Foto: radio m, Anja Kieser

Dranbleiben!

Ist das Ansporn? Druck? Was heißt es dranzubleiben? Vielleicht ist das einfacher als gedacht und gewinnbringender als gedacht.

Wochenspruch  – 2. Kor 5, 17

Psalmgebet – Ps 66, 1-9

Predigttext   – Joh 15, 1-8

Ein Dank an die Deutsche Bibelgesellschaft für die Nutzung der Textrechte.

1 Kommentar
Kommentare
  1. Daniela
    Daniela aus Freudenstadt sagte:

    Was für eine wunderschöne Botschaft, wie reich wir dich gesegnet sind, dass wir mit all unseren

    Antworten

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Perfekt! Schön, wenn alles perfekt ist. Nicht? Ich hab’s ganz gerne perfekt und verzweifle gerne mal, wenn es nicht ganz so perfekt läuft: wenn der Tag doch irgendwie zu wenig Stunden für alle meine Vorhaben hat; wenn ich noch schnell die Wäsche aufhängen muss, dann aber die Bahn verpasse; wenn der Text zum Druck abgegeben werden muss und ich hinterher dann doch noch Fehler entdecke… Und dann sitze ich am Abend auf dem Sofa, bin erledigt vom Tag und denke mir: „Eigentlich müsstest du jetzt aber noch vorkochen, denn morgen wird es zeitlich nicht reichen.“ Was für ein Mist!

Ich bin gut, aber nicht perfekt organisiert. Ich bin bei Weitem nicht perfekt, in all dem, was ich mache. Ich müsste dringend ein paar Pfunde loswerden und mehr Sport machen. Ich sollte mir unbedingt mehr Gelassenheit zu legen, wenn ich Dinge eh nicht ändern kann. Und ich schaffe es einfach nicht mir jeden Tag 30 Minuten für eine stille Zeit zu nehmen. Zeit, in der mich mal so ganz auf Gott einlassen könnte. Immer geht das nur so nebenher. Einfach nicht so, wie ich mir das vorstelle. Auch das ist nicht perfekt.

Und bei all dem nützt es mir herzlich wenig, wenn dann einer sagt: „Du musst doch auch gar nicht perfekt sein! Verlangt doch keiner.“

Ja, verlangt keiner. Aber es gibt unzählige Erwartungen und vor allem Erwartungen, die ich selber an mich habe.

Tja, und an all das muss ich denken, wenn ich diese Worte von Jesus höre. Vom Weinstock und seinen Reben. Redet Jesus etwa auch davon, dass ich perfekt sein muss? Sonst ist nichts mit den Früchten, dann wird auch noch verbrannt, was nichts ist?

Nein – überhaupt nicht. Im Gegenteil. Diese Geschichte sagt nicht: „Reiß dich zusammen! Sei endlich perfekt!“ Sondern: „Bleib einfach da. Bei mir.“ Nicht mehr und nicht weniger. Bleib! Ist das nicht klasse? Das klingt gut. Das klingt nach Entlastung und nicht nach weiterer Belastung, Nach noch mehr Druck. Nein, Jesus will mit dieser Geschichte den Druck rausnehmen und zeigt einen Weg auf, wenn ich das Gefühl habe nicht zu genügen. Anderen nicht und mir nicht. Bleib bei mir!

 

In der Kommunikation, da gibt es ein vier Ohren Modell von Friedemann Schulz von Thun. Das besagt, dass jede Nachricht vier Botschaften gleichzeitig enthält: Sachinhalt, Selbstkundgabe, Beziehung und Appell. Ich kann also den gleichen Satz vier Mal anders verstehen. Je nachdem mit welchem Ohr ich höre.

Auf der Sachebene höre ich die Fakten:

Da ist ein Weinstock und da sind Reben. Es ist logisch, dass die Reben kaputt gehen, wenn sie vom Weinstock getrennt werden. Sie bekommen dann keine Nahrung mehr. Und was abfällt und abgestorben ist, wird verbrannt.

Mit dem Ohr der Selbstkundgabe kann das ganz anders sein, was ich höre: Hier spielen meine Werte, meine Gefühle rein. Ja, ich fühle mich wie eine abgestorbene Rebe. Ich schaffe nicht, was ich tun sollte. Kein Wunder, dass mein Leben so schwierig ist….

Mit dem Beziehungsohr höre ich die Worte vielleicht so: Jesus ist ganz schön verzweifelt. Die Menschen kapieren nicht, dass er ihnen helfen will. Ich muss ihn dringend darin unterstützen.

Und das Appellohr? Das sagt mir natürlich: Los jetzt! Sei eine gute Christin.

