Foro: radio m, Anja Kieser

Sag einfach DU

So der Titel unseres heutigen Kinofilms. Okay, nicht wirklich. Es gibt nur was zum Hören, aber Kopfkino ist es schon, was Pastor Wilfried Röcker heute abspielt. Sag einfach Du – los geht’s.

Wochenspruch  – Mt 11, 28

Psalmgebet – Ps 36, 6-10

Predigttext   – Mt 11, 25-30

Ein Dank an die Deutsche Bibelgesellschaft für die Nutzung der Textrechte.

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Wie war das nochmal? Gar nicht so leicht, bei diesem Bibelabschnitt aus dem Matthäusevangelium mitzukommen. Der Anfang hinterlässt bei mir viele Rätsel. Dabei geht es doch ums Erkennen und Offenbar werden. Merkwürdig. Ich habe den Abschnitt mehrmals durchgelesen und gemerkt, dass man da Satz für Satz, ja sogar Wort für Wort durcharbeiten muss. Beim Nachdenken, wie man darüber predigen kann, hab ich mir irgendwann überlegt, wie wohl ein Filmemacher, diese Szene in einem Jesusfilm umsetzen würde.

Jesusfilme sind ja super unterschiedlich. Auch wenn sie dieselbe Geschichte als Grundlage haben, so zeichnet jeder Film doch sein eigenes Jesusbild. Doch nicht nur Regisseure wie Dallas Jenkins, der Regisseur der Serie „The Chosen“ nutzen eine gewisse darstellerische Freiheit und zeichnen ihr ganz eigenes Bild von Jesus. Schon die Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes sind im Grunde Regisseure, die den Stoff, den sie über Jesus gesammelt haben auf ihre Weise zusammenstellen und damit mit einem eigenen Blick auf das Leben Jesu schauen.

Unser Abschnitt, den der Regisseur Matthäus so zusammengestellt hat, beginnt mit einer Nahaufnahme. Ganz dicht wird es. Und wir werden Ohrenzeugen eines Gebets. Näher kommt man an Jesus nicht ran, als dass man ihn beten hört.

„Vater“ betet er. Wie beim Gebet, das er seine Jünger lehrt: „Unser Vater“.
Abba sollt ihr beten. Und der Vater ist nicht weniger als „der Herr über den Himmel und die Erde.“ „Vater, ich preise Dich! Du hast das alles den einfachen Leuten offenbart.“

„Was alles?“ Möchte ich Jesus unterbrechen: „Alles über Gott? Alles über uns? Alles über Dich?“ Doch da betet Jesus in dieser Szene schon weiter: „Alles hat mir mein Vater übergeben.“ Okay, denke ich: „Alles“ wird wohl eine Sache sein oder ein Auftrag, den Jesus übertragen bekommen hat. Aber damit wird das Geheimnis nicht kleiner, sondern eher größer. Und das ändert sich auch nicht im dritten Teil seines Gebets: „Niemand kennt den Sohn, nur der Vater. Und niemand kennt den Vater, nur der Sohn – und die Menschen, denen der Sohn den Vater zeigen will.“

Mitten in dieser Nahaufnahme des betenden Jesus verstehe ich: Ich werde hier Ohrenzeuge einer Erkenntnis, die zunächst bei Jesus selbst beginnt. Mit der Anrede „Vater“ entsteht natürlich auch „der Sohn“. Und mit diesem ganz persönlichen Gebetsruf entsteht auch eine innigliche Beziehung, die ihn verschmelzen lässt mit dem Vater. Matthäus nimmt uns hinein in die Erkenntnis Jesu, dass er ja derjenige ist, den der Vater beauftragt und sendet. Dass er ja derjenige ist, der verantwortlich ist, dass die Menschen „das Alles“ verstehen. In den Szenen die Matthäus zuvor zusammengestellt hat, hat Jesus enttäuscht feststellen müssen, über die Wunder, die er tat, haben die Menschen den Vater nicht erkannt und auch den Sohn nicht. Gotteserkenntnis hat auch nichts mit Weisheit und Verstand zu tun. Gotteserkenntnis entsteht dort, wo das DU auftaucht. Dort, wo „Vater“ gebetet wird. Dort werden ganz einfache Leute Gott erkennen. Gotteserkenntnis ist Beziehungssache.

Wenn ich Regisseur wäre, ich glaube, ich würde diese Szene ganz langsam drehen. Mit Pausen mit viel Mimik ohne Schnitte. Mit einem Licht, das immer heller wird und dann einem Wechsel von der Nahaufnahme in die Totale in das „das Alles“.

