Barmherzig!

Wer stark ist, braucht keine Barmherzigkeit. Aber die größte Stärke, die wir uns beweisen können, ist, uns einzugestehen, schwach zu sein. Wie Gott hilft, und wem Jesus sich widmet, hören wir.

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Nicht die Starken brauchen den Arzt, sondern die Kranken.“ Warum verärgert dieser Satz? Warum scheint es, als verletze dieser Satz die Schriftgelehrten und Pharisäer? Warum erscheint er ihnen wie ein Schlag ins Gesicht? Und wenn ich mich ehrlich mache, fühle ich mich dadurch auch ein bisschen verletzt.

Jesus kümmert sich um die, die keiner gut findet, mit denen keiner etwas zu tun haben will, die am Rand stehen, die nicht nur Mist, sondern großen Mist im Leben gebaut haben. Ist das nicht toll? Ist doch gut, dass Jesus dahin geht. Die Kranken, die Schwachen brauchen ihn, nicht die Starken.

Ja, und weil ich vielleicht wirklich nicht so abgerissen daherkomme, wie manch einer, bei dem Jesus sich einlädt, um mit ihnen zu essen, Gemeinschaft zu haben, fühle ich mich durch Jesu Worte ausgegrenzt.

„Hey, ich bin vielleicht nicht so abgestürzt im Leben oder habe mir so viele Feinde gemacht, wie die Zöllner damals, aber ich brauche dich doch auch, Jesus!“, will ich dann vielleicht sagen und Jesus fragen: „Gehöre ich in deinen Augen zu den Starken?“

Ich denke, die Starken in Jesu Augen sind die, die von sich so überzeugt sind, die so ein großes Ego haben, dass neben ihnen keiner mehr Platz hat, schon gar nicht Gott. Starke sind die, die nur sich sehen und was sie leisten und können und wie Jesus es in einer anderen Geschichte erzählt: die auf andere herabschauen und Gott danken, dass sie nicht so arm dran sind, wie die anderen. Da beherrscht die Überheblichkeit die Gedanken und nicht der Dank. Stark, wie Jesus hier meint, sind die, die unbelehrbar sind. Von der Richtigkeit ihrer Wahrheit überzeugt. Die Engstirnigen, die Ungnädigen, die Unbarmherzigen. Diese Starken bräuchten vielleicht schon einen Arzt, aber sie wollen keinen. Sind sich selber der Arzt. Wer sagt: „Ich brauche dich, Jesus!“, der sieht und benennt, dass er eben doch nicht alles im Griff hat, Fehler gemacht, andere verletzt, Richtiges vielleicht nicht einmal gewollt und auf jeden Fall Falsches getan hat, der seine Schwachstellen sieht und offen zugibt: „Ich will mich entwickeln, will lernen aus Fehlern und besser werden, besser werden darin, Jesus nachzufolgen, von ihm zu lernen.“ Wer sagt, „Jesus, ich brauche dich!“, der sieht, dass er Verletzungen hat, Wunden, Narben, die schmerzen, und der erhofft sich von Jesus Heilung. Das wirkt nicht stark, ist aber stark.

Jesus verlangt in dieser Geschichte von seinen kritischen Zuhörern Barmherzigkeit. Sie sollen sich und anderen gegenüber barmherzig sein.

Dabei zitiert er Worte aus dem Alten Testament: »Barmherzigkeit will ich und nicht Opfer.«

Barmherzig sein, das heißt, dass ich in Beziehung gehe. Ein anderer Mensch, eine Sache, ein Ereignis, lässt mich nicht kalt. Ich schaue nicht weg, sondern hin. Verurteile nicht, lege nicht meine Maßstäbe an und versuche, mit Gottes liebenden Augen zu sehen. Das gilt dann nicht nur anderen, sondern auch mir selbst gegenüber. Ich kann auch zu mir selbst unbarmherzig sein. Auch das hat mit Beziehung zu tun. Mit einer Beziehung zu mir selbst. Ich werte mich ab oder kann mir selbst nicht vergeben. Wer zu sich selbst unbarmherzig ist, wird es auch leicht anderen gegenüber. Wer Gottes Barmherzigkeit schätzt und für sich in Anspruch nimmt, weil er weiß, dass auch er Barmherzigkeit braucht, dem fällt es leichter, barmherzig zu anderen zu sein.

Barmherzigkeit will Jesus und nicht Opfer. Opfer sind fromme Werke, mit denen ich Gott beeindrucken, bei ihm gut dastehen will. Ich befolge Regeln und halte sie hoch und befolge sie um der Regel willen. Es geht um Schein und nicht um Sein. Barmherzigkeit hingegen heißt, in Beziehung sein. Da sein. Für andere da sein. Etwas tun. Ganz aktiv. Jesus fordert Beziehung ein. Zu anderen und zu mir selbst. Was braucht wer? Was kann ich tun? Diese Barmherzigkeit allem und jedem gegenüber beruht auf Gottes Gerechtigkeit. Sie ist anders als das, was wir als gerecht empfinden. Als Jesus den Zöllner Matthäus anspricht und ihn auffordert, ihm nachzufolgen, macht er klar: Gottes Gerechtigkeit ist eine andere. Hier gelten andere Maßstäbe und Gesetze. Wer diese Gerechtigkeit kennen lernen will, der kann mir nachfolgen. Matthäus willigt ein. Er braucht Jesus, den Arzt, um diese Gerechtigkeit zu entdecken. Eine Gerechtigkeit, die gelebte Barmherzigkeit ist.

In dem Gespräch mit den Schriftgelehrten wird einmal mehr deutlich: Rein verkopfter Glaube, Opferglaube ist nicht der Weg zu Gott. Glaube braucht Beziehung. Barmherzige Beziehung. Er will in Taten gelebt werden. Barmherzigen Taten. Das zu lernen ist ein Weg. Ein Weg, den Jesus mitgeht, denn er führt weg vom vermeintlich starken Typen, der mit seiner Gerechtigkeit und Selbstgerechtigkeit zufrieden ist, hin zu Jesus. Jesus ist für alle gekommen. Die Frage ist nur, ob ich mir eingestehe, dass ich seine Hilfe und Heilung brauche, so dass Jesus, der Arzt, auch zu mir kommen kann. Er meint durchaus mich, wenn er davon spricht, dass er nicht für die Starken, sondern für die Kranken gekommen ist. Kein Grund sich von Jesus ausgeschlossen zu fühlen, wenn ich es vor mir selbst schaffe, mir meine Schwachheit einzugestehen. Er ist barmherzig und durch seine Barmherzigkeit kann ich geheilt werden und von ihr lernen.

Amen