Foto: radio m, Anja Kieser

Queue up the line! Please!

Es geht um Schlangen! Aber keine Panik. Einfach nur anstellen und den kleinen gottesdienst hören.

Wochenspruch  – Röm 8, 14

Psalmgebet – Ps 89, 2-5.27-30

Predigttext   – Mt 3, 13-17

Ein Dank an die Deutsche Bibelgesellschaft für die Nutzung der Textrechte.

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Schlange stehen? Kann ich nicht. Mag ich nicht. Mache ich nicht. Das ist meine Haltung. Tja. Gott sei Dank bin ich in Westdeutschland der 70er Jahre geboren und musste es auch nicht. Ich kenne es nicht vor Ladengschäften Schlange zu stehen, um Lebensmittel zu bekommen. Einkäufe an langen Wochenenden erledige ich zeitig, damit ich erst gar nicht in die Gefahr komme, anstehen zu müssen. Grundsätzlich: Ist der Parkplatz voll vorm Supermarkt, fahre ich gleich weiter – es ist ja noch genug im Vorratsschrank; Schlange stehen für Konzertkarten, weil es einen Run darauf gibt? Ich verzichte gerne auf das Konzert. Ich bin als Teenager und junge Frau vor keiner Disco angestanden. Bin lieber erst gar nicht hin. Vor Museen anstehen? Ich hole mir im Internet die Karte und bezahle etwas mehr, um an der Schlange vorbeizukommen.

Dieses „ich kann nicht in der Schlange stehen“, das ist bei mir so ein Ding zwischen: Ich habe nicht die Geduld. Ich finde es unnötig, weil mir die Dinge dann nicht so wichtig sind. Es sind mir zu viele Menschen. Und ich fühle mich dabei wie ein Bittsteller. Unangenehm.

Naja und wenn ich mir da selbst zuhöre, dann erschrecke ich ein wenig vor mir selbst, denn Millionen Menschen MÜSSEN täglich Schlange stehen. Sie haben keine Wahl. Sie brauchen frisches Wasser. Sie sind auf die Nahrung des Hilfstransports angewiesen. Sie brauchen diesen Schlafplatz. Und selbst in meiner Stadt, da stehen die Menschen Schlange, weil sie den Stempel zur Arbeitserlaubnis brauchen oder zur Aufenthaltsgenehmigung. Es gab in der jüngsten Vergangenheit Zeiten, da haben die Menschen nachts ihre Klappstühle vor der Ausländerbehörde aufgeschlagen, damit sie am nächsten Tag die Chance hatten dran zu kommen. Ich bin unheimlich privilegiert, um all das nicht zu müssen oder vermeiden zu können.

Schlange stehen, das bedeutet Bedürfnisse zu haben, die unbedingt befriedigt werden müssen. Bei Nahrung, Wasser und Dach überm Kopf, unvermeidbar. Es kann zeigen, dass ich Hilfe brauche, in Not bin. Ich stehe in der Schlange vor der Schuldnerberatung, vor dem Jobcenter. Vor der Tafel, weil ich mir Supermarktpreise nicht leisten kann. Ich stehe beim Arzt und Therapeuten Schlange oder auf der Liste für den nächsten freiwerdenden Platz, wenn ein anderer abspringt. Ich reihe mich in die Reihe derer ein, die nachts heimlich weinen, weil mich Sorgen drücken. In die Schlange der Trauernden, weil ich einen Menschen verloren habe oder immer noch auf der Suche nach dem einen Menschen bin mit dem ich mein Leben teilen möchte. Ich stehe in der Reihe derer, die die Prüfung nicht geschafft haben, den Auftritt verpatzt, die Haltung verloren haben. In der Reihe der Verletzten. Seelisch und körperlich. Ich stehe in der Reihe derer, die Schuld auf sich geladen haben, weil sie Menschen übergangen haben, verletzt, belogen oder betrogen haben. In der Reihe der Machtmissbraucher oder Egoisten. Der Selbstverletzer, weil ich mich und mein Leben nicht spüre, sondern nur funktioniere. Es gibt unzählige Reihen, in denen ich stehe und warte, dass etwas passiert.

Und ich möchte da nicht stehen. Wer möchte das schon?!

