15 Marshmallows?

Gibt es ein Zuviel des Guten? Und wenn ja, was will Gott dann für mich? Das Gute oder doch noch mehr? Ein Psalmist besingt den guten Gott, Mose würde ihn gerne sehen.

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Gibt es eigentlich ein Zuviel des Guten? Ein 11-jähriges Mädchen wurde das gefragt, antwortete mit „ja“ und erzählte Folgendes: „Wir haben Marshmallows gegrillt. Und die ersten sieben haben mir sehr gut geschmeckt. Aber nach 15 ist mir schlecht geworden. Da hatte zu viel von etwas Gutem.[1]“ So einfach ist das mit dem Zuviel des Guten! Und irgendwie erinnert mich die Bitte Moses genau daran. Mose will die Herrlichkeit Gottes sehen und Gott sagt „Jein“, also einerseits „Ja“ und andererseits „Nein“. Gott wird Mose sein volles Angesicht nicht zeigen, aber er wird seine Hand über ihn halten, vorübergehen und Mose darf ihm hinterhersehen. Das volle Angesicht Gottes wäre zu viel des Guten, so klingt es für mich.

Schade, denn das wäre doch etwas: Gott in seiner ganzen Herrlichkeit sehen. Wissen, das ist jetzt Gott, der mir gegenübersteht. So ist das also, wenn Gott da ist und mich anschaut. Ja, das fände ich toll. Das würde viele Zweifel ausräumen. Da hätte ich endlich volle Gewissheit und könnte getrost weitergehen. Das Leben und vor allem zu glauben wären doch so viel einfacher.

Vielleicht hat Mose auch so gedacht: Tag um Tag ist er mit dem Volk Israel durch die Wüste gezogen. Trockenheit, Hitze, Hunger, viele schimpften und zweifelten, sie hatten keine Lust mehr und das Ziel aus den Augen verloren. Sie fühlten sich von Gott verlassen. Wo ist er der große Gott? Und Mose will ja vertrauen, dass Gott vorangeht und er, Mose, mit dem Volk hinterherzieht. Aber wäre es da nicht geschickt, wenn Gott sein Angesicht, seine Herrlichkeit mal zeigen könnte. Dann wäre es doch leichter zu vertrauen und weiterzugehen?

Und Gott sagt, „ja, aber“. Nicht die volle Ladung Gott. Nicht 15 Marshmallows, nur sieben. Nur so viele, wie du verträgst und dir guttun.

Eltern wissen manchmal eben doch besser, was gut für einen ist. Warum Gott hier „ja, aber“ sagt, das kann ich nur erahnen. Vielleicht weil seine ganze Gegenwart mehr Fragen in meinem Leben aufwerfen würde, als ich bearbeiten kann? Weil ich dann nicht mehr in der Lage wäre, mein Leben zu leben? Ich weiß es nicht. Ich weiß aber, dass Gott nicht nur „nein“ sagt, sondern auch „ja“ zu Moses Bitte. Er will Mose im Vorübergehen seine ganze Güte zeigen. Ich verstehe es so: Gott will so präsent sein, dass Mose klar ist: Das ist Gott, das kann nur Gott sein.

Aber was mache ich nun mit dieser Geschichte?

Ich meine, sie fordert mich geradezu dazu auf, Gott zu bitten, dass er sich mir zeigt. Ich darf das. Darf bitten, wenn mir der Weg zu steinig und zu schwer wird. Wenn ich nicht mehr kann oder Fragen über Fragen habe. Wenn ich einsam bin, mich verlassen fühle. Wenn ich dachte, ‚das war doch mal Gottes Wille‘, und jetzt dastehe und ratlos frage: „Wo bist du jetzt, Gott? Hast du mich hängen lassen?“ Ich darf bitten, seine Herrlichkeit zu sehen. Zu sehen, dass er noch da ist, mitgeht und ich nicht allein bin.

Die Geschichte sagt mir aber auch: Gott wird nicht einfach vor mir stehen und sagen: „Hier bin ich.“ Sondern Gott wird mich halten, seine Hand über mir halten. Dann wird er mit mir auf dem Weg sein. Und wenn er vorüber ist, werde ich ihm nachblicken und sagen können: „Das war Gott, der mit mir war. Der bei mir war.“ In der Rückschau. Im Rückblick werde ich ihn erkennen. Wer Gott sehen und erkennen will, der muss den Mut haben zurückzuschauen. Mut braucht es dazu, weil die Rückschau schmerzhaft sein kann. Ich muss mich einer Situation nochmal stellen. Mir etwas vor Augen führen, das ich vielleicht nicht nochmal sehen möchte. Vielleicht sehe ich dann aber auch, dass er für mich da war. Oder dass es in allem Unglück einen glücklichen Umstand gab, der mich aus meiner verzweifelten Lage herausgeholt hat. Vielleicht stelle ich fest, dass ich Kraft hatte, wo ich doch eigentlich am Ende meiner Kräfte hätte sein müssen. In meinem Leben kann ich das festmachen. Oft weiß ich heute noch den Tag und die Situation, wo sich mein Blatt zum Guten gewendet hat. Wo plötzlich Hilfe war, ein überraschender Anruf oder Besuch. Ein Fremder, der mich warnte, nicht mit dem Auto weiterzufahren, weil er etwas gesehen hatte, das ich nicht sah. Es gab glückliche Fügungen und Zufälle, die mir so zugefallen sind, dass ich am Zufall zweifeln musste. Wer Gott sehen will, muss zurückblicken. Wer Gott sehen will in seiner Herrlichkeit, muss bereit sein, sich seiner Vergangenheit zu öffnen und es für möglich halten können, dass Gott seine Hände im Spiel hatte.

Dieser Rückblick hilft mir dann beim Vorwärtsgehen, denn letztendlich geht es darum. Der Blick zurück hilft mir nur, wenn ich ihn mir hier und jetzt nutzbar mache. Mose bat um Gottes Angesicht, weil er Kraft brauchte, um weiter mit dem Volk Israel unterwegs sein zu können. Er brauchte Stärkung, Gewissheit, Gottes Nähe, um weitergehen zu können.

Zu sehen, dass Gott in meinem Leben bereits eine Rolle spielte, mir geholfen und mich durch Schweres getragen hat, das soll mir Mut machen, weiterhin auf ihn zu setzen.

Wir stehen noch am Anfang eines neuen Jahres. Vieles ist noch verborgen, manches zeichnet sich schon ab, was kommt und ich habe meine Probleme damit. Wie werde ich das schaffen? Welche Folgen wird das für mich haben?

Die Geschichte von Mose macht mir Mut, Gott um seine Gegenwart zu bitten. Sie macht mir Mut zurückzuschauen und zu sehen, ich war in anderen schweren Momenten nicht allein. Sie macht mir Mut nach vorne zu leben, weil sie mir sagt: Gott wird bei mir sein, auch wenn ich sein Angesicht nicht sehe. Er wird mich halten und mit mir gehen. Seine ganze Gnade werde ich abbekommen, auch wenn ich sie nicht gleich zu spüren bekomme. Und wenn ich ein paar Monate oder Jahre später zurückschaue, werde ich sehen können: Gott war da. Nur Mut also. Es werden genau sieben Marshmallows gewesen sein und nicht 15. Zum Glück. Amen.