Prio-Liste gecheckt?

Listen! Listen schreiben, um nichts zu vergessen, was erledigt werden muss. Oben steht, was super wichtig ist. Klar! Doch, was ist super wichtig? Was ist für mich wichtig? Was kommt für mich zuerst?

Heute mit einem Impuls von Pastor Wilfried Röcker vom Bildungswerk der Evangelisch-methodistischen Kirche.

Wochenspruch – 1. Petr 5, 7

Psalmgebet – Ps 127

Predigttext – Mt 6, 25-34

Ein Dank an die Deutsche Bibelgesellschaft für die Nutzung der Textrechte.

 

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18 Minuten. Viel länger dauerte sie wohl nicht. Die Rede, die Jesus gehalten hat. Oben auf einem Berg. Im Grünen. Ein kleiner Berggottesdienst.

Viele Menschen wollen Jesus hören. Sie ist die erste der insgesamt fünf großen Reden Jesu, nach denen sich das Matthäusevangelium gliedert und ja, sie hat etwas von einer Predigt bei einem Gottesdienst im Grünen. Und am Ende der Bergpredigt liest man: „Die Volksmenge war von seiner Lehre tief beeindruckt. Denn an seiner Lehre erkannten sie, dass Gott ihm die Vollmacht dazu gegeben hatte – ganz anders als bei den Schriftgelehrten“.

Bis heute beeindrucken mich die einzelnen Abschnitte der Bergpredigt. Sie bringen mich ins Grübeln: Warum ist Jesus so radikal? Lässt sich das wirklich in meinen Alltag übertragen? Oder verfolgt Jesus diese Zuspitzung nur, damit ich es auch wirklich begreife, wie anders ein Leben als Christ sein sollte?

Der Abschnitt, den wir gerade gehört haben,  konfrontiert uns mit der Frage: Worum man sich sorgen soll. Um sich selbst oder um Gottes Reich und seine Gerechtigkeit? Beides ist nach Jesu Ansicht nicht möglich. Das wäre als wenn jemand versuchen würde, zwei Herren gleichzeitig zu dienen. „Ihr könnt nicht gleichzeitig Gott und dem Geld dienen!“ stellt Jesus fest.

 

„Aber Jesus, mein lieber Freund, so geht das vielleicht bei Dir, aber doch nicht bei mir“, denke ich mir. „Du hast vielleicht erlebt, von anderen versorgt zu werden. Du bist mit Deinem Jüngerkreis unterwegs und irgendwie hat sich immer jemand darum gekümmert, dass es auch etwas zu essen gab. Doch jetzt stell Dir mal vor, alle würden so leben. Wer würde dann das Samenkorn aussähen? Wer würde ernten und dreschen, Mehl mahlen und Brot daraus backen? Wie sonst sollen alle satt werden? Es braucht Leute, die sich um die Lebensmittelversorgung kümmern. Es gehört zum Alltag eines jeden Menschen dazu, dass er sich um sein Leben sorgt. Dein Bild mit den Vögeln und den Lilien passt vielleicht in die sommerliche Stimmung eines Gottesdienstes im Grünen und vielleicht in deine Lebensweise als umherwandernder Prediger, aber nicht in einen ganz normalen Alltag. Stell dir vor, niemand würde mehr arbeiten. Unser ganzes gesellschaftliches Leben, auch die Errungenschaft unseres Sozialsystems würde in sich zusammenbrechen, wenn da nicht viele Leute jeden Morgen Aufstehen und ihrer Arbeit nach gehen würden. Seit der Sesshaftwerdung der Menschheit ist das so. Ohne Vorsorge kein Überleben. Und eine soziale Marktwirtschaft scheint die beste Lösung zu sein, um doch beiden Herren dienen zu können.“

 

Was würde Jesus mir wohl entgegnen? Er war ja nicht naiv. Mein Einwand müsste ihm doch auch bewusst gewesen sein. Warum also spitzt Jesus so zu, dass ich das Gefühl habe, dass das im normalen Alltag nicht umsetzbar ist? Mehr noch, dass es mich sogar ein bisschen wütend macht, mich empfindlich trifft?

Weil Jesus vielleicht genau das möchte: Mich treffen. Dass ich die Problematik erkenne. Ungeschönt. Nicht verschwurbelt. Sondern gerade raus. Wenn ich ehrlich zu mir bin, dann muss ich mich fragen: Wie sehr ziehen die normalen Alltagsfragen alle Aufmerksamkeit auf sich? Im Kopf scheint es keinen Platz mehr für die grundlegende Fragen des Lebens zu geben. „Schaffe, schaffe Häusle baue“ – dieses schwäbische Lebensmotto hat sich nicht nur in Württemberg durchgesetzt. Weltweit hat es sich zugespitzt. Die Fragen nach Statussicherung und Gewinnmaximierung sind absolut dominant. Der Börsenbericht gleicht einem Wetterbericht, ohne den man bei den Nachrichten nicht mehr auskommt. Ohne diese provokant-naive Zuspitzung würde ich über den Sinn anderer Lebensprinzipien doch gar nicht nachdenken. Die Frage, was ist wirklich wichtig, stellt sich dann bestenfalls in den Umbruchphasen meines Lebens. Wenn es mal wirklich darauf ankommt. Also beim Schritt in die Erwachsenenwelt und dann nochmal zwanzig Jahre später zur Midlifecrisis. Oder wenn es wirklich einen tiefen Einschnitt gibt, weil ich körperlich abbaue; weil eine Krankheit neue Herausforderungen mit sich bringt; weil ich den Job verliere oder meine Ehe vor einer Zerreißprobe steht. Wenn ich gezwungen bin mein Leben zu überdenken.
Das ist Jesus eindeutig zu wenig. „Mach dir Gedanken!“, fordert er mich heute auf:
„Welche Prinzipien dein Leben leiten, das sollte dich vor allem beschäftigen.“ Das will mir Jesus hier deutlich machen: „Streb vor allem nach Gottes Reich und nach seiner Gerechtigkeit.“ Daran orientiert sich nach Jesu Ansicht alles andere im Leben.