Wen oder was sieht Jesus da?
Menschen, die sich abmühen und die belastet sind.
Jünger, die Hunger haben.
Einen Mann, der eine verkrüppelte Hand hat.
Das sind die nächsten Szenen, die Matthäus zusammenstellt.

Mit all denen will Jesus in Beziehung treten. „Kommt her!“ ruft Jesus. Glaube ist Beziehung. Glaube entsteht, wo aus einem fernen Gott, wo aus Religion das „Du“ entsteht. Wo im gängigen Dialekt gebetet wird: „Abba“

Luther, der keine so leichte Vaterbeziehung hatte, übersetzt das aramäische „Abba“ mit „lieber Vater“ – mehr geht für Luther nicht. Zu seinem leiblichen Vater gab es dieses „Du, lieber Vater“ nicht. Da gab es den „Herrn Vater“ ohne Du. Eher „Er“ oder gar „Ihr“.

Glaube, wie Jesus ihn selbst begreift, befreit aus solcher Distanz und aus allen religiösen Zwängen. Das ist eher das Belastende: der religiöse Zwang; das Beobachtet werden. Das „es richtig machen müssen mit dem Glauben“. Wir haben es in unserer Zeit vielleicht geschafft, uns als Gesellschaft aus solchen religiösen Zwängen zu befreien – was man alles machen muss, um in den Himmel zu kommen oder wenigstens nicht von den anderen, die wissen, wie es richtig geht, verurteilt zu werden. Aber dafür gibt es jede Menge neue Zwänge. Ratgeber. „Zehn Schritte um erfolgreich zu sein.“ Wenn Du mir folgst und das Programm mitmachst, das ich Dir auf meinem Instakanal vorstelle, dann wird Dein Leben gut und glücklich. Dann wirst Du reich und schön. Jung und dynamisch.

Religion mag heutzutage nicht mehr so belastend sein – aber der Leistungsdruck ist nicht weniger geworden.

„Kommt her, die ihr euch abmüht und belastet seid“, ruft Jesus in dieser nächsten Szene in die Totale hinaus: „Lernt von mir. Ich meine es gut mit euch und sehe auf niemanden herab.“ Glaube ist Beziehung auf Augenhöhe. Jesus begegnet mir auf meiner Ebene. Er ist da mitten in meinem kleinen Alltag. Kennt meine Nöte. Weiß, wonach ich mich sehne und macht vor, wie es geht. Mit Liebe. „Lebe in dieser Beziehung!“, sagt Jesus: „Glauben beginnt mit dem Du und Glauben lebt dieses Du, Glauben wird in der Liebe praktisch.“ Das ist die „Last“, die Jesus uns aufträgt. „Und eigentlich“, sagt Jesus: „ist es keine Last.“ Eigentlich ist es eine Haltung. Ein Lebensstil. Prinzipien, die uns im Handeln anleiten.

Wenn ich Regisseur wäre, würde ich nun die Kamera auf einzelne Leute halten. Wie verhalten sie sich zu dieser Gotteserkenntnis und dieser Einladung? Haben das jetzt die „einfachen Leute“ tatsächlich begriffen? Darauf müsste die Kamera mit ihren nächsten Szenen Antworten erzählen. Und das macht Matthäus auch. Jesus lässt seine hungrigen Jünger Getreide sammeln und er heilt einen Mann. Andere sagen zwar: „Aber es ist doch Sabbat“. Jesus antwortet: „Es geht um das, was die Menschen jetzt brauchen – so what?“

Doch hilft es mir wirklich, anderen zuzusehen, wie sie Befreiung erleben? Wichtiger ist doch, dass ich einen Kameraschwenk in mein eigenes Leben mache. Was sind meine Bedürfnisse? Was drückt? Wo plagt mich mein Leben? An welchen Pflichten könnte ich verzweifeln? Und was würde Jesus sagen, wenn ich ihm die Liste, die ich zusammengeschrieben habe, überreiche?

Vielleicht: „Mit was plagst Du Dich denn rum? Komm! Lebe Beziehung. Lebe in der Liebe. Handle nach meinen Maßstäben. Du wirst frei werden und vor allem: Du wirst Ruhe finden für Deine Seele.“

Und da höre ich ihn, diesen „Heilandsruf“, der mir gilt. Und ich spüre meine Sehnsucht, nach Ruhe. Ruhe für meine Seele.