für sich selbst. Damit sie nicht länger mit dem Groll, dem Ärger, dem Hass herumlaufen muss. Sie wollte frei sein von dem, was sie verletzt hat. Das ist ein wichtiger Aspekt. Dem anderen vergeben aus Liebe zu sich selbst. Unabhängig davon, ob der andere sich jemals entschuldigen kann und wird.

Als sie ein Leben begann mit Jesus Christus in ihrem Herzen, da hat sie Gottes Liebe kennen gelernt. Und Schritt für Schritt auch gelernt, dass sie nicht nur von Gott geliebt ist, sondern sich auch selbst lieben kann und darf. Dass sie tatsächlich mehr ist als das, was ihr passierte: Eine liebenswerte Frau, die viele Begabungen hat, die humorvoll ist, und geliebt – so, wie sie eben ist. Sie hat Halt gefunden bei ihrer Familie. Und sie hat gute Freunde gefunden, die mit ihr auf dem Weg sind. Die Liebe, die sie von Gott erfahren hat und von den Menschen: Diese Liebe hat sie stark gemacht, ihren Peinigern zu vergeben – und denen, die sie falsch beraten haben. Die ihr Leid nicht anerkennen wollten und es stattdessen besser wussten als sie selbst. Sie wurde frei davon, weil sie Liebe erfahren hat. Und so konnte sie sich von denen lösen, die sie so verletzt hatten – und ihnen vergeben.

Lea Blattner hat gelernt, darüber zu sprechen. Und ich bin ihr sehr dankbar dafür, dass sie das so offen tut. Für mich ist ihr Leben ein Beispiel dafür, wie wichtig die Liebe ist. Auch die Liebe zu uns selbst. Im Bibeltext für heute heißt es: „Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst!“ Der Römerbrief zitiert hier einen Satz, den Jesus selbst gesagt hat. Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst. Das heißt für mich: Ich kann andere gar nicht lieben, wenn ich mich selbst nicht ausstehen kann. Mit mir selbst gut umzugehen, mich selbst zu lieben: Das ist die Voraussetzung dafür, dass ich die Liebe auch an andere weitergeben kann. Erst, als Lea Blattner angefangen hat, sich selbst zu lieben, ihr eigenes Leben zu schätzen: Erst da hat sie gelernt, dass sie mehr ist als das, was ihr geschehen ist. Und erst dann konnte sie vergeben. Es ist wohl wirklich zu viel verlangt, die Täter auch noch zu lieben. Entscheidend ist aber: Erst Lea Blattners Liebe zu sich selbst hat die Vergebung möglich gemacht.

Der Bibeltext für heute fordert uns auf, uns und andere zu lieben. Er ist bewusst gewählt für den Ersten Advent. Advent, das bedeutet Ankunft, Erwartung. Ja, was eigentlich? Wenn ich Kinder beobachte, dann ist ganz klar, worauf sie im Advent warten: Weihnachten natürlich. Das Fest, an dem Christinnen und Christen feiern, dass Gott als Mensch auf diese Welt kam. Dass er geboren wurde in einem Stall, um uns zu lieben und zu helfen. Gott selbst macht den Anfang zu einem besseren Miteinander. Gott selbst möchte, dass es hell wird in meinem Leben. Er liebt mich, so wie ich bin. Er ist immer für mich da. Und er hilft mir, Wege zu finden, mich selbst zu lieben. Er hilft mir, auch die Menschen um mich herum zu lieben. Der Bibelvers, der uns durch die kommende Woche begleitet, lautet: „Siehe dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer.“ Wenn ein König kommt, dann wird er meist auch ganz besonders empfangen. Der König, den wir erwarten, ist Gott selbst. Ihn zu empfangen, heißt für mich – gerade im Advent: die Finsternis, also die Lieblosigkeit, bewusst ablegen. Und die Waffen des Lichts, also die Liebe, bewusst anlegen, sie anziehen. Wie einen Mantel. Einfach hineinschlüpfen. So will ich Weihnachten erwarten. In dem Wissen, dass Gott kommt und die Liebe mitbringt. Dass er mir hilft, diese Liebe zu mir selbst zu finden. Und seine Liebe an andere weiterzugeben. Weil Gott zu uns auf die Erde kommt, kann ich mir vergeben – und den anderen. Weil Gott zu uns auf die Erde kommt, kann ich loslassen, was mir schadet: Groll, Wut und Bitterkeit. Weil Gott in die Welt kommt, kann ich mich trennen von allem, was mir schadet. Und heute kann ich damit beginnen. Amen.