Foto: radio m, Anja Kieser

Konflikte lösen

Zum Beispiel den, um die gerechte Verteilung der Nahrung. Heute gibt es die Blaupause der Konfliktlösung.

Wochenspruch  –  Mt 25, 40b

Psalmgebet – Ps 112

Predigttext   – Apg 6, 1-7

Ein Dank an die Deutsche Bibelgesellschaft für die Nutzung der Textrechte.

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In dieser Zeit wuchs die Zahl der Jünger stetig… hören wir in der biblischen Lesung.

 

Und damit die Verschiedenheit der Menschen, die Zahl der unterschiedlichen Ansichten, der Lebensweisen, der Prägungen, der Erlebnisse und Vorerfahrungen – auch der religiösen. Es wurden mehr und mehr Christ:innen. Wunderbar! Und herausfordernd – das können wir uns denken.

Hier wird uns heute ein Problem geschildert, das stellvertretend ist für viele Konflikte, die einer Gemeinschaft entstehen können. Wo Menschen zusammenkommen, unterschiedliche Menschen zusammenkommen, da entstehen natürlicherweise Konflikte. Deshalb ist es manchmal so bequem in der eigenen Bubble zu bleiben. Nur mit den Menschen unterwegs zu sein, wo Reibungen möglichst nicht entstehen.

Aber in einem Sportverein, einem Musikverein, in einer Dorfgemeinschaft oder gar mit Blick auf die Gesellschaft eines Landes, da kommen so viele unterschiedliche Menschen zusammen, dass es zwangsläufig Konflikte geben muss. Und eben auch in einer christlichen Gemeinde.

Von daher kann der heutige Bibelabschnitt wie eine Schablone betrachtet werden. Ein Beispiel, an dem geschaut werden kann: Wie können in einer Gemeinschaft unterschiedlicher Menschen konstruktiv Konflikte gelöst werden?

Ausgangspunkt ist ein Konflikt über eine Ungerechtigkeit.

In den Kapiteln der Apostelgeschichte vor dem heutigen Ausschnitt, da erfahren wir, dass die Gemeinde in Jerusalem ihre Güter teilt. Alles gehört allen. Jeder und jede gibt was er hat, so dass auch die versorgt werden können, die wenig haben. Eine wunderbare Vorstellung, die aber nur bedingt funktioniert, weil es eben auch in dieser Gemeinschaft „menschelt“. Die Vision, die Vorstellung, dass das Zusammenleben genau so gut funktioniert, ist ja gut und richtig, aber die Vision dann so zu leben, das hat seine Tücken.

Und so hören wir heute, dass einige Witwen bei der täglichen Speisung übergangen wurden. Die Verteilung erfolgte also nicht korrekt. Dazu handelt es sich um eine Diskriminierung, weil die griechischen Witwen schlechter gestellt wurden, als die hebräisch sprechenden Witwen.

Wie diesen Konflikt lösen?

Was in unserem Bibeltext vorgeschlagen wird, das kann beispielhaft auch für viele andere Konflikte sein, daher lohnt sich ein genauerer Blick.

Der Text eröffnet vier Dimensionen wie hier Verantwortung wahrgenommen werden kann und auch muss. Da geht es um wirtschaftlich verantwortungsvolles Handeln, um sozial verantwortungsvolles Handeln, es geht um die geistliche Dimension und um eine persönliche, also konkret um mein eigenes Verhalten in solchen Konflikten.

Diese vier Dimensionen schauen wir uns genauer an.

 

Zunächst die wirtschaftliche. (1)

Die griechischen Witwen haben weniger bekommen als die anderen in der Gemeinde. Das wird hier klar gesagt und was so selbstverständlich klingt, die Sache beim Namen zu nennen, ist doch oft das Schwierigste. Das Erste und vielleicht sogar Wichtigste ist: Benenne das Problem. Möglichst konkret. Möglichst ohne Auslassungen. Nicht geschönt. Nicht relativiert, sondern klipp und klar. Und wenn das Problem benannt ist, dann benenne die Struktur, die es braucht, um das Problem zu lösen. Dabei geht es nicht um große Ausführungen. Keine Detailbeschreibung, sondern darum zu sagen, was es braucht, um das Problem zu beheben. Im vorliegenden Fall heißt das: a) Die Ressource „Essen“ wurde falsch verteilt. Und es braucht b) eine Struktur, die sicherstellt, dass das nicht mehr passiert.

