Verliebt in Gott?

Mitten in der Fasten- und Vorbereitungszeit auf Weihnachten begegnet uns ein Text aus dem Hohelied – was soll das? Passt da nicht besser das Psalmwort mit seinem Ruf nach Trost!?

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Es ist schön, verliebt zu sein. Dieses Kribbeln. Die Freude, den anderen endlich wiederzusehen. Da kann alles um einen herum fürchterlich trist und grau sein, und doch ist das Leben bunt und schön. Ich finde den Text einfach wunderschön, den wir gerade gehört haben und ich finde es noch schöner, dass er wirklich Eingang in die Texte der Bibel gefunden hat. Er ist poetisch, er spielt mit den Bildern und lässt mich spüren, wie sehr sich da zwei Menschen aufeinander freuen. Da spüre ich das Kribbeln ja schon fast selbst nur vom Zuhören.

Dieser so ganz andere Text aus der Bibel soll nach den Vorschlägen für das Kirchenjahr, heute am 2. Advent Grundlage für die Predigt sein. Na, dann…

Mit dem Advent, der Zeit vor Weihnachten, verbinden wir Erwartungen: Es geht um Vorfreude und eine Hoffnung, die bald geboren wird. Um Gott, der seinen Menschen nahe sein möchte. Von einer guten Nachricht ist die Rede, sie soll Menschen befreien. Gott soll sich zeigen und befreien aus Angst und Not, Zwängen und Gefängnissen. Alles ziemlich große Worte und schwere Themen. Wie schön, dass unser Text dagegen so viel Leichtigkeit versprüht. So viel Schönheit an den Tag legt. Und mit keiner Silbe von den Grausamkeiten dieser Welt spricht.

Will uns dieser Text verklären? Darüber hinwegtäuschen, dass es da draußen eben doch ziemlich unfriedlich ist? Die Heile-Welt-Nummer ist im Advent sehr beliebt.

Mir sagt dieser Text aber etwas ganz anderes:

Verlieb dich im Advent in Gott!

Gerne auch wieder ganz neu, wenn du schon einmal verliebt warst und vergessen hast, wie es gewesen ist. Das geht und Menschen mit langjährigen Beziehungserfahrungen bestätigen das.

Verlieb dich in deinen Gott. Lass die Liebe wachsen im Advent. Damit aus Verliebtsein Liebe wird. Denn das ist doch das Ziel jeglichen Verliebtseins.

Vom Verliebtsein zur Liebe.

Von der Begeisterung zur tiefen Zuneigung.

Von der Schönheit zur vollen gegenseitigen Annahme.

Der Text der Verliebten; das ungeduldige Ausschau-halten nach dem anderen; die unruhige Vorfreude; die Vorstellungen über die baldige Begegnung, die sich förmlich im Kopf überschlagen; das alles sagt mir: Verlieb dich!

Und das passt in den Advent. Zu der Vorfreude, dass mit Gott in dem Kind eine Hoffnung in diese Welt hineingeboren wird, die befreit. Ganz und gar.

Und das passt auch zur Liebe. Von der Liebe zu einem anderen Menschen erhoffe ich mir, dass wir gemeinsam stärker sind als alleine, mutiger und kraftvoller als alleine. Dass jemand da ist, der mir den Rücken stärkt und manchmal auch freihält. Mit mir unterwegs ist, gerade dann, wenn es schwierig wird. Mir reinen Wein einschenkt, auch wenn die Wahrheit wehtut, ich aber dennoch nicht an der Liebe des anderen zu mir zweifeln muss.

Diese Hoffnungen verbinde ich mit der Liebe und sie sind für mich das Ziel des Verliebtseins.

Gott möchte, dass ich mich im Advent in ihn verliebe, neu verliebe, damit eine Liebe zwischen ihm und mir wachsen kann, die genau so ist, wie Liebe sein soll: stark, mutig, kraftvoll, verbindlich, ehrlich. Sie soll einen frei machen und nicht einengen. Sie soll auf Vertrauen setzen und nicht auf Misstrauen.

Verliebtsein heißt auch, den anderen immer besser kennenzulernen, also auch mich zu öffnen und auf Neues einzulassen.

Gott begegnen, so lerne ich ihn kennen. Erfahrungen machen mit ihm. In der Bibel gibt es viele Geschichten, in denen Menschen Gott begegnet sind. Und dann machen sie ihre Erfahrungen mit ihm. Diese Geschichten sollen mir nicht nur Mut machen, wenn ich sie höre, sie sollen mir auch zeigen, wie ich in Liebe mit Gott zusammen sein kann. Ein paar Beispiele, wie sich die befreiende Liebe Gottes zeigt:

Es beginnt schon ganz am Anfang in der Schöpfungsgeschichte. Da hören wir von einem Gott, der paradiesische Verhältnisse für seine Menschen schafft. Er erschafft sie aber nicht als Marionetten, die genau das tun, was er will, sondern er gibt ihnen einen freien Willen. Sie können sich für ihn oder gegen ihn entscheiden.

Gottes Liebe setzt auf Freiwilligkeit, nicht auf Zwang.

Oder die Geschichte von Noah. Gott ist an einen Punkt gekommen, an dem er feststellt: So kann es mit seinen Menschen nicht weitergehen. Er will noch einmal von vorne beginnen. Noah soll es möglich machen. Welch eine Verantwortung, welch ein Wagnis! Wie viel Mut das kostet? Aber Noah glaubt fest, dass Gott ihn jetzt nicht allein lässt und vertraut ihm, weil Gott ihm versprochen hat, dass er es schaffen wird.

Gottes Liebe gibt den anderen nicht auf, sondern Mut macht, Neues zu wagen.

Und dann die vielen Geschichten rund um Mose. Wie er, der Israelit, unter den Ägyptern aufwächst, zu einem Anführer der Israeliten wird, die in ägyptischer Gefangenschaft leben. Und wie er mit Gottes Hilfe sein Volk aus der Gefangenschaft führt.

Gottes Liebe führt in die Freiheit.

Gott begegnet uns durch Jesus in vielen Geschichten des neuen Testaments. Wir erfahren, wie bedingungslos er liebt. Wie wenig Gott Motive hinterfragt, aber darauf setzt, dass der andere sich ändern will. Die Vergangenheit ist Vergangenheit. Oder wie Gott heilt. Den Körper, aber vor allem die Seele. Da kommt Jesus zu einem Mann, der jahrelang krank ist und ans Bett gefesselt. Jesus heilt ihn und sagt ihm zugleich: „Steh auf, nimm dein Bett und geh!“ Jesus heilt und verändert das Leben dadurch grundlegend. Er sagt mir aber auch, dass es an mir ist, was ich daraus mache. Steh auf!

Gottes Liebe ist echt. Sie mutet mir auch etwas zu und bleibt mit der Wahrheit nicht hinterm Berg.

Gott zeigt sich und er will mir mit seiner Liebe begegnen. Damit ich durch diese Liebe eine Hoffnung habe, die mich stark macht. Stark genug, um all das zu ertragen, was in diesem Leben nicht in Ordnung ist. Seine Liebe verklärt nicht, sondern will mich befreien zu einem zutiefst hoffnungsvollen und mutigen Menschen. Sie ist so, wie Liebe sein sollte.

Der Advent sagt mir heute: Verlieb dich neu in Gott, damit eine Liebe wachsen kann, die diese Hoffnung in dein Leben bringt.

Amen