Ist das so in meinem Leben? Geht es zuerst um Gottes Reich und um seine Gerechtigkeit?
Ich muss da ein großes Fragezeichen setzen. Vielleicht überrascht Sie das. Wenigstens ein Pastor müsste doch dieses Lebensmotto teilen. Doch wenn ich ehrlich bin, stelle ich fest, dass ich im kirchlichen Alltag sehr oft mit mir selbst und dem Gelingen meiner Arbeit beschäftigt bin. Für die Fragen, was passt zu Gottes Reich und was ist im Sinne Gottes gerecht, bleibt viel zu selten Zeit.

„Wenn sich in Deinem Leben alles um das Kleinklein dreht und um Fragen, die Du sowieso nicht lösen kannst, dann ist in Deiner Prio-Liste eindeutig was verrutscht“, meint Jesus.
„Wer von euch kann dadurch, dass er sich Sorgen macht, sein Leben nur um eine Stunde verlängern?“ Was für eine entlarvende Frage! Natürlich: das Drehen um sich selbst, hat noch niemanden weitergebracht. Es ist Zeit, dass wir uns das eingestehen und unser Handeln relativieren.
„Dein Reich komme, Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden.“ Mit dieser Bitte beginnt das Vaterunser und dieser Bitte nachgeordnet folgt die Bitte: „Unser tägliches Brot gib uns heute.“
Halten Sie sich auch an dieses Ranking, wenn Sie so beten? Ich schon und doch verrutscht das so oft in meinem Alltag.

„Aber jetzt polarisierst Du ja nicht weniger als Jesus! Hilft das wirklich, um das Leben zu ändern?“
Diese Stimme meldet sich bei mir. Und auch bei Jesus scheint es so, als bräuchte seine Zuspitzung am Ende doch noch eine Relativierung in die andere Richtung: „Macht euch also keine Sorgen um den kommenden Tag – der wird schon für sich selber sorgen. Es reicht, dass jeder Tag seine eigenen Schwierigkeiten hat.“ Natürlich gibt es im Alltag viel zu klären und zu regeln. Und natürlich ist nicht alles lauter Sonnenschein, wenn ich nur ausdauernd dafür bete, dass Gottes Wille geschehe. Jeder Tag hat seine Schwierigkeiten, die bewältigt werden müssen. Natürlich ist das so. Aber gerade deshalb ist es ja wichtig, dass ich mich in der Alltagsbewältigung nicht verliere. Die Fragen nach Gerechtigkeit und nach Gottes Reich sollen die entscheidenden Orientierungspunkte im Leben bleiben.

 

Wie kann das gelingen?
In gewisser Weise muss ich lernen, die Sorge um das alltägliche Leben loszulassen. Es geht nicht ohne jene Gelassenheit, dass sich Lösungen finden und sich alles irgendwie fügen wird. Für dieses Vertrauen wirbt Jesus, wenn er von den Vögeln im Himmeln und den Lilien auf dem Felde spricht. Er wird sich um euch kümmern. Noch viel mehr als um die Vögel im Himmel und die Lilien auf dem Feld. „Ihr habt zu wenig Vertrauen!“, meint Jesus.

„Ja, Jesus, ich habe zu wenig Vertrauen. Ich möchte das Leben lieber im Griff haben. Unsicherheiten sind für mich nur schwer zu ertragen. Gelassen zu denken, dass sich etwas schon fügen wird, fällt mir schwer. Aber ich wünsche es mir. Tief in mir, gibt es die Sehnsucht, nach diesem anderen Prinzip zu leben. Ich wünsche mir, dass die Fragen nach Gottes Reich und nach seiner Gerechtigkeit mein Leben entscheidend prägen.“
„Wirklich?“
„Ja! Danke für Deine Bergpredigt, Jesus. Sie hat mich mal wieder wachgerüttelt.“
„Dann bleib dran!“, höre ich Jesus noch rufen.

Vielleicht gelingt mir das besser, wenn ich mir gerade sonntags immer mal wieder vorstelle, wie mich Jesus beiseite nimmt, mich auf einen Berg führt, weg vom Alltag, wo ich mein Leben mit Abstand betrachten kann und mit Ruhe. Um mich dann wieder neu auszurichten.

 

Amen