Foto: radio m, erstellt mit Canva

Wir teilen alles!

Gütergemeinschaft. Für alle. Weil die, die viel haben alles in einen Topf geben und so verteilt werden kann dahin, wo Not ist. Ein Gedanke, wahrscheinlich so alt wie die Menschheit. Und auch heute Thema bei uns.

Wochenspruch  – Lk 10, 16a

Psalmgebet – Ps 34, 2-11

Predigttext   – Apg 4, 32-37

Ein Dank an die Deutsche Bibelgesellschaft für die Nutzung der Textrechte.

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Die ersten Verse, die wir gerade aus der Apostelgeschichte gehört haben – sie sind wie eine Präambel, ein Vorwort. Alles was kommt, setzt die beschriebene Situation voraus.

32Die ganze Gemeinde war ein Herz und eine Seele.

Keiner betrachtete etwas von seinem Besitz

als sein persönliches Eigentum.

Vielmehr gehörte alles, was sie hatten,

ihnen allen gemeinsam.

Gütergemeinschaft. Ich stelle mir das so vor, wie es heute noch in klösterlichen Gemeinschaften der Fall ist. Kein privates Eigentum. Was ich mitbringe und habe, gehört der Gemeinschaft.

Und dann schilidert der Text in knappen drei Schritten, wie ich mir alles vorstellen kann, in dieser Gemeinschaft.

Es ist erstens eine Gemeinschaft, die geprägt ist von dem Erlebnis der Auferstehung. Sie sind erfüllt von dem, was geschehen ist. Sie erkennen Gottes Gegenwart und Geist in Jesus Christus. Und das lässt sie eine „große Gnade“ erfahren. Ich verstehe Gnade hier so: Sie haben einen inneren Halt gefunden, der sie ruhig, besonnen und mutig macht. Sie spüren die Kraft Gottes in ihrem Leben, können so Vertrauen zu diesem Gott fassen. Ihre Wege und ihr Tun sind gesegnet.

Und das führt zu zweitens: Keiner muss Not leiden. Denn wem Grundstücke und Häuser gehörten, der brachte ein, was er hatte. Und dann wurde zugeteilt, so wie der Bedarf war. Gütergemeinschaft. Die Apostel, die Vorsteher der Gemeinde verantworteten das.

Drittens wird es dann konkret. Es wird von Barnabas erzählt. Er brachte seinen Acker ein. So geht das also.

Wo sich der Acker befindet wird nicht erzählt, aber dass er Levit ist, dass er aus Zypern stammt, aber das Wesentliche scheint zu sein, dass dieser Josef, genannt Barnabas, das wohl freiwillig machte. Es schien ihm ein Bedürfnis zu sein. Er wollte es so.

Und ich? Du? Gehen wir hin. Verkaufen was wir haben und geben es der Gemeinde? Der Kirche?

Es sind wenige Verse, die heute den Predigttext ausmachen. Aber sie sind intensiv. Sie erzählen von einer ganz konkreten Situation, die so perfekt ist, so wünschenswert, als sei sie eine Utopie. Keiner hat Not, weil die Gemeinschaft voller Vertrauen alles zusammenträgt was sie hat und sie so teilen können. Eine Wunschvorstellung scheint Wirklichkeit zu sein. Eine Utopie ist gelebte Realität. Wie ist das möglich? Politische soziale Programme konnten das bisher nicht schaffen. Auch keine Sozialethik ist in der Lage das umzusetzen. Realistisch zu leben. Es braucht etwas anderes. Bzw. etwas anderes muss dazukommen. Etwas, das die Menschen motiviert; das sie Unterschiede sehen lässt und den Wunsch, diese zu beheben; das sie vertrauensvoll handeln lässt; das sie großzügig werden lässt; das sie sich nicht über andere erheben lässt; das Frieden stiftet und sie befähigt diese Utopie leben zu wollen. Es ist die Kraft des Heiligen Geistes, die das schafft. In allen. „Sie waren ein Herz und eine Seele“, beschreibt es der Text. Jeder für sich und zusammen verbunden im Heiligen Geist. Diese Verbundenheit im Geist Gottes befähigt sie zum freiwilligen Teilen. Lässt sie die Bedürftigkeit der anderen sehen und zeigt ihnen den Weg damit umzugehen. Barnabas Handeln ist eine Folge der Erfüllung durch den Heiligen Geist. Es ist die Kraft zu erkennen, wie Gott sich Gemeinschaft vorstellt. Es ist ein öffnen der Augen für die Not anderer und für die eigenen Mittel, die zur Verfügung stehen. Es ist die Kraft sich selbst nicht wichtiger zu nehmen, als den anderen. Und wenn viele, hier eine ganze Gemeinde, diese Kraft und Gegenwart Gottes spürt, dann ist es möglich anders zu leben. So zu leben, dass keiner Not leidet. Teilen ist hier kein soziales Programm, keine ausgehandelte Politik, sondern eine innere Haltung, die aus der Kraft des Heiligen Geistes kommt.

Deshalb heute dieses Thema – am 1. Sonntag nach Trinitatis. Am Sonntag nach dem Pfingstfest. Dem Fest des Heiligen Geistes, der nicht nur jeden einzelnen erfüllt, sondern darüber hinaus Gemeinschaft stiftet. Eine Gemeinschaft, die utopisch gut ist.

Denn: War, was wir da gerade gehört haben, von Erfolg gekrönt?