Gott. Gott möchte das. Er wählt es. Er stellt sich bewusst in all diese Reihen. Mogelt und drängelt sich nicht vorbei, sondern reiht sich ein. Davon haben wir gerade im Matthäusevangelium gehört. Wir haben gehört, wie Jesus Johannes bittet, ihn zu taufen. Und zwar genau so, wie Johannes es mit allen anderen macht, die hier in der Reihe stehen. Jesus will keine Sonderbehandlung. Die Verse der Bibel, die vor dem Text stehen, den wir gehört haben, erzählen davon wie Johannes die Menschen zur Umkehr ruft, wie er sie tauft, wie sie von ihm getauft werden wollen, weil sie festgestellt haben: ich brauche das. Diese Taufe des Johannes – und sie ist nicht die Taufe, die Jesus später durchführt oder wie wir sie heute in den Kirchen verstehen – Johannes Taufe war das sichtbare Zeichen, dass die Menschen beschlossen haben, etwas in ihrem Leben zu verändern oder bewusst gezeigt haben, dass sie Hilfe brauchen, dass sie verstanden haben, dass es nicht ohne Gott geht, weil sie sonst immer wieder an sich oder ihrem Alltag scheitern. Die Gründe waren vielfältig, aber es sollte ein Wendepunkt geben. Das war ihnen gleich. Und dahinein hat sich Jesus gestellt. Nicht an der Schlange vorbei. Nicht gesagt, dass nur die anderen es nötig haben und er nicht. Jesus hat sich eingereiht. Der Gott gewordene Mensch hat sich eingereiht. Das Kind im Stall von Bethlehem ist einer von uns geworden. Einer, der Schlange steht. Der auch ein Bedürfnis hat.

Johannes spürt das, dass Jesus da eigentlich nicht stehen müsste. Er wehrt sich. „Du doch nicht! Du brauchst doch diese Taufe nicht!“, ruft er diesem Jesus zu, der sich nicht abwimmeln lässt. Jesus reiht sich ein. Steht an. Dort wo die Menschen stehen. Schlange stehen. Gemeinsam in der einen Schlange, um für sich zu bekommen, was sie individuell brauchen und jeder steht für sich in seiner unsichtbaren Schlange der Bedürfnisse, die ihn hierhergebracht hat. Es gibt einen Grund fürs Schlange stehen. Jeder hat mehr als einen Grund, ob mir das gefällt oder nicht. Eben auch ich. Ich, die ich aus Scham nicht in einer Schlange stehen will, weil ich vielleicht gescheitert bin, woran auch immer, weil ich Hilfe brauche, weil eben doch nicht alles so perfekt im Leben ist, wie ich es gerne hätte. Auch ich steh in der Schlange und bei Gott, vor Gott. Und da darf ich selbstbewusst stehen. Ich darf mir meines Wertes bewusst sein, trotz Schlange stehen zu müssen – das zeigt mir Jesus hier. In dem er sich einreiht. „Ich bin mir nicht zu schade“, selbst anzustehen und die Taufe des Johannes zu empfangen. Das zeigt Gottes verhalten.

Für mich heißt das dann aber auch: Stärke hat nichts mit einem perfekten Leben zu tun, mit einem tollen Social Media Profil, mit viel Geld und Status, sondern mit dem Mut, anzustehen. Mir bewusst zu machen, dass Perfektsein nicht der Maßstab ist, sondern das Unperfekte anzuerkennen und zu handeln, dort wo ich Bedarf habe. Wo ich Gott brauche in meinem Leben, damit ich heil werde. Nicht perfekt. Es heißt auch: Den Mut haben mit anderen anzustehen, so wie Jesus es getan hat. Mich mit anderen einzureihen, um sie stark zu machen. Um ihnen zu zeigen, dass sie nicht allein sein mit ihren Brüchen im Leben, mit ihren Wunden, mit ihrem Scheitern. Denn genau das lebt uns Gott in Jesus hier vor.

Und für die Kirchen hat das auch eine Folge: Es geht nicht um glänzende Gemeindefotos, um perfekte Familiengeschichten und astreines Glaubensleben. Es geht nicht um Kirche. Es geht um die Menschen. Darum sie zu unterstützen, wenn sie Schlange stehen müssen, wenn sie leiden, wenn sie Hilfe brauchen, wenn sie Bedürfnisse haben, die lebensnotwendig sind. Jesus nachfolgen, Gott ins Leben lassen, das heißt genau das. Denn als Jesus von Johannes getauft wurde, da tat sich der Himmel auf. Gott hatte Gefallen an dem Menschen Jesus, der sich eingereiht hat und der sich heute noch einreiht, um neben mir und mit mir Schlange zu stehen. Schaffen wir Räume, in den Menschen ohne Scham Schlange stehen können, begleiten wir sie. Gott begegnet uns Menschen in der Schlange, in ihrem Scheitern, in ihrer Überforderung, genau dort, wo sie gerade stehen. Deshalb gilt auch dir und mir: Schäme dich nicht Schlange zu stehen. Dort findest du Gott. Er steht direkt neben dir. Amen.