Brezelzeit

Heute wird gemurrt und gegrummelt. Mal so richtig gejammert und geklagt. So ist das eben, wenn der Hunger an einem nagt. Hunger haben: Das ist nicht lustig. Brot ist nicht nur Nahrung. Brot verbindet. Mensch und Gott.

Wochenspruch –Eph 2, 19

Psalmgebet – Ps 107, 1-9

Predigttext – 2. Mose 16, 2-3.11-18

Ein Dank an die Deutsche Bibelgesellschaft für die Nutzung der Textrechte.

1 Kommentar
Kommentare
  1. Deiss Gabriele
    Deiss Gabriele aus Filderstadt sagte:

    Vielen Dank für diesen Gottesdienst, der mir Zuversicht und gute Denkanstöße gegeben hat!

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Drei kleine Kinder. Die Mädels brauchen Schuhe. Eine noch eine neue Regenjacke. Der Jüngste muss einfach mit. Niemand zu Hause, der auf ihn aufpassen könnte. So sind wir in der Stadt unterwegs. Mit dem Buggy im Stechschritt durch die Einkaufsstraße. Die Erste fängt an zu nörgeln. Keine meiner Damen will noch Schuhe probieren. Ich selbst habe auch keine Lust mehr. Wie konnte ich auf Idee kommen, mit allen Dreien allein einkaufen zu gehen? Schuhe und Regenjacke gibt es heute nicht mehr, aber ich weiß, wie ich die Stimmung rette, damit wir wenigstens wieder ohne großes Geheule nach Hause kommen: Ich kaufe jedem eine Brezel!

So war das vor gut 15 Jahren, wenn ich mit meinen Kindern unterwegs war. Und ja, eine Brezel, ein Schokoriegel, ein gutes Essen, das hilft auch heute noch über so manchen Kummer hinweg. Nicht nur bei den Kindern. Ja, ich weiß: Essen sollte keine Belohnung sein, das macht die Hüften dick, aber manchmal hilft es eben doch.

An diese Kindergeschichten musste ich denken, als ich den Predigttext gelesen habe. Selbstverständlich hat das Volk Israel wahrlich größere Sorgen, als meine Kinder. Sie sind gerade aus der Sklaverei in Ägypten entlassen worden. Ganz offiziell durften sie nach vielen Jahren der Gefangenschaft, der Not, der Schikane und der Ausbeutung gehen. Doch dann ist dem Pharao und seinen Mächtigen eingefallen, dass das vielleicht doch nicht eine so gute Idee war und sie verfolgten die Israeliten.

Fast wären sie wieder in Gefangenschaft geraten, denn sie liefen in eine Sackgasse. Plötzlich war vor ihnen nur noch das große weite Meer. Aber ihr Anführer Mose, konnte sie Dank Gottes Hilfe hindurchführen. Gerettet. Und jetzt?

Statt großer Freude viel Murren. Viel Gejammer. Rebellion. Denn: Sie haben Hunger. Großen Hunger. Dazu noch Wüste um sie herum. Ja, das sind große Probleme und Nöte.

Und dennoch kann ich aus dieser biblischen Erzählung ein Gejammer heraushören, das ich von den Kindern, aber auch von mir selbst kenne. Immer dann, wenn es tatsächlich nicht gut ist, ich zwar weiß, dass das Schlimmste schon überstanden ist, aber der Berg vor dem ich stehe, mir trotzdem noch zu groß erscheint. Wenn mir die Puste ausgeht. Wenn ich weiß, da ist eigentlich Land in Sicht, aber ich sehe es noch nicht. Jammern. Das ist nicht verwerflich. Manchmal ist es einem zum Jammern. Da fehlt einem was: Kraft, Hoffnung, Perspektive, Hilfe, Anerkennung, Lob, Liebe, tatsächlich Essen oder ein Dach über dem Kopf. Und letztere Dinge können sogar akut lebensbedrohlich sein, da ist Jammern tatsächlich sogar zu wenig. Da kommt Angst dazu. Da ist einem zum Schreien. Da sind Hilfeschreie angebracht.

Hier in der Geschichte hat das Volk Israel Hunger. So sehr, dass in Anbetracht des Hungers die Sklaverei in Ägypten vergessen ist. Auch die Rettung durch das Meer. Der Hunger verklärt die Vergangenheit und verstellt den Blick auf die Zukunft, die Gott ihnen ja durchaus als Paradies in Aussicht stellt – ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Hunger. Ein Sinnbild für all das, was mir missfällt, wie bei meinen Kindern der Einkaufstripp, oder mir zu schaffen macht, wo ich an meine Grenzen komme, Not habe, ein Loch in meinem Leben klafft. Hunger. Hunger nach… Ja, nach was?

Und dann Murren. So übersetzt es Luther. Hier in der Version der BasisBibel ist von Rebellion die Rede.

Und Gott fackelt nicht. Er macht nicht lang rum. Keine Moralpredigt. Kein: „Denkt mal an Ägypten. Das war doch alles noch viel schlimmer.“ Nein, er sagt: „No problem. Ab jetzt gibt es abends Fleisch und morgens Brot.“ Basta.

