Im Blick

Kinderlos. Traurig. Verzweifelt. Leihmutterschaft. Was für eine Idee? Eine Idee mit Folgen. Davon hören wir heute. Und davon, dass Gott sich nicht schmollend zurückzieht, sondern auch dann da ist, wenn die Wege krumm verlaufen. Gerade dann!

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Was für eine Geschichte… Abram und Sara versuchen mit einer Leihmutterschaft die Verheißung Gottes zu erfüllen. Was ja auch erstmal klappt. Die Leihmutter wird schwanger. Aber es klappt halt irgendwie auch nicht, denn das Verhältnis von Hagar und Sara ist damit nachhaltig gestört, wenn nicht sogar zerstört. Was man sich ja irgendwie aus unserer heutigen Sicht auch vorstellen kann. Die eine wird schwanger, die andere nicht. Es liegt eben an Sara, dass sie nicht schwanger wird. Die Schuldfrage für die ungewollte Kinderlosigkeit wird damit Sara angelastet. Und Abram, der Vater entzieht sich seiner Verantwortung. Er überlässt es Sara. Er überlässt Hagar sogar Sara. „Mach mit ihr, was du für richtig hältst.“ Nachkommen zeugen kann er zwar, aber sonst …?

Mich ärgert diese Geschichte. Und Hagar tut mir leid. Und Sara irgendwie auch. Es ist alles so verständlich und logisch. Fast unabweisbar. Dass Hagar, das schwächste Glied in dieser Geschichte, am Ende kapituliert, die Flucht ergreift und, dem Tode nahe, in der Wüste auf ihr Ende wartet.

Ein Engel des Herrn findet Hagar. Und die Geschichte nimmt eine neue Wendung. Hagar erhält ihre Würde zurück, wird Mutter eines großen Volkes, wird im Grunde eine Theologin, denn sie gibt Gott einen Namen und kann von da an aufrecht durchs Leben gehen.

Wie genau die Geschichte ausgeht, wissen wir zwar nicht, aber Hagar gilt als die Mutter der Araber, im Grunde die Mutter der Muslime. Ihr Grab wird in der Nähe der Kaaba in Mekka verehrt.

Man könnte diese Geschichte als Geschichte zweier Stiefbrüder verstehen. Isaak und Ismael. Die Juden und die Muslime gehen auf den gleichen Vater Abraham zurück, der mit zwei Frauen zwei Kinder hat. Mit allen Freuden und Problemen, die Patchworkfamilien und Stiefbrüder oft so miteinander haben. Und es beschleicht einen das Gefühl, dass hier im Kleinen beginnt, was heute noch im Großen stattfindet: das Ringen um Anerkennung, die erlebte und erlittene Ungleichbehandlung, Rivalität. Die Rivalität der Mütter und die Unfähigkeit aller, mit der Komplexität der Situation umzugehen, führt zu Streit, Konflikten und ewigem Unfrieden. Und wir sehen in dieser Geschichte, dass große Konflikte zwischen Völkern ganz klein beginnen. Und wir können erahnen, dass auch Frieden, der im Kleinen beginnt, sich unter Umständen sogar zu Frieden im Großen auswirken könnte. Was ja wirklich eine gute Sache wäre …

Es fängt oft im Kleinen an: unter Geschwistern oder Stiefgeschwistern, unter Nachbarn, und Schulkameraden, in der Clique. Und endet bei Präsidenten, ganzen Völkern und Nationen.

Ich will heute meinen Blick auf den anderen Schwerpunkt in dieser Geschichte richten: Dass Gott seine Engel in diese Welt schickt und sie in unserer Welt unterwegs sein lässt, damit die gefunden und gesehen werden können, die niemand sieht. Die untergehen. Und dass Gott der ist, der den Ungesehenen Würde und Achtung bringt.

Da heißt es so lapidar in der BasisBibel, dass ein Engel des Herrn unterwegs war und Hagar fand… Ein Engel des Herrn, der diejenigen findet und sieht, die untergehen, verzweifeln, am Ende sind, dem Tode nahe. Die man in der normalen Welt übersieht, über die man im wahrsten Sinn des Wortes hinwegsieht. Man schaut oben drüber. Die Nase ist so weit oben, dass man manche Menschen nicht mehr sieht. Weil sie unten sind: arm, verzweifelt, auf der Flucht, alt, eingeschränkt.

Engel des Herrn übersehen nicht. Sie haben den Blick am Boden der Tatsachen.

So wie ich das verstehe und sehe, sollen Christinnen und Christen in dieser Welt als Engel Gottes unterwegs sein. Dass sie diejenigen sehen, die von der sogenannten Welt übersehen werden. Der Interessen und Bedürfnisse niemand wahrnehmen will. Die uns ärgern, weil sie unsere Zeit und Energie brauchen. Weil sie sich nicht um sich selbst kümmern können.

Wenn Du, wenn Sie sich Christin und Christ nennen, dann steckt in dieser Engelgeschichte eine Art Verpflichtung. Mindestens mal eine Aufforderung zur Achtsamkeit. Zu einer besonderen Aufmerksamkeit: Wo soll ich einen Menschen sehen, der leicht übersehen wird. Ist es die Nachbarin in unserer Straße? Man sieht sie kaum. Zurückgezogen wie sie lebt. Unscheinbar. Oder die alt gewordenen. In einem Heim am Rand der Stadt. Oder die Geflüchteten in einer Containersiedlung am Rand der Stadt. Oder der Bettler, die Bettlerin, über die ich meist tatsächlich hinwegsehe. Es macht einen großen Unterschied, schon mal hinzusehen, sich Aug in Aug wenigstens zu grüßen, einen „guten Tag“ zu wünschen.

Mein zweiter Blick in dieser Geschichte gilt demjenigen, der solchen Menschen Würde, Ehre und Achtung zurückgibt. Gott, der Schöpfer des Alls stößt niemand in den Dreck. Gott verachtet keinen Menschen. Gott sieht jedes Menschen Not und Angst. Er sieht natürlich auch die Anderen: die Stolzen, Gesunden, Reichen, Kräftigen. Aber die kommen ja alleine zurecht. Seine Aufmerksamkeit gilt den anderen. Und er verleiht ihnen Würde, Ehre und Achtung. „Gott sieht“.

Übrigens durch die ganze Bibel hindurch. Die Blinden werden sehend. Jesus sieht Zachäus. Und er sieht die Sünderinnen und Sünder. Und isst mit ihnen. Für die Menschen damals das größte Zeichen gegenseitiger Achtung: Am selben Tisch sitzen. Aus der gleichen Schüssel essen, das gleiche Brot brechen, aus demselben Kelch trinken.

Daran hat sich übrigens bis heute nichts geändert, dass das den Menschen tatsächlich Ehre, Achtung und Würde gibt. Gemeinsam an einem Tisch. Dasselbe Brot, dasselbe Wasser, denselben Wein.

Wo auch immer Sie gerade unterwegs sind im Leben, bei Gott sind sie willkommen. An seinem Tisch. Mit allen anderen. Sie sind gesehen. Und die anderen auch. Alle dürfen Platz nehmen. Und alle feiern gemeinsam.

Was für ein Traum! Was für eine Hoffnung! Aber darum geht’s.

Gott segne uns dazu. Amen!