Nicht mehr und nicht weniger. So kann dieses Beispiel der Witwen übertragen werden auf viele Konflikte und ich kann ganz allgemein fragen: Werden in unserer Gemeinschaft – und das kann jetzt die Gemeinde sein, aber auch jede andere Gemeinschaft bis hin zu der Bevölkerung eines Landes – werden in unserer Gemeinschaft die Ressourcen, wie Geld, Zeit, Aufmerksamkeit, Wasser, Energie… gerecht verteilt? Gibt es „blinde Flecken“, so dass Menschen und Menschengruppen übersehen werden?

 

Für die soziale Dimension heißt das (2):

Welche Gruppe wird ausgeschlossen? Wer wird übersehen? Wie können wir sicherstellen, dass diese Gruppe gesehen wird und Gehör findet?

 

Im biblischen Beispiel waren griechische Witwen benachteiligt. Warum sie? Um das herauszufinden gilt es hinzuhören, ihnen die Möglichkeit zu geben, sich zu erklären. Ihnen zu zeigen, dass sie auch zu dieser Gemeinschaft gehören und deshalb das Recht haben, gehört zu werden.

Interessant ist, was unser Text hier vorschlägt, wie das Problem zu lösen ist. Es sollen Menschen aus der Gemeinschaft gewählt werden, die die Interessen aller in den Blick nehmen. Nicht die Apostel, die Leiter der Gemeinschaft, die geistlichen Führer, sollen das machen, sondern gewählte Vertreter. Von allen gewählte Vertreter. Und wir hören im Text, dass einer der gewählten Vertreter ebenfalls Grieche ist.

Die Frage ist daher an uns: Welche Struktur haben wir, die es möglich macht, alle in den Blick zu nehmen?

 

Spannend ist nun die geistliche Dimension, die hier zur Konfliktlösung hinzukommt. (3)

Warum sind gerade diese sieben Personen gewählt worden? Aufgrund ihrer außergewöhnlichen Fähigkeiten?

Sie wurden gewählt, weil sie „festen Glaubens“ sind, weil sie voll des „Heiligen Geistes“ sind. Die Gewählten werden uns nicht als super Organisationstalente vorgestellt, sondern als Menschen, die einen bestimmten „Spirit“ haben. Eine Geisteshaltung, die von Gott geprägt ist. Das wiederum heißt, dass sie eine Haltung haben, die die Liebe Gottes zu jedem Menschen widerspiegelt. Barmherzigkeit, Gnade, Gerechtigkeit und das alles aus Liebe prägt ihre innerste Haltung.

 

Allgemein übertragen heißt das: Wo wird unsere geistliche Haltung im praktischen Handeln sichtbar? Aus welcher Motivation heraus handeln wir? Was leitet uns? Und wo erleben wir auch, dass der geistliche Antrieb unseres Handels ganz praktische Auswirkungen auf unsere Mitmenschen hat?

 

Ein weiterer Punkt ist, dass der Text hier sehr deutlich macht, dass die Apostel eine bestimmte Aufgabe haben, „die Verkündigung von Gottes Wort“. Um das nicht zu vernachlässigen, denn auch das braucht diese Gemeinschaft, können sie nicht für die Verteilung des Essens sorgen. Auch deshalb braucht es die gewählten, sieben anderen Personen. Sie sind dann für den praktischen Teil zuständig, aber verbunden mit der Haltung, dass das Praktische aus einer geistlichen Haltung heraus erfolgt.

 

Zum Schluss noch viertens (4).

Was heißt das nun ganz persönlich? Für mich? Für dich?

Wo übernehmen ich Verantwortung? Wo übertrage ich vielleicht Verantwortung? Um anderen eine Chance zu geben, Verantwortung zu übernehmen und daran zu wachsen?

Da geht es dann um eigene Grenzen der Verantwortlichkeit, aber auch darum Verantwortung zu übernehmen, wo ich gefragt bin, wo jemand mir diese Verantwortung zutraut.

 

Hier zeigt unser heutiger biblischer Text anschaulich: Konflikte lösen, das ist Teamsache. Ich bin Teil eines Teams und habe hier eine Rolle und eine Verantwortung. Und diese in zweifacher Hinsicht: Verantwortung ganz praktisch zu übernehmen und zu handeln, aber auch sicherzustellen, dass Verantwortung an diejenigen übertragen wird, die den Konflikt verantwortlich lösen können.

 

Ja, und das wirklich schöne an diesem biblischen Text ist die Hoffnung, die in ihm steckt.

Die Lösung des Konflikts, so wie er hier aufgezeigt wird, führt dazu, dass die Gemeinde weiter wächst! Sie zerbricht nicht an diesem Konflikt, sondern wächst! Verantwortungsvolles Handeln ist kein Selbstzweck, er ist der Nährboden für Wachstum, für Gelingendes miteinander, für einen guten Weg, den Gott gemeinsam mit uns gehen will.