 

Was höre ich also? Ich versuche es mal so zu sagen, was ich höre bzw. was ich nicht höre:

Jesus sagt nicht: „Streng dich mehr an!“

Jesus sagt nicht: „Wenn du nur genug betest, schaffst du das schon.“

Jesus sagt nicht: „Perfektion ist das Ziel.“

 

Jesus sagt: „Bleib bei mir.“ Das ist kein Aufruf zur Selbstoptimierung. Das ist eine Einladung. Eine Einladung in der Beziehung zu ihm zu bleiben. Wie bei einem Weinstock: Die Rebe muss nicht perfekt sein, sie muss nur verbunden bleiben. Dann fließt der Saft von allein. Dann wächst die Frucht. Nicht durch Stress, sondern weil sie einfach an der Quelle ihrer Nahrung angeschlossen bleibt. Das hat alles nichts mit Tun, Leistung, mit Machen oder sich anstrengen zu tun, es ist ein in Verbindung bleiben, weil ich bekomme, was ich zum Leben brauche. Das ist Entlastung. Befreiung.

 

Das bringt mich zu der Frage: Wann bleibe ich bei jemandem?

Bleiben. Nicht bleiben und in Gedanken schon weg sein. Nicht bleiben und sich fortwünschen. Sondern bleiben, weil ich weiß: Diese Beziehung tut mir gut.

 

Im griechischen Wort, was wir mit Bleiben übersetzen, steckt: verharren, wohnen drin. Es geht um kontinuierliche Verbundenheit.

Vielleicht wie bei einem Kind, das die Hand der Mutter oder des Vaters hält.

Nicht aus Pflicht, sondern weil es sich sicher anfühlt.

Vielleicht wie bei einem Freund, der einfach da ist.

Freundschaft lebt von Zeit, nicht von Leistung.

 

Ich bleibe, weil ich spüre es ist gut. In dieser Beziehung entsteht etwas. Verbundenheit trägt Früchte. Das wird jeder, der eine gute Partnerschaft oder Freundschaft lebt, bestätigen. Da wächst was: Vertrauen, Zuneigung, Halt, Respekt, Anteilnahme, Hilfsbereitschaft… so vieles mehr. Gute Beziehungen fördern die Gesundheit und tragen sich gegenseitig in Krankheit und Not.

Die Früchte, die ich in einer Beziehung mit Jesus ernten kann, sind dem gleich. In der Bibel werden sie auch immer mal wieder aufgezählt: da wächst Liebe, Freude, Geduld, Frieden.

 

Das ist keine Selbstverbesserungs-Agenda. Das sind Früchte des Lebens, die aus der Verbindung mit Jesus kommen. Wie bei einem Baum: Die Frucht wächst nicht, weil der Ast sich anstrengt, sondern weil er Nährstoffe aus dem Stamm bekommt.

Eine Klippe gibt es aber noch in unserem Impulstext. Was machen wir mit dem Feuer? Was sagt dir dein Ohr? Wie hörst du das? Lass es uns hören mit dem Ohr der Freundschaft. Denn Jesus erzählt diese Geschichte seinen Freundinnen und Freunden.

Jesus sagt nicht: „Ich schneide dich ab, damit du verdorrst und dann verbrenne ich dich!“

Jesus spricht keine Strafe aus. Er bleibt im Bild.

Er spricht davon, was passiert, wenn die Lebensader durchtrennt wird. Wenn die Nahrung ausbleibt. Die Kraft fehlt, weil ich die Kraft nicht allein aus mir selbst schöpfen kann. Diese Quelle ist endlich. Mit Jesus als Lebensquelle habe ich eine dauerhafte Quelle. Bleib doch! Sagt er mir. Bleib bei mir.

Jesus wirft niemanden weg und schon gar nicht ins Feuer. „Kommt her zu mir, alle, die ihr müde seid!“, sagt er stattdessen an einer anderen Stelle. (Mt 11,28) Jesus ist da. Bleibt für mich da. Bleibe ich? Komme ich zurück um zu bleiben?

Ich muss nicht alles allein schaffen. Auch glauben nicht. Dafür gibt es Menschen, die mit mir glauben, für mich glauben in manchen Zeiten. Jesus braucht keine perfekten Menschen. Er sehnt sich nach Beziehung zu den Menschen. Bleib doch. Alles andere wird wachsen.

Es wird dennoch ein manches Mal so sein, dass ich an meine unperfekten Seiten stoße und mich darüber ärgere. Und vielleicht gilt auch da: dranbleiben. An dem was ich kann oder auch ändern muss. Dranbleiben am Loslassen, was ich nicht beeinflussen kann. Dranbleiben an mir. Vor allem unter dem Gesichtspunkt: Ich muss nicht perfekt sein. Es reicht, wenn ich bei Jesus bleibe. Daraus werden genug Früchte wachsen, die mich durchs Leben bringen – und darüber hinaus.

Amen