Brezel in der Hand. Kind glücklich. Es kann weitergehen.

Doch was so kindisch erscheint, das ist keinesfalls kindisch. Das ist menschlich. Mein Hunger muss gestillt werden. Wer schon einmal wirklichen Hunger erlebt hat und das haben Millionen Menschen auf dieser Erde schon, der weiß: Hunger ist furchtbar. Grausam.

Die Geschichte, die hier erzählt wird, ist zugleich eine ganz große Erzählung über Gottes Wesen. Hier bekomme ich einen Einblick wie Gott sich zu den Menschen stellt, zu dem einzelnen, zu dir und mir.

Gott will meine Freiheit. Gegen alle Widerstände und Opfer inbegriffen will er, dass ich ein freier Mensch bin. Doch Freiheit ist nicht leicht zu haben. Das erzählt die Geschichte auch. Gott begleitet seine Menschen auf diesem Weg und wenn es anstrengend wird, dann gibt es eine Pause. Eine Pause zum Durchatmen. Eine Pause gegen den Hunger. Das bringt neue Stärke. Das lässt wieder Hoffnung aufkeimen und macht den Blick wieder frei, um nach vorne zu schauen.

Das Ganze zeigt aber noch mehr. Gott verbindet sich in dieser Geschichte auf ein Neues mit seinem Volk Israel. Das Volk murrt ja gegenüber Mose. Sie denken gar nicht mehr an Gott. Sie machen ihren Unmut gegenüber den Anführern kund, die sie aus Ägypten geführt haben, nicht gegenüber Gott. Gott scheint für sie bei all den Strapazen in die Ferne gerückt oder gar nicht mehr vorahnden zu sein.

In dem das Brot von Gott kommt, werden sie wieder an ihn erinnert. Daran erinnert, dass Gott nicht nur ihre Freiheit will, sondern auch, dass es ihnen nicht am Nötigsten fehlt. In dieser Geschichte verbinden sie sich wieder neu miteinander: Gott und Mensch.

Gott ist einen Bund mit seinen Menschen eingegangen. Ich lasse euch nicht. Sagt er. Und er fragt: Lasst ihr auch nicht von mir?

Letzteres ist ja nicht so leicht, wenn die Not den Blick verstellt oder auch nur der Alltag. Die tägliche Mühle, die tägliche Mühe.

Das Volk isst das Fleisch und das Brot. Nimmt es aus Gottes Hand und verbindet sich neu mit ihm.

Das ist Abendmahl.

Das ist, woran uns das Abendmahl, wenn wir es feiern, immer wieder erinnern will:

Verbinde dich neu mit Gott. Bleib an ihm. Er bleibt an dir. Das hat er versprochen.

Mit Jesus ist dieser Bund sogar nochmal erneuert worden. „Ich bin der neue Bund…“, hat er gesagt, als er mit seinen Freundinnen und Freunden gegessen hat. Wenn wir beieinanderbleiben, miteinander unterwegs sind, dann sind wir zusammen auf dem Weg in ein befreites Leben.

Und was Freisein bedeutet, das kann sehr unterschiedlich sein. Meine Unfreiheiten mit Jesus entdecken und mit seiner Hilfe frei zu werden, dazu ruft er mich auf.

Frei von Ansprüchen, weil sie mir vielleicht nicht gut tun; frei von Zwängen, die ich mir selbst auferleget habe; frei von Menschen, die mir schaden; frei werden, um Neues zu wagen; neue Schritte gehen, den Mut dazu haben, dazu befreit mich Gott. Dazu hat er mich schon befreit. Ich bin frei. Aber um es zu leben, brauche ich seine Hilfe. Die Verbundenheit mit ihm, weil…?

Weil er mir auf dem Weg dahin – von Ägypten hin in das Land, in dem alles möglich ist – gibt, was ich brauche. Meinen Hunger stillt.

Gott ist Brot. Das Brot ist die handfeste Erinnerung, dass Gott bei mir ist und immer an mir festhalten wird. Gott ist Brot. Er ist alles was ich brauche. Wenn ich das Brot esse. Wenn ich Abendmahl mit anderen feiere. Wenn wir Brot teilen. Dann ist Gott nicht nur nahe, sondern er kommt mitten hinein in die Gemeinschaft, in mein Leben, wird Teil von mir selbst.

Noch ein letzter Gedanke:

Brot überwindet den Hunger. Das Brot, das Jesus ausgeteilt hat, überwindet sogar den Tod. Mit Jesus wird den Menschen eine Hoffnung über den Tod hinaus geschenkt. Das ist einzigartig. Weil es eine Hoffnung ist, die dem Leben einen Sinn und ein Ziel schenkt. Was tun mit dieser Hoffnung? Weitergeben, teilen, lebendig werden lassen. Das tun wir, wenn wir mit anderen teilen, was Jesus uns längst gegeben hat: Liebe, Halt, Perspektive, Vergebung, Großzügigkeit und so vieles mehr.

Damit wir aber teilen können, was er uns im Brot schenkt, müssen auch wir uns immer wieder mit ihm verbinden und uns von ihm neu beschenken lassen.

Amen