Tja, ehrlicherweise: Nein. Nein, das Handeln war nicht von Erfolg gekrönt. Gleich im nächsten und im übernächsten Kapitel der Apostelgeschichte kann das nachgelesen werden. Es gab Täuschungen über den Verkaufspreis, es wurde gelogen, Witwen wurden beim Teilen übersehen. Und auch der hier erwähnte Barnabas ist nicht auf der Sonnenseite des Lebens und Glaubens weitergesegelt. Er wird in der Bibel noch mehrfach erwähnt. Mit Paulus reist er als Missionar nach Zypern und Kleinasien (Apg 13), später noch nach Jerusalem (Apg 15), doch dann trennen sich ihre Wege im Streit.

In jedem Fall gibt es noch ein paar Ungereimtheiten und es ist nicht alles so wie beschrieben.

Und nun? War’s das? Vergessen wir den Text und die Utopie der besseren Gesellschaft?

Nein, niemals! Das ist die Aufforderung des Textes. Des heutigen Sonntags. Eifere, jage diesem Bild nach. Glaube an diese Vision der bessern Gesellschaft, der heilen Welt.

Es ist doch auch das, was unserer Politik heute in weiten Teilen fehlt. Was der Regierung und wohl allen voran dem Kanzler fehlt: Ein Bild aufzuzeigen, wie Deutschland, Europa, die Welt aussehen könnte. Nur wer eine Vorstellung von dem hat, wie es einmal sein kann, der wird auch Wege finden, dieses Bild entstehen zu lassen. Ja, vielleicht kommt am Ende nicht ganz das raus, was vor dem inneren Auge schon entstanden ist, aber vielleicht ist schon mehr Realität geworden, als es ohne diese Vorstellung je möglich gewesen wäre. Wenn ich mir keine Zukunft vorstelle, in der Menschen gleiche Rechte haben, wo Güter gleichmäßig verteilt werden, Ressourcen geschont und erneuerbare Energien unseren Energiebedarf decken, dann werden die Schritte in diese Richtung auch nicht gemacht. Dann wird alles handeln zögerlich sein. Dann wird das Menschen nicht mitnehmen, auf einen Weg der Veränderung. Es braucht Utopien, Visionen – Bilder, die davon erzählen, wie es auch sein könnte.

Und dieser Text heute schafft nicht nur diese Vision, dieses Bild. Dieser Text verweist auf den zentralen Kern. Nicht Sozialethik wird ausreichen, um diese bessere Gesellschaft zu schaffen. Es braucht mehr: eine geistliche Haltung. Eine Ethik, die durch Gottes Geist lebendig wird, weil sie nicht nur Kopfsache ist, sondern Herzensangelegenheit. Denn nur dann, wenn – wie im heutigen Text ganz am Anfang steht – „Herz und Seele eins sind“, dann hat diese Ethik überhaupt nur eine Chance. Dann wird erst die Bereitschaft zum Verzicht möglich sein, zum Zurückstecken, zum Händereichen, zum Teilen. Wenn Gott mir aufs Herz legt, zu teilen, dann werde ich voll Vertrauen teilen können. Wenn Gott mir meinen Nächsten zeigt, der Hilfe braucht, dann werde ich auch den Mut haben zu helfen. Gottes Wirken in mir, geht dem Handeln voraus. Darauf weist der Text hin.

Ja, und obwohl Gottes Geist die Gemeinde damals erfüllt hat und obwohl sie bereit waren zu teilen, hat es dann doch nicht komplett geklappt. Aber es hat ein bisschen geklappt. Und ich behaupte ein bisschen mehr, wie ohne Gottes Geist, der ihnen die Vision einer besseren Welt aufs herz gelegt hat. Gottes Nähe zu spüren, erfüllt zu sein von der Freude, dass Gott ihnen in Jesus nahegekommen ist, das hat dazu geführt, dass sie teilen konnten ohne Furcht vor Mangel. Ihr Teilen war eine natürliche Reaktion auf Gottes Liebe, die sie umgab.

Der heutige Text will Mut machen Gott, um seinen Beistand, seinen Geist für uns, für unsere Gemeinde, für die Gesellschaft zu bitten. Als Quelle, die Teilen ermöglicht. Ohne Angst vor Verlust. Im Vertrauen, dass Gott Gnade schenkt. Die frühe Gemeinde zeigt, was möglich ist. Wohin die Reise gehen kann, mit Umwegen und Rückschlägen. Weil wir Menschen sind. Fehler machen. Manchmal den Mut verlieren. Dennoch: Immer wieder neu auf Gott ausrichten. Um seinen Beistand bitten. Dann geht es weiter. Die Gütergemeinschaft, die vollkommene bessere Gemeinde, eine Gesellschaft in der keiner Not leidet, das ist nicht Ziel, sondern eine Vision, die Ausdruck der Gemeinschaft mit Gott ist. Erst kommt sich von Gott, seiner Liebe, anstecken lassen und dann mit diesem Geist Bilder, Visionen entstehen zu lassen. Der Predigttext zeigt nicht die ideale Gesellschaft, sondern eine, die mit Gott in Gemeinschaft ist. Dann ist mehr möglich, selbst wenn nicht alles perfekt ist. Das darf uns auch Trost sein, um nach einem Scheitern auch wieder aufzustehen, neu nach Gott fragen und weiterzugehen zu können. Amen