Die Welt da draußen

Die Welt wohnt nicht mehr nur draußen, sondern kommt an den heimischen Esstisch. Smartphones und mit ihnen Socialmedia sind nicht mehr wegzudenken. Da kann man sich schon mal selbstverlieren bei all den Einflüssen. Der Apostel Johannes war zu seiner Zeit ein besonderer Coach, wenn es um das Thema „Selbstfindung“ ging. Passt auch heute noch, finden wir. Und unser Beter  kennt des Pudels Kern: Gott.

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Jahrelang hat es mir nichts ausgemacht. Jahrelang habe ich mich keineswegs abgehängt oder ausgegrenzt gefühlt. Jetzt schon. Ich habe ein Smartphone, habe aber keine Messangerdienste am Laufen, kein WhatsApp, kein Ista, kein Facebook. Nichts. Wer etwas von mir will, muss anrufen, mir eine SMS schreiben oder mailen oder es lassen. Bislang hat mich das null gestört und ich hatte nicht den Eindruck, dass ich etwas verpasse. Ja, ich bin aus vielen Messenger-Gruppen ausgeschlossen, der Schulfreundinnengruppe, der Jungs-Mütter-Klassengruppe, der Eltern-Hockey-Gruppe, der „Wir-feiern-Hans-Rundengeburtstagsgruppe“. Was soll’s? Bis jetzt erreichte mich alles, was wichtig war auch so und ich hatte den Stress mit den vielen Nachrichten und Posts nicht, die ständig auf dem Smartphone ankommen und die irgendwie angeschaut werden wollen.

Nicht einmal als meine Kinder ins Smartphonealter kamen, dachte ich, dass ich da jetzt mitziehen muss. „Willst du nicht wissen, was deine Kinder so auf ihren Kanälen posten? Welche Bilder sie reinstellen“, haben mich manche in meinem Umfeld besorgt gefragt. „Nein, eigentlich nicht“, sagte ich und kam mir wie eine Rabenmutter vor. Ich war der Meinung, dass wir mit unseren Kindern viel über die Risiken des Netzes gesprochen haben, sie ihre Eltern nicht unbedingt in ihre Smartphonewelt einladen müssen und es außerdem genug Menschen um uns herum gibt, die mir bestimmt sagen würden, wenn auf den Kanälen der Kinder etwas schief läuft.

Eigentlich bin ich auch immer noch der Meinung, dass das richtig ist und eigentlich, will ich immer noch nicht socialmediafähig werden. Eigentlich. Denn eigentlich ist es auch ein Selbstschutz. Bei zu vielen Menschen erlebe ich, wie sie keine Mahlzeit mehr einnehmen können, ohne ihr Essen zu posten, ständig zum Handy greifen, um zu schauen, ob nicht der oder die geschrieben hat, das Handy stets in Reichweite liegt, ein manches Mal sogar in die Toilettenschüssel fällt bzw. es kein Foto mehr ohne Filter oder mit dem smartphoneigenen Gesichtsausdruck mehr gibt. Die Welt im Netz hat Macht und greift über das Handy auf den Menschen zu. Mein Socialmedia-Verzicht hat etwas mit Freiheit zu tun, die ich mir bewahren möchte. Eigentlich. Doch seit ein paar Wochen fühle ich mich mehr und mehr abgehängt. Einige Familienmitglieder und Freunde sind ins Ausland gezogen. Kontakt nur noch über Messengerdienste bzw. Fotos und somit Anteilnahme am neuen Leben in der Fremde nur noch über Insta und Tiktok. Immer häufiger frage ich meine Kinder, ob sie in meinem Namen den anderen schreiben oder bitte sie, mir die neuesten Fotos zu zeigen. Es wird wohl Zeit für mich, etwas zu ändern.

Und das alles hat nun auch noch mit dem Predigttext aus dem 1. Johannesbrief zu tun. Ja, wirklich. Da ging es um die Liebe Gottes. Gerne wird zu diesem Text so gepredigt: Gott ist die Liebe und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. Und wer so liebt, der liebt auch seinen Nächsten.

Ich muss bei diesem Text an mein Handy oder besser an mein Smartphone denken. Oder noch genauer: an die Welt da draußen bzw. an die Welt, wie sie über das Smartphone zu mir kommt.

Da höre, lese und sehe ich, wie Menschen sich in Szene setzen. Gefallen wollen. Trends hinterherlaufen oder um jeden preis Trends setzen wollen. Da verbreiten sich Meinungen wie Tatsachen. Da lädt man die ganze Welt zu sich nach Hause ein, zeigt was man hat und wie toll alles ist und vereinsamt dabei. Nein, es ist nicht alles schlecht in der Welt da draußen, aber es ist komplex. Es braucht Halt und Orientierung, um damit gut umgehen zu können, um sich und anderen nicht zu schaden. Um nicht in Zwänge zu verfallen und seine Freiheit zu opfern. Um sich nicht zu verlieren in dieser Welt.

Wer bin ich in dieser Welt und wer möchte ich sein? Das ist die ganz entscheidende Frage.

Dabei geht es nicht um Individualismus in Form von Egoismus, sondern um das Entwickeln meiner Person zu der Person, die ich nach meinen Fähigkeiten und den mir mitgegebenen Gaben und der mir mitgegebenen Natur werden kann und will.

Das Internet, die Sozialenmedien haben das auch erkannt. Es wimmelt an Coaches, die einem zurufen: Entwickle dich! Ich helfe dir dabei.

Ganz ähnlich macht es auch der Apostel Johannes in seinem Brief. Er setzt allerdings auf ein anderes Pferd, als die Coaches im Netz. Die rufen dazu auf, dass ich mich aus mir selbst heraus entwickle. Da bin nur ich in mir. Johannes hingegen verweist auf die Liebe Gottes. Sie will mich Stark machen in meinem Inneren, dass ich mich aus ihr heraus entwickeln kann. Mein innerer Kern ist die Liebe Gottes.

Als der Apostel Johannes seine Zeilen über die Liebe schrieb, da war das um das Jahr 90 nach Christus herum. Zu der Zeit traten Menschen auf, die von einer neuen Erkenntnis über Gott und die Menschen sprachen. Sie wollten diese zweite Generation von Christen und Christinnen verunsichern. Johannes schrieb dieser verunsicherten Leserschaft und verweist sie auf das, was ihnen Halt, Orientierung und die Möglichkeit gibt, sich in einer komplexen Welt nicht selbst zu verlieren, sondern sich ihre Freiheit bewahren: die Liebe Gottes.

Die Liebe Gottes ist der Ursprung allen Seins. Diese universelle, bedingungslose Liebe, die unendliche Vergebung verspricht, wurde in den Menschen Jesus sichtbar hineingelegt und über den Tod hinausgeführt.

Was so phantastisch klingt heißt nichts anderes, als dass jedem Menschen eine unendliche Liebe innewohnt. Sie ist da, ob wir sie spüren oder nicht, weil alles Sein aus der Liebe Gottes geboren ist.

Johannes fordert dazu auf diesem Kern in mir auf die Spur zu kommen, ihn zu entdecken, damit er mich tatsächlich stärken kann. Sogar mehr noch: frei machen kann. Frei von den Ansprüchen anderer Menschen. Frei von gesellschaftlichen Zwängen. Frei von dem, was ich in dieser Welt tatsächlich oder im virtuellen Netz als „normal“, als „in“, als erstrebenswert verkauft bekomme. Frei mich selbst zu entdecken. Was ich mitbekommen habe. Was ich kann. Dass ich wertvoll bin, gleich was andere sagen. Gottes Liebe will mich ganz individuell freisetzen.

Und dann passiert etwas, das Johannes versucht mit der Liebe zu meinen Mitmenschen zu beschreiben. Wenn ich diese große Liebe in mir entdecke und sie mich wirklich frei macht, so dass ich meine ganz eigene Individualität entfalten kann, dann werde ich auch die Individualität der anderen anerkennen, wertschätzen, respektieren und versuchen, ihnen darin zu helfen, dass auch sie sich entfalten können. Wenn ich mich als freier Mensch fühle, dann will ich auch, dass es andere sind. Dieses Freiheitsstreben führt nicht zu Egoismus oder zu einem Individualismus, der schadet, sondern führt zu solidarischer Freiheit[1]. Das Wohl des anderen liegt mir am Herzen. Die gegenseitige Anerkennung führt zu mehr Mitgefühl und Anteilnahme.

Ich und die anderen, das heißt dann, nicht mehr vergleichen müssen, übertrumpfen oder übervorteilen müssen. Nicht mehr schielen, was der andere macht. Sich selbst entdecken können und nicht das Leben der anderen leben müssen. Gottes Liebe will der Kern in mir sein, der mich zum Leben befreit. Zu meinem Wohl und zum Wohl anderer.

Amen

 

[1] Vgl. Politik-Forum Nr. 15/2023 S. 20ff, Text von Martin